Zu Hause im Arbeitszimmer von Ulrich Doert klebt ein ausgerissenes Blatt aus einem Rechenheft an der Wand. Die Worte darauf haben ihn so gerührt, dass es zwischen selbst gemalten Bildern und Briefen von Schülern hängen darf. »Herr Doert, Sie sind ein ganz toller und wertvoller Mensch, Mann und Lehrer, und wir mögen Sie von ganzem Herzen«, steht da schwarz auf kariertem Papier, »die Holzköpfigkeit der Menschen muss durchbrochen werden.«

Die Mutter eines Schülers hat ihm das geschrieben, nachdem sie von dem Film erfahren hat. Dem Film, in dem Doert erzählt hat, wie es ihm als schwulem Mann im Schulalltag und privat geht. Drei Schülerinnen seiner Schule haben So wie ich bin gedreht. Der Film hat Preise gewonnen, wird von Sozialpädagogen und Schulen angefordert und ist Ende November im deutschen Wettbewerb des internationalen Nachwuchsfestivals up-and-coming in Hannover zu sehen. Vor allem aber hat er etwas verändert im Zusammenleben an der Katharina-Henoth-Gesamtschule in Köln.

Es ist ein herrlicher Tag im Herbst, Ulrich Doert fährt von seiner Wohnung in der Kölner Altstadt aus über den Rhein auf die Schäl Sick, die falsche Seite, wie der Rheinländer sagt. Dort, weit im Kölner Osten, wo Kulturen und Religionen zusammentreffen und viele Familien wenig Geld haben, liegt die Gesamtschule. Wegweiser bringen Ordnung in die geklinkerten Flachbauten des Schulgeländes. Draußen wirbeln gelbe Blätter, drinnen überschlagen sich, wie jeden Tag an einer Schule mit tausend Schülern, die Ereignisse.

Um kurz nach acht übernimmt Ulrich Doert eine Vertretungsstunde, danach muss er schnell zum Fototermin mit den jungen Filmemacherinnen. Unterwegs fragen ihn zwei Jungs, ob sie später ihren Test zurückbekommen. »Ja«, ruft er, die Schüler antworten mit lautem Triumphgeheul. Rabia Acer, Gamze Ceren und Özge Yildirim, deren Namen Doert so flüssig ausspricht, als hießen sie Müller oder Schmidt, warten in der Aula. Dann werden Aufnahmen gemacht: Doert, den man im karierten Hemd und mit Dreitagebart jünger schätzen würde als auf seine 49 Jahre, zwischen den Schülerinnen, die extra schicke Blazer angezogen haben, sich etwas unsicher durch die langen Haare streichen und über das andauernde Blitzlicht lachen.

Sie erinnern sich noch gut, wie aufgeregt sie vor einem Jahr waren, als sie in der Pause vor dem Lehrerzimmer standen. Sie steckten mitten in der einwöchigen Dokumentarfilmwerkstatt zum Thema »Familienbande«, die die Filmemacherin Vera Schöpfer an ihrer Schule anbot, hatten etwas über das Coming-out von Jugendlichen machen wollen, doch die Protagonisten hatten abgesagt. Nun hofften Rabia, Gamze und Özge, damals 15 Jahre alt, dass Doert einspringen würde. Rabia hatte von ihrer Schwester gehört, dass er schwul sei. »Ich musste ihn darauf ansprechen, obwohl er es mir nie selbst erzählt hat«, sagt Rabia. Doert sagte zu, doch auch er war aufgeregt, er fürchtete sich vor der Reaktion mancher Eltern, Schüler und Kollegen.

Es gab Zeiten, da ging der Lehrer für Biologie und Englisch nicht so gern zur Schule. Da betrat er den Klassenraum, klappte die Tafel auf und stand vor erigierten Kreidepenissen. Da riefen ihm Schüler auf dem Flur »Schwuli« und »Tunte« hinterher. Da kam er heim und hörte, wie Eltern auf seinem Anrufbeantworter schimpften, dass jemand wie er Lehrer sein dürfe.

 

Solche Erfahrungen machen viele schwule Kollegen. Der Referendar Arne Müller hat für seine Masterarbeit an der Universität Oldenburg weit über tausend von ihnen dazu befragt. Sie berichten von Beleidigungen (acht Prozent), Belästigungen (vier Prozent) und Ausgrenzung durch Kollegen (15 Prozent). Dass es Homosexuelle an Schulen nicht leicht haben, legen auch andere Studien nahe, denen zufolge über 60 Prozent der Jugendlichen Homosexualität ablehnen und sich jeder zweite darüber lustig macht.

Rabia, Gamze und Özge fragen ihre Mitschüler im Film direkt: Was hältst du von Homosexuellen? Was würdest du machen, wenn dein Kind homosexuell ist? Ein paar Antworten: »Ich verabscheue solche Leute nicht, aber das ist halt schwer zu akzeptieren.« – »Wenn mein Sohn homosexuell wäre, hätte ich ihn erst gar nicht auf die Welt gebracht. Ich würd dafür sorgen, dass er nicht homosexuell ist.« Dann kommt einer der Gegenschnitte, die dem Film Schärfe verleihen: Ulrich Doert erzählt, wie sein Vater ihn geschlagen habe, als er erfuhr, dass sein Sohn schwul ist, und dass sie sich seit Jahrzehnten nicht gesehen hätten. Manche Kollegen haben Doert davor gewarnt, so viel von sich preiszugeben.

Auch unter homosexuellen Lehrern gehen die Meinungen auseinander, ob es in der Schule jemanden etwas angeht, wen man mag. Die einen finden, das sei privat. Die anderen meinen, das gehöre zu ihnen – und sie wollten in der Schule so sein, wie sie sind. Einigkeit herrscht bei den meisten darin, dass sie keine Lust haben, ständig offiziell ihre sexuelle Orientierung zu verkünden. »Das immer sofort auf den Tisch zu legen ist ja auch nicht normal«, sagt der Referendar Arne Müller. Warum soll sich ein Mensch dafür rechtfertigen müssen und erklären, wen er liebt?

Verleugnen, wen er liebt, das mochte Ulrich Doert eines Tages auch nicht mehr. An den Schulen, an denen er früher unterrichtete, hatte er sich um Geheimhaltung bemüht. Seine schlechten Erfahrungen stammen überwiegend aus dieser Zeit. Es kam vor, dass Schüler ihn mit seinem Freund in der Stadt sahen. »Sie hatten mich dadurch in der Hand und konnten mich damit provozieren«, sagt er. An der Katharina-Henoth-Gesamtschule ging er vor gut zehn Jahren dazu über, Fragen mit »Ja, ich bin seit 17 Jahren mit meinem Freund zusammen!« zu beantworten.

Auf den Tischen der fünften Klasse, die er heute vertretungsweise unterrichtet, liegen bunte Namensschilder. Auf einem steht »Ecem«, Doert geht in die Knie, auf Augenhöhe, und fragt das Mädchen nach der Bedeutung ihres Namens. »Das heißt Bienenkönigin«, sagt sie und strahlt. So ernst, wie er die Schüler im Alltag nimmt, so ernst nimmt er auch ihre Ängste, die sein Schwulsein bisweilen auslöst. Er hat einige Male erlebt, dass Schüler perplex darauf reagiert haben. Manche sagten, das könne doch gar nicht sein, andere gaben ihm nicht mehr die Hand. Für den Lehrer war das schwierig, doch nach ein paar Wochen entkrampfte sich das Verhältnis meist von selbst wieder. Seine Entscheidung für die Offenheit hat Doert nie bereut. Er hofft, auch schwulen und lesbischen Schülern Mut zu machen, die es ungleich schwerer hätten.

In einer großen bundesweiten Umfrage des Berliner Anti-Gewalt-Projektes Maneo aus dem Jahr 2007/08 berichten 43 Prozent der schwulen und bisexuellen Schüler, im Laufe der letzten zwölf Monate psychische Übergriffe erfahren zu haben, 17 Prozent erlebten körperliche Übergriffe. Erstere kamen an Gymnasien häufiger vor, Letztere an anderen Schulen. Die Gewalterfahrungen von Schülern liegen insgesamt um 20 Prozent höher als beim Durchschnitt der befragten Männer.

Für lesbische Jugendliche sei das Coming-out etwas einfacher, vermutet Jutta Cassau von der Berliner Arbeitsgemeinschaft »Lesbische Lehrerinnen«. »Man verbindet Frauen nicht so stark mit Sexualität wie Männer«, sagt sie, Lesbischsein werde deshalb weniger sanktioniert. Von einem unverkrampften Umgang mit Homosexuellen sei man an Schulen jedoch weit entfernt. Regelmäßig ärgert sich Cassau, wenn alle Materialien, die mit dem Thema zu tun haben, in ihrem Fach landen. Dabei wäre es wichtig, dass jeder Lehrer dazu Position bezieht. Um das Klima an Schulen zu verändern, müsste jeder eingreifen, wenn dumme Sprüche kommen, und jeder müsste sich darum kümmern, dass andere Lebensformen im Unterricht gleichberechtigt vorkommen, egal ob in der Mathe-Textaufgabe oder in Biologie. Almut Dietrich, die als Landeskoordinatorin der Anti-Gewalt-Arbeit in Nordrhein-Westfalen seit 2008 die Kampagne »Schule ohne Homophobie – Schule der Vielfalt« begleitet, beobachtet eine große Unsicherheit bei dem Thema: »Am liebsten laden die Schulen externe Experten ein, die sich darum kümmern.« Indem man Aufklärungsteams von außen schickt, Unterrichtsmaterial und -module zur Verfügung stellt, könne man Anstöße geben, für die Nachhaltigkeit müssten die Schulen aber selbst sorgen.

 

Viele Schüler sind auf Ulrich Doert zugegangen, nachdem sie ihn im Film gesehen haben, der nun im Unterricht gezeigt wird. Sie äußerten ihr Bedauern, dass er so lange keinen Kontakt zu seinem Vater hatte. »Sie haben gemerkt, dass ich nicht schwul bin, weil das schick ist«, sagt er. Auch ein Junge, der im Film meinte, er würde ein schwules Kind nicht auf die Welt bringen, kam, um sich zu entschuldigen. »Allein deswegen können wir schon stolz sein«, sagt Rabia.

Sicher ist es kein Zufall, dass drei junge Frauen, die im Gespräch fließend zu ihrer Muttersprache Türkisch wechseln, diesen Film gemacht haben. An einer Schule, in der über 70 Prozent der Schüler aus Einwandererfamilien stammen, weiß die Mehrheit, wie es sich anfühlt, als anders wahrgenommen und ausgegrenzt zu werden.

Ob sie eingreifen würden, wenn »schwul« mal wieder als Schimpfwort über den Schulhof hallt? Wenn es jemand rufen würde, den sie kennt, schon, meint Rabia. Doch sie betont auch, dass der Film nicht heiße, dass sie jetzt völlig unbefangen wäre. »Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn jemand aus meiner Familie homosexuell wäre.« Doch der Film ist ein Anfang. Vor Kurzem saß Özge in der U-Bahn, als sich plötzlich zwei Männer küssten. Früher hätte sie das vielleicht eklig gefunden, gibt sie zu. Dieses Mal sagte sie sich: »Okay, ist ja was Normales.«

An der Katharina-Henoth-Gesamtschule hat Doert seit Monaten keine negativen Erlebnisse mehr gehabt. Zumindest keine, mit denen nicht auch andere Lehrer kämpfen: etwa wenn wie an diesem Tag in der fünften Stunde die Siebtklässler außer Rand und Band sind, nachdem sie ihren Englischtest zurückbekommen haben. Sie schwätzen und krakeelen, bis er droht, ihre Eltern anzurufen.

Als er kurz darauf im Auto seiner Kollegin sitzt und sie sich nach seinem »Fotoshooting« erkundigt, kann er aber schon wieder laut mit ihr über seine plötzliche Prominenz lachen. »Man sollte mal eine Kampagne für Menschlichkeit starten, darum geht’s doch eigentlich«, sagt die Kollegin dann, während sie über die Brücke zurück auf die andere Rheinseite fahren. Ins Herz der Stadt, die sich gern damit schmückt, dass dort jeder Jeck anders ist.

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