Bolschoi-TheaterSpitzenkräfte

Tanz hat den Fotografen Peter Lindbergh schon immer fasziniert. Nun durfte er im Moskauer Bolschoi einige der besten Tänzer der Welt bei der Arbeit beobachten. von 

ZEITmagazin: Herr Lindbergh, wie kamen Sie dazu, das Bolschoitheater zu fotografieren?

Peter Lindbergh: Der russische Präsident Medwedjew ist ein engagierter Hobbyfotograf und hatte sich offenbar gewünscht, dass ich die Fotos für ein Buch mache, das jetzt zur Wiedereröffnung des Theaters erschienen ist. Bei der großen Einweihungsfeier haben die geladenen Gäste den Band überreicht bekommen.

Anzeige

ZEITmagazin: Sie haben das zeitgenössische Bolschoi fotografiert, das Theatergebäude und das Ballettensemble.

Lindbergh: Ja, ich habe die Tänzer und Tänzerinnen des heutigen Ensembles fotografiert, nicht so sehr die Architektur und auch nicht die Renovierung des Theaters. Ich war einfach fünf lange und aufregende Tage lang im Bolschoi und habe von morgens bis abends die Tänzer bei den Proben mit der Kamera beobachtet.

ZEITmagazin: Wie haben die Tänzer reagiert?

Lindbergh: Ich habe wohl am Anfang zu viel von Nijinski und Djagilew geschwärmt und damit einige der Tänzer irritiert, bis mir Iwan Wassiljew, der unumstrittene Star im Boschoi, sagte: »Wir sind die Nijinkis und Djagilews von heute!« Ich konnte ihn trotzdem überreden, mir einige der mythischen Bewegungen von Djagilew für die Kamera vorzutanzen. Ich war besonders von seiner enormen Sprungkraft fasziniert, mit der er die Schwerkraft aufzuheben scheint. Und von seinen unglaublichen Beinmuskeln. Ich muss übrigens gestehen, dass ich Anhänger einer total entgegengesetzten Ballettschule bin, der Tradition von Pina Bausch, die dem Ausdruckstanz verwandter ist als dem traditionellen Ballett im Bolschoi.

ZEITmagazin: Sie waren viele Jahre lang mit Pina Bausch befreundet, bis zu ihrem Tod.

Lindbergh: Ja, über 30 Jahre lang. Haben Sie Wim Wenders’ Film über Pina gesehen? Wim war auch eng mit ihr befreundet. Er hat ihr mit diesem Film, der ein Meisterwerk und eine zarte Liebeserklärung an sie ist, ein wunderschönes Denkmal gesetzt. Der Film ist übrigens gerade für den Oscar nominiert worden.

ZEITmagazin: Sie haben in Ihrer Karriere immer wieder Tänzer fotografiert. Was macht sie für Sie als Fotografen so interessant?

Lindbergh: Es berührt mich, diese Hingabe bei den Tänzern zu sehen. Allerdings beobachte ich sie lieber bei den Proben, wenn sie Sweatshirts tragen. Bei den eigentlichen Aufführungen des klassischen Balletts, wenn die Kostüme dazukommen, langweile ich mich eher.

ZEITmagazin: Das Bolschoi-Ballett hat auch etwas von Leistungssport.

Lindbergh: Das Pensum der Tänzer ist unmenschlich. Es geht natürlich darum, besser zu sein als die anderen, insofern stimmt der Vergleich schon. Die Leidensfähigkeit der Tänzer ist enorm. Sie sind bereit, alles zu geben, um die wenigen Jahre zu nutzen, die sie an der Spitze bleiben können. Auf eine gewisse Art haben sie deshalb auch etwas Trauriges, Melancholisches an sich, was bei mir ein Gefühl von Poesie hervorruft. Denn die Tänzer wissen: Kaum sind sie ganz oben und haben die besten Rollen, rückt schon die nächste Generation nach.

ZEITmagazin: Was unterscheidet die Arbeit mit Tänzern von Aufnahmen mit Models?

Lindbergh: Beide müssen etwas mitbringen, womit sie den Fotografen faszinieren und inspirieren. Das gilt natürlich auch andersherum. Dabei ist es kein Unterschied, ob jemand Model, Tänzer, Schauspieler oder sonst irgendetwas ist. Das Prinzip, dass aus einer Begegnung etwas entsteht, sei es ein Foto, Musik oder was auch immer, bleibt gleich. Nichts ist aufregender und schöner als dieser Moment.

ZEITmagazin: Vor zwei Wochen hat das Londoner Auktionshaus Phillips de Pury Bilder von Ihnen versteigert, unter anderem ein Foto des Models Amber Valetta in New York aus dem Jahr 1993. Es wurde für mehr als 130.000 Euro verkauft.

Lindbergh: Das hat mich natürlich berührt, schon der Schätzpreis vorher war ja enorm. Diese großen internationalen Auktionen, auf denen die Sammler, Galerien und Museen kaufen, zeigen jedem Künstler ohne Erbarmen, wie hoch sein wirklicher Marktwert ist. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie das Foto mit Amber entstanden ist. Es war ein Auftrag für die Dezember-Ausgabe des amerikanischen Magazins Harper’s Bazaar, für das Weihnachtsheft. Ich wollte ein modernes Märchen erzählen. Für dieses Foto haben wir Amber um sechs Uhr früh in der Morgendämmerung auf dem um diese Zeit noch ganz leeren Times Square in New York fotografiert – mitten auf der Straße, mutterseelenallein.

ZEITmagazin: In Deutschland sind Sie gerade im Kino zu sehen, in Charlotte Ramplings autobiografischem Film »The Look«.

Lindbergh: Uns verbindet eine lange Freundschaft, und ich kann nur sagen, dass sie eine wunderbare und, im wirklichen Sinne des Wortes, wunderschöne Frau ist.

ZEITmagazin: In dem Dokumentarfilm fotografieren Sie Charlotte Rampling, plötzlich dreht sie das Spiel um, nimmt Ihre Kamera und fotografiert Sie. Wie ging es dem Model Peter Lindbergh?

Lindbergh: Charlotte hat mir damit die Augen geöffnet. Mir ist klar geworden, was ich der Menschheit angetan habe, indem ich seit 30 Jahren ohne die geringsten Skrupel meine Kamera auf menschliche Wesen gerichtet habe. Ich würde mal sagen, dass 25 Jahre Buße in einem buddhistischen Kloster eine angemessene Strafe wären, um mein Karma wieder einigermaßen auf den richtigen Weg zu bringen (lacht).

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Schlagworte Charlotte Rampling | Pina Bausch | Auktion | Auktionshaus | Ballett | Leistungssport
    Service