OdenwaldschuleSprecher der Sprachlosen

Adrian Koerfer gibt den Missbrauchsopfern der Odenwaldschule ein Gesicht und eine Stimme. Er fordert Entschädigung – manche beschimpfen ihn als Nestbeschmutzer.

Die Odenwaldschule im hessischen Oberhambach bei Heppenheim

Die Odenwaldschule im hessischen Oberhambach bei Heppenheim

Der Journalist, den Adrian Koerfer ganz zu Beginn in Frankfurt traf, hatte ihn gewarnt. »Wir sind Hyänen«, hatte er gesagt. Es war das erste von Dutzenden Interviews. Koerfer ließ sich auf die Hyänen ein.

Das war im März 2010, die Odenwaldschule, das Vorzeige-Internat der deutschen Reformpädagogik, war belagert von Reportern, von Tag zu Tag wurden die Meldungen aus dem hessischen Ort Ober-Hambach ungeheuerlicher. Schüler wurden hier von ihren Lehrern missbraucht, systematisch, mehr als 30 Jahre lang. Adrian Koerfer war einer dieser Schüler.

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Die Juristinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann, die im Auftrag der Schule die Verbrechen dokumentierten, schreiben: »In jedem einzelnen Bericht, in jeder E-Mail, in jedem Telefonat erlebten wir, mit welch großen Schwierigkeiten das Sprechen über den sexuellen Missbrauch verbunden war.« Als sich die Opfer im September 2010 im Verein Glasbrechen zusammenschlossen, wählten sie Adrian Koerfer zu ihrem Sprecher. Er sollte den Sprachlosen eine Stimme geben.

Bis heute rufen Menschen bei ihm an und sagen: Mich hat es auch getroffen. Sie erzählen, wie sie der Lehrer morgens mit einem Griff zwischen die Beine weckte, wie sie benutzt und gebrochen wurden. Koerfer nimmt Anrufe entgegen, verteilt Flyer, klebt Protestplakate, er gibt Interviews und schreibt Pressemitteilungen. Morgens, abends, nachts. Die Zeitungsartikel, die er ausgeschnitten hat, füllen drei dicke Aktenordner. Im Juni hatte er seinen 56. Geburtstag. Die Geschenke, sagt er, habe er immer noch nicht ausgepackt.

Früher war Koerfer Verlagskaufmann bei Suhrkamp, er ist Kunstsammler, hat viel Geld geerbt. In seinem lichtdurchfluteten Haus in Bad Homburg hängen Bilder von Gerhard Richter und Andy Warhol. Wenn er die Werke an Museen verleiht, bleibt er im Hintergrund, lange wusste kaum einer, wer hinter der Sammlung steckt. Heute ist aus Adrian Koerfer, dem scheuen Kunstsammler, eine öffentliche Person geworden: Adrian Koerfer, das Missbrauchsopfer.

120 Sitzungen hatte sein Psychologe ihm verschrieben, aber Koerfer brach die Behandlung ab. Manche Opfer haben Zehntausende Euro für Therapien bezahlt. Von der Schule, die den Missbrauch jahrelang vertuschte, fordern sie Entschädigung. Ein bisschen Geld, sagen sie, wäre ein bisschen Gerechtigkeit. Kein einziger Lehrer wurde für seine Übergriffe bestraft. Die Taten sind verjährt.

Der Vorstand der Odenwaldschule hat Anfang November angekündigt, die Stiftung, die zur Entschädigung der Opfer gegründet wurde, mit 500.000 Euro auszustatten. Koerfer hält das für heiße Luft. Der Vorstand spricht von Zuwendungen und Spenden, aber wo genau das Geld herkommen soll, das sagt er nicht.

Demnächst trifft sich der Trägerverein der Odenwaldschule erstmals mit Glasbrechen, um über Entschädigung zu sprechen. Die Schule will ihren Fortbestand sichern, die Opfer wollen Ergebnisse sehen. Das Thema ist heikel, jedes falsch gewählte Wort ein möglicher Affront. Seit mehr als einem Jahr arbeiten sich die Mitglieder beider Vereine daran ab, ehrenamtlich. Sie wirken abgekämpft.

Seit Koerfer in einem Interview die Insolvenz der Schule forderte, gilt er in Ober-Hambach als Nestbeschmutzer. Er sagt, er glaube bis heute an die Ideale seiner alten Schule. Nach Bekanntwerden der Taten ließ er sich sogar kurzzeitig in den Vorstand wählen. Er sagt: »Das, was ich bin, hab ich der OSO zu verdanken.« Der Odenwaldschule Ober-Hambach. Seine Tochter hat vergangenes Jahr dort ihr Abitur gemacht. Dort, wo er jahrelang missbraucht wurde. Viele halten ihn deshalb für unglaubwürdig. »Es klingt schizophren«, sagt Koerfer, »aber die OSO war meine Ersatzfamilie.« An den Wochenenden fuhr er fast nie nach Hause in die Schweiz. Er blieb in Ober-Hambach, wo er beschmutzt und befummelt wurde.

Leser-Kommentare
    • JaneO.
    • 18.11.2011 um 19:34 Uhr

    (…)Koerfer sagt: »Ich muss öffentlich werden, um authentisch zu sein.« Wer sich nicht zeigt, wird nicht gehört.(…)

    Meine volle Zustimmung zu dieser Aussage. Und immer mehr Betroffene trauen sich an die Öffentlichkeit.

    (…)Als Koerfer auf die Bühne tritt, sind die Reihen leer (…)

    Die Gesellschaft neigt aus irgendeinem Grund dazu sich von den „Opfern“ abzuwenden. Dabei ist ja die Schuld bei den Tätern zu suchen und auch zu finden.
    Ich bin aber dennoch zuversichtlich, dass endlich – so langsam – ein Umdenken statt findet.
    Sexualisierte Gewalt an Kindern ist kein Unterschichtenproblem, wie auch die Fälle an der OSO beweisen. Diese Verbrechen ziehen sich durch alle gesellschaftlichen Schichten.

    JaneO. Betroffene sexualisierter Gewalt in der Kindheit

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    • UlaUla
    • 20.11.2011 um 12:13 Uhr

    Ich will einmal auf eine andere Person hinweisen, die den Opfern von psychischer, physischer und sexueller Gewalt in Heimen und Internaten "ein Gesicht gibt", den Wiener Schriftsteller Michael Amon. Für Adrian Koefer scheint die Frage der finanziellen Entschädigung der Opfer eine große Rolle zu spielen. Offensichtlich schadet dies aber in den Augen vieler dem moralischen Anspruch seiner Position, zumal alle Täter straffrei ausgingen und nach Jahrzehnten jetzt nur diejenigen zur Kasse gebeten werden sollen, die zur falschen Zeit am falschen Ort die mehr oder minder (un)geschickten Nachlassverwalter des "Systems Odenwaldschule" darstellen.
    Amon vertritt dagegen die These, dass die finanzielle Entschädigung der Opfer eher zweitrangig sei gegenüber einer wissenschaftlichen Durchleuchtung des "Systems Internat" (siehe http://derstandard.at/131...), weil die durch körperliche und seelische Misshandlung gestohlenen Jahre ohnehin niemandem zurückgegeben werden könnten, schon gar nicht durch irgendwelche - am Ende immer zu bescheidenen und die Opfer eher beleidigenden - Entschädigungssummen. Adrian Koefer war vielleicht zu sehr Teil des "Systems", um ein vorrangiges Interesse an dessen schonungsloser Analyse zu haben. Die Frage der finanziellen Entschädigung lenkt immer auch ein Stück von denjenigen Verantwortlichen ab, die eben nicht so leicht in Regress zu nehmen sind wie der derzeitige Schulträger der OSO.

    • UlaUla
    • 20.11.2011 um 12:13 Uhr

    Ich will einmal auf eine andere Person hinweisen, die den Opfern von psychischer, physischer und sexueller Gewalt in Heimen und Internaten "ein Gesicht gibt", den Wiener Schriftsteller Michael Amon. Für Adrian Koefer scheint die Frage der finanziellen Entschädigung der Opfer eine große Rolle zu spielen. Offensichtlich schadet dies aber in den Augen vieler dem moralischen Anspruch seiner Position, zumal alle Täter straffrei ausgingen und nach Jahrzehnten jetzt nur diejenigen zur Kasse gebeten werden sollen, die zur falschen Zeit am falschen Ort die mehr oder minder (un)geschickten Nachlassverwalter des "Systems Odenwaldschule" darstellen.
    Amon vertritt dagegen die These, dass die finanzielle Entschädigung der Opfer eher zweitrangig sei gegenüber einer wissenschaftlichen Durchleuchtung des "Systems Internat" (siehe http://derstandard.at/131...), weil die durch körperliche und seelische Misshandlung gestohlenen Jahre ohnehin niemandem zurückgegeben werden könnten, schon gar nicht durch irgendwelche - am Ende immer zu bescheidenen und die Opfer eher beleidigenden - Entschädigungssummen. Adrian Koefer war vielleicht zu sehr Teil des "Systems", um ein vorrangiges Interesse an dessen schonungsloser Analyse zu haben. Die Frage der finanziellen Entschädigung lenkt immer auch ein Stück von denjenigen Verantwortlichen ab, die eben nicht so leicht in Regress zu nehmen sind wie der derzeitige Schulträger der OSO.

  1. Aha..

    Die Opfer sind die Nestbeschmutzer.
    Nicht die Täter beschmutzen das Nest. Die Opfer.

    Ist die Odenwaldschule denn nun geschlossen worden?

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    • UlaUla
    • 20.11.2011 um 11:37 Uhr

    Die Frage dürfte rhetorisch gemeint sein. Denn natürlich ist die Odenwaldschule n i c h t geschlossen worden und wird aller Voraussicht nach auch nicht geschlossen werden. Denn es besteht nach wie vor ein großer Bedarf an Einrichtungen, die mäßig begabten, mäßig erzogenen und mäßig leistungsbereiten Kindern betuchter Eltern ein "liberales" Umfeld bieten, in dem es folgenlos bleibt, wenn diese "anecken". Vor allem sorgen die Netzwerke solcher Institute dafür, dass aus jedem Absolventen dann auch später noch etwas wird. Gerade die Familie Koerfer ist ein Musterbeispiel dafür, dass der Besuch bestimmter Internate zur "Familientradition" werden kann - aus welchen Gründen auch immer - und erstaunlicherweise dann auch jeder noch ein auskömmliches Plätzchen in dieser Gesellschaft findet. Da darf man sich wohl nicht wundern, wenn Landerziehungsheime, Jesuitenschulen und dergleichen mehr jede Krise und jeden Skandal bisher überlebt haben.

    • UlaUla
    • 20.11.2011 um 11:37 Uhr

    Die Frage dürfte rhetorisch gemeint sein. Denn natürlich ist die Odenwaldschule n i c h t geschlossen worden und wird aller Voraussicht nach auch nicht geschlossen werden. Denn es besteht nach wie vor ein großer Bedarf an Einrichtungen, die mäßig begabten, mäßig erzogenen und mäßig leistungsbereiten Kindern betuchter Eltern ein "liberales" Umfeld bieten, in dem es folgenlos bleibt, wenn diese "anecken". Vor allem sorgen die Netzwerke solcher Institute dafür, dass aus jedem Absolventen dann auch später noch etwas wird. Gerade die Familie Koerfer ist ein Musterbeispiel dafür, dass der Besuch bestimmter Internate zur "Familientradition" werden kann - aus welchen Gründen auch immer - und erstaunlicherweise dann auch jeder noch ein auskömmliches Plätzchen in dieser Gesellschaft findet. Da darf man sich wohl nicht wundern, wenn Landerziehungsheime, Jesuitenschulen und dergleichen mehr jede Krise und jeden Skandal bisher überlebt haben.

    • UlaUla
    • 19.11.2011 um 17:07 Uhr

    Was muss in einem Menschen vorgehen, der - wie Herr Koerfer - in die Abgründe der Odenwaldschule geblickt hat, schwer traumatisiert wurde und dann die eigene Tochter doch einer solchen Institution anvertraut?
    Häufig konnte man lesen, dass misshandelte und missbrauchte Kinder (oder Ehepartner) eine Art Hörigkeit gegenüber ihren Peinigern entwickeln. Auch gegenüber solchen "Heim-Schulen" scheint diese Form pervertierter Anhänglichkeit und psychischer Abhängigkeit möglich zu sein. Aber es drängen sich auch andere Erklärungen auf: Die Sonderschulen der Reichen wissen ganz genau, wie sie Kundenbindung erzeugen. Sie reden ihren Eleven ein, etwas Besonderes zu sein. Sie bestechen durch die "humane Korruption nachsichtiger Zensuren" (Walter Schäfer) und stellen sich auf Sonderlinge ein, die anderswo in Förderschulen oder Anstalten gesteckt würden. Und oft bleiben die "Kaputten" auch im späteren Leben auf solche Einrichtungen angewiesen, weil eben Äpfel, Birnen und Pflaumen nicht weit vom Stamm fallen. Das hat Uli Weyland (vgl. „Internate – Eliteschulen der Nation?“
    In: ZEITmagazin Nr. 35 vom 1. September 1972, S. 4 f.) bereits vor knapp 40 Jahren anschaulich dokumentiert. Damals sprach man ehrlicherweise von "Mülleimern der Pädagogik". Heute muss man das elende Eliteschul-Geschwätz der medialen Hofberichterstatter ertragen.

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    Adrian Koerfer per Ferndiagnose eine Art Stockholmsyndrom zu unterstellen.
    Vielleicht interessiert Sie ein Interview mit u.a. ihm http://www.fr-online.de/l... wie eine Aussage, die im Artikel hier offenbar als nicht erwähnenswert erschien http://glasbrechen.de/wp-... 'Ich selbst hatte im Jahre 2005 meine Tochter dort angemeldet, denn sie wollte auf dieses Internat, von dem sie viel gehört hatte. Ihr erging es wie vielen anderen auch: ihr wurde kein Leid zugefügt. Ich aber, der ich im März 2010 noch in einem Interview sagte, dass ich weiterhin an „die Ideale der Schule glauben“ würde – ich gäbe mein Kind heute nicht mehr auf diese Schule. Ich weiß inzwischen ganz einfach zu viel. Ich habe zu viele entsetzliche Geschichten gehört, und ich muss bis heute miterleben, wie sich die leitenden Gremien der Schule noch immer gegen eine vorbehaltlose, rücksichtsvolle, mithin empathische, aber für die Schule schonungslose Aufklärung und ebenso gegen die daraus folgenden Konsequenzen (Nachteilsausgleich, Entschädigung, andere finanzielle Hilfen) entschieden haben.'

    ................................................

    Im Artikel fehlt ebenfalls der Hinweis auf den Verein Glasbrechen e.V., auf dessen Seite http://glasbrechen.de/ sich neben sehr viel an Insiderinformation (und daraus ableitenden Haltungen) auch ein Formular zur Anspruchstellung auf Nachteilsausgleich findet.

    Adrian Koerfer per Ferndiagnose eine Art Stockholmsyndrom zu unterstellen.
    Vielleicht interessiert Sie ein Interview mit u.a. ihm http://www.fr-online.de/l... wie eine Aussage, die im Artikel hier offenbar als nicht erwähnenswert erschien http://glasbrechen.de/wp-... 'Ich selbst hatte im Jahre 2005 meine Tochter dort angemeldet, denn sie wollte auf dieses Internat, von dem sie viel gehört hatte. Ihr erging es wie vielen anderen auch: ihr wurde kein Leid zugefügt. Ich aber, der ich im März 2010 noch in einem Interview sagte, dass ich weiterhin an „die Ideale der Schule glauben“ würde – ich gäbe mein Kind heute nicht mehr auf diese Schule. Ich weiß inzwischen ganz einfach zu viel. Ich habe zu viele entsetzliche Geschichten gehört, und ich muss bis heute miterleben, wie sich die leitenden Gremien der Schule noch immer gegen eine vorbehaltlose, rücksichtsvolle, mithin empathische, aber für die Schule schonungslose Aufklärung und ebenso gegen die daraus folgenden Konsequenzen (Nachteilsausgleich, Entschädigung, andere finanzielle Hilfen) entschieden haben.'

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    Im Artikel fehlt ebenfalls der Hinweis auf den Verein Glasbrechen e.V., auf dessen Seite http://glasbrechen.de/ sich neben sehr viel an Insiderinformation (und daraus ableitenden Haltungen) auch ein Formular zur Anspruchstellung auf Nachteilsausgleich findet.

  2. "Als Koerfer auf die Bühne tritt, sind die Reihen leer....Von 1500 Kongressteilnehmern hören nicht einmal 150 zu. Auf der Nebenbühne tanzt eine Schulklasse, der Saal ist voll. Im Foyer stöbern Lehrerinnen an den Büchertischen, die Bände, in denen sie blättern, heißen Bleib auf deinem Weg und Positive Pädagogik."

    Sehr anschaulich beschrieben - genauso ist es eben wenn man an unangenehme Wahrheiten erinnert.

    In unserer Gesellschaft gibt es viele Tabus, auch der physische Tod, dessen Existenz nun wirklich nicht wegdiskutiert werden kann wird geleugnet, löst ein sich Abwenden, große Irritation und Verdrängung aus.

    Das alles ist menschlich. Es handelt sich um Zeichen von Überforderung und Unreife. Dinge, die wir an uns selbst nicht mögen, Eigenschaften und Erlebnisse, die wir nicht verarbeitet haben, werden verdrängt.

    Wie gesund so eine Haltung ist, zumal wenn sie auf die Mehrheit eines bestimmten Kollektivs zutrifft, ist eine andere Frage.

    Aber: die Masse zählt nicht immer und überall. Es ist in solch einem Fall konstruktiver auf diejenigen zu schauen, die sich mutig einem solchen Thema zuwenden und genug Charakterstärke und Reife besitzen, um ihre Haltung zu reflektieren und für die Zukunft zu verändern.

    Immerhin war jeder 10. Kongreßteilnehmer anwesend. Das ist doch schon mal ein Anfang.

    Wird schon....

    Angelika Oetken, Berlin, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit

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    • UlaUla
    • 20.11.2011 um 11:37 Uhr

    Die Frage dürfte rhetorisch gemeint sein. Denn natürlich ist die Odenwaldschule n i c h t geschlossen worden und wird aller Voraussicht nach auch nicht geschlossen werden. Denn es besteht nach wie vor ein großer Bedarf an Einrichtungen, die mäßig begabten, mäßig erzogenen und mäßig leistungsbereiten Kindern betuchter Eltern ein "liberales" Umfeld bieten, in dem es folgenlos bleibt, wenn diese "anecken". Vor allem sorgen die Netzwerke solcher Institute dafür, dass aus jedem Absolventen dann auch später noch etwas wird. Gerade die Familie Koerfer ist ein Musterbeispiel dafür, dass der Besuch bestimmter Internate zur "Familientradition" werden kann - aus welchen Gründen auch immer - und erstaunlicherweise dann auch jeder noch ein auskömmliches Plätzchen in dieser Gesellschaft findet. Da darf man sich wohl nicht wundern, wenn Landerziehungsheime, Jesuitenschulen und dergleichen mehr jede Krise und jeden Skandal bisher überlebt haben.

    • UlaUla
    • 20.11.2011 um 12:13 Uhr

    Ich will einmal auf eine andere Person hinweisen, die den Opfern von psychischer, physischer und sexueller Gewalt in Heimen und Internaten "ein Gesicht gibt", den Wiener Schriftsteller Michael Amon. Für Adrian Koefer scheint die Frage der finanziellen Entschädigung der Opfer eine große Rolle zu spielen. Offensichtlich schadet dies aber in den Augen vieler dem moralischen Anspruch seiner Position, zumal alle Täter straffrei ausgingen und nach Jahrzehnten jetzt nur diejenigen zur Kasse gebeten werden sollen, die zur falschen Zeit am falschen Ort die mehr oder minder (un)geschickten Nachlassverwalter des "Systems Odenwaldschule" darstellen.
    Amon vertritt dagegen die These, dass die finanzielle Entschädigung der Opfer eher zweitrangig sei gegenüber einer wissenschaftlichen Durchleuchtung des "Systems Internat" (siehe http://derstandard.at/131...), weil die durch körperliche und seelische Misshandlung gestohlenen Jahre ohnehin niemandem zurückgegeben werden könnten, schon gar nicht durch irgendwelche - am Ende immer zu bescheidenen und die Opfer eher beleidigenden - Entschädigungssummen. Adrian Koefer war vielleicht zu sehr Teil des "Systems", um ein vorrangiges Interesse an dessen schonungsloser Analyse zu haben. Die Frage der finanziellen Entschädigung lenkt immer auch ein Stück von denjenigen Verantwortlichen ab, die eben nicht so leicht in Regress zu nehmen sind wie der derzeitige Schulträger der OSO.

    Antwort auf "Zeit zum Umdenken"
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    Danke für den Hinweis auf den Standard-Artikel. Das Thema wird uns noch lange beschäftigen. In meinem soeben erschienen Buch "Fromme Begierden" (autobiographischer Roman) versuche ich eine literarische Aufarbeitung der Problematik. Ich verschränke meine eigenen Erlebnisse mit der Geschichte des "Bundes Neuland", einer katholischen Erneuerungsbewegung, die auch stark reformpädagogische Ansätze vertreten hat. Ich versuche zu zeigen, wie es dazu kommen konnte, daß in einem Internat/Schule, die von einer solchen Reformbewegung getragen waren, trotzdem Gewalt, Terror und sexueller Mißbrauch üblich und alltäglich waren.
    http://www.michaelamon.com

    Danke für den Hinweis auf den Standard-Artikel. Das Thema wird uns noch lange beschäftigen. In meinem soeben erschienen Buch "Fromme Begierden" (autobiographischer Roman) versuche ich eine literarische Aufarbeitung der Problematik. Ich verschränke meine eigenen Erlebnisse mit der Geschichte des "Bundes Neuland", einer katholischen Erneuerungsbewegung, die auch stark reformpädagogische Ansätze vertreten hat. Ich versuche zu zeigen, wie es dazu kommen konnte, daß in einem Internat/Schule, die von einer solchen Reformbewegung getragen waren, trotzdem Gewalt, Terror und sexueller Mißbrauch üblich und alltäglich waren.
    http://www.michaelamon.com

  3. Adrian Koerfer per Ferndiagnose eine Art Stockholmsyndrom zu unterstellen.
    Vielleicht interessiert Sie ein Interview mit u.a. ihm http://www.fr-online.de/l... wie eine Aussage, die im Artikel hier offenbar als nicht erwähnenswert erschien http://glasbrechen.de/wp-... 'Ich selbst hatte im Jahre 2005 meine Tochter dort angemeldet, denn sie wollte auf dieses Internat, von dem sie viel gehört hatte. Ihr erging es wie vielen anderen auch: ihr wurde kein Leid zugefügt. Ich aber, der ich im März 2010 noch in einem Interview sagte, dass ich weiterhin an „die Ideale der Schule glauben“ würde – ich gäbe mein Kind heute nicht mehr auf diese Schule. Ich weiß inzwischen ganz einfach zu viel. Ich habe zu viele entsetzliche Geschichten gehört, und ich muss bis heute miterleben, wie sich die leitenden Gremien der Schule noch immer gegen eine vorbehaltlose, rücksichtsvolle, mithin empathische, aber für die Schule schonungslose Aufklärung und ebenso gegen die daraus folgenden Konsequenzen (Nachteilsausgleich, Entschädigung, andere finanzielle Hilfen) entschieden haben.'

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    Im Artikel fehlt ebenfalls der Hinweis auf den Verein Glasbrechen e.V., auf dessen Seite http://glasbrechen.de/ sich neben sehr viel an Insiderinformation (und daraus ableitenden Haltungen) auch ein Formular zur Anspruchstellung auf Nachteilsausgleich findet.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Groteske Widersprüche"
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    "ich gäbe mein Kind heute nicht mehr auf diese Schule. Ich weiß inzwischen ganz einfach zu viel. Ich habe zu viele entsetzliche Geschichten gehört, und ich muss bis heute miterleben, wie sich die leitenden Gremien der Schule noch immer gegen eine vorbehaltlose, rücksichtsvolle, mithin empathische, aber für die Schule schonungslose Aufklärung und ebenso gegen die daraus folgenden Konsequenzen (Nachteilsausgleich, Entschädigung, andere finanzielle Hilfen) entschieden haben."

    Wahrscheinlich ist es wie in vielen, ähnlichen Bereichen auch: der Wunsch das "Image" wider besseren Wissens sauber und ehrenhaft erscheinen zu lassen und das Bedürfnis, nicht zu Verantwortung gezogen zu werden, insbesondere finanziell sind größer als anderen Sorgen.

    Diese Verhaltensweisen findet man insbesondere bei notorisch übergriffig agierenden, aber gesellschaftliches Engagement vortäuschenden Konzernen auch, siehe z.B. http://www.spiegel.de/wis...

    Bei aller Tragik: ich finde es auch beruhigend, dass letztendlich doch meistens herauskommt, wie es wirklich um Würde, Ansehen, Haltung und Kompetenz solcher Verantwortlichen bestellt ist.

    Ich persönlich horche immer misstrauisch auf, wenn Institutionen oder Firmen mit Slogans wie "Mensch im Mittelpunkt" etc. werben. Meist ist es ein Hinweis darauf, dass genau das Gegenteil beabsichtigt wird.

    Angelika Oetken, Berlin, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit

    • UlaUla
    • 20.11.2011 um 14:08 Uhr

    Man wird ja wohl auch die Positionen derer kritisch hinterfragen dürfen, die zwar selbst offensichtlich Opfer waren und sich als Fürsprecher der Opfer öffentlich engagieren, deren Verhalten aber in sich so widersprüchlich ist, dass sie ihrer Sache nicht unbedingt dienen. Sie sprechen von einem Stockholmsyndrom und verwahren sich fremdschämend gegen unlautere Unterstellungen. Das von Ihnen angeführte FR-Interview mit Koerfer, Unseld und Bappert - vielen Dank übrigens für den Hinweis - bestärkt allerdings meinen Verdacht, dass Herr Koerfer in das System Odenwaldschule selbst tiefer verstrickt war, als seiner Rolle als Opfer-Fürsprecher förderlich wäre. Allein der Satz "Ich war dann auch der 17-Jährige, der mit der Englischlehrerin geschlafen hat. Ich sah damals auch nicht ganz schlecht aus und war einfach mittendrin." spricht Bände. Diese Schüler waren nicht nur Opfer, sondern Profiteure des Systems und waren schon von ihren Elternhäusern gut trainiert, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind und wie sie ihnen nützen. Genau das qualifiziert für die Netzwerke dieser "Eliteinternate". Schauen Sie doch mal auf das Gruppenbild mit Joachim Unseld. Späterer Job von Koerfer: Verlagskaufmann im Verlag von Joachim Unselds Papa. Solche "Sprecher der Sprachlosen" und die Ideale, an die sie angeblich glauben, sind mir einfach suspekt. Sie schwimmen offensichtlich in jeder Suppe oben, egal wer diese gekocht hat und wie diese schmeckt.

    "ich gäbe mein Kind heute nicht mehr auf diese Schule. Ich weiß inzwischen ganz einfach zu viel. Ich habe zu viele entsetzliche Geschichten gehört, und ich muss bis heute miterleben, wie sich die leitenden Gremien der Schule noch immer gegen eine vorbehaltlose, rücksichtsvolle, mithin empathische, aber für die Schule schonungslose Aufklärung und ebenso gegen die daraus folgenden Konsequenzen (Nachteilsausgleich, Entschädigung, andere finanzielle Hilfen) entschieden haben."

    Wahrscheinlich ist es wie in vielen, ähnlichen Bereichen auch: der Wunsch das "Image" wider besseren Wissens sauber und ehrenhaft erscheinen zu lassen und das Bedürfnis, nicht zu Verantwortung gezogen zu werden, insbesondere finanziell sind größer als anderen Sorgen.

    Diese Verhaltensweisen findet man insbesondere bei notorisch übergriffig agierenden, aber gesellschaftliches Engagement vortäuschenden Konzernen auch, siehe z.B. http://www.spiegel.de/wis...

    Bei aller Tragik: ich finde es auch beruhigend, dass letztendlich doch meistens herauskommt, wie es wirklich um Würde, Ansehen, Haltung und Kompetenz solcher Verantwortlichen bestellt ist.

    Ich persönlich horche immer misstrauisch auf, wenn Institutionen oder Firmen mit Slogans wie "Mensch im Mittelpunkt" etc. werben. Meist ist es ein Hinweis darauf, dass genau das Gegenteil beabsichtigt wird.

    Angelika Oetken, Berlin, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit

    • UlaUla
    • 20.11.2011 um 14:08 Uhr

    Man wird ja wohl auch die Positionen derer kritisch hinterfragen dürfen, die zwar selbst offensichtlich Opfer waren und sich als Fürsprecher der Opfer öffentlich engagieren, deren Verhalten aber in sich so widersprüchlich ist, dass sie ihrer Sache nicht unbedingt dienen. Sie sprechen von einem Stockholmsyndrom und verwahren sich fremdschämend gegen unlautere Unterstellungen. Das von Ihnen angeführte FR-Interview mit Koerfer, Unseld und Bappert - vielen Dank übrigens für den Hinweis - bestärkt allerdings meinen Verdacht, dass Herr Koerfer in das System Odenwaldschule selbst tiefer verstrickt war, als seiner Rolle als Opfer-Fürsprecher förderlich wäre. Allein der Satz "Ich war dann auch der 17-Jährige, der mit der Englischlehrerin geschlafen hat. Ich sah damals auch nicht ganz schlecht aus und war einfach mittendrin." spricht Bände. Diese Schüler waren nicht nur Opfer, sondern Profiteure des Systems und waren schon von ihren Elternhäusern gut trainiert, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind und wie sie ihnen nützen. Genau das qualifiziert für die Netzwerke dieser "Eliteinternate". Schauen Sie doch mal auf das Gruppenbild mit Joachim Unseld. Späterer Job von Koerfer: Verlagskaufmann im Verlag von Joachim Unselds Papa. Solche "Sprecher der Sprachlosen" und die Ideale, an die sie angeblich glauben, sind mir einfach suspekt. Sie schwimmen offensichtlich in jeder Suppe oben, egal wer diese gekocht hat und wie diese schmeckt.

  4. 8. SMART

    "ich gäbe mein Kind heute nicht mehr auf diese Schule. Ich weiß inzwischen ganz einfach zu viel. Ich habe zu viele entsetzliche Geschichten gehört, und ich muss bis heute miterleben, wie sich die leitenden Gremien der Schule noch immer gegen eine vorbehaltlose, rücksichtsvolle, mithin empathische, aber für die Schule schonungslose Aufklärung und ebenso gegen die daraus folgenden Konsequenzen (Nachteilsausgleich, Entschädigung, andere finanzielle Hilfen) entschieden haben."

    Wahrscheinlich ist es wie in vielen, ähnlichen Bereichen auch: der Wunsch das "Image" wider besseren Wissens sauber und ehrenhaft erscheinen zu lassen und das Bedürfnis, nicht zu Verantwortung gezogen zu werden, insbesondere finanziell sind größer als anderen Sorgen.

    Diese Verhaltensweisen findet man insbesondere bei notorisch übergriffig agierenden, aber gesellschaftliches Engagement vortäuschenden Konzernen auch, siehe z.B. http://www.spiegel.de/wis...

    Bei aller Tragik: ich finde es auch beruhigend, dass letztendlich doch meistens herauskommt, wie es wirklich um Würde, Ansehen, Haltung und Kompetenz solcher Verantwortlichen bestellt ist.

    Ich persönlich horche immer misstrauisch auf, wenn Institutionen oder Firmen mit Slogans wie "Mensch im Mittelpunkt" etc. werben. Meist ist es ein Hinweis darauf, dass genau das Gegenteil beabsichtigt wird.

    Angelika Oetken, Berlin, Betroffene sexualisierter Misshandlung in der Kindheit

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    'Wahrscheinlich ist es wie in vielen, ähnlichen Bereichen auch: der Wunsch das "Image" wider besseren Wissens sauber und ehrenhaft erscheinen zu lassen...' Sondern halte im ganzen Gegenteil seine Haltung für eine reflektierte und differenzierte: seine Tochter wußte vor ihrer Entscheidung von der sexualisierten Gewalt, die ihm an der OS angetan wurde, gleichzeitig aber auch davon, daß er dort auch sehr viel Positives erfahren hat.

    Das ist ein Umgang mit der Erfahrung sexualisierter Gewalt, der mir aus meiner eigenen Erfahrung als konstruktiv erscheint. Besteht ein enges Verhältnis zwischen Täter und Opfer, geht sexualisierte Gewalt oft mit großer Zuwendung einher (was - um Mißverständnissen vorzubeugen - das Verbrechen sexualisierter Gewalt nicht kleinreden soll!) - es ist dann ganz unmöglich, nicht ambivalent in der Bewertung dieser Zeit zu sein. Das Zulassen dieser Ambivalenz halte ich für einen sehr wichtigen Schritt auf dem Weg zur Gesundung, nämlich sich selbst als liebenswerten Menschen zu begreifen, der von sehr vielem geprägt wurde, nicht nur von der Gewalterfahrung.

    Ich habe ihn so verstanden, daß er erst aufgrund der inkonsequenten Aufklärung der Verbrechen (nach der reichlich späten Kenntnisnahme) von Schulleitung, Trägerverein, Medien, 'Brücken bauen' seine Haltung zur OS änderte. Da haben Sie ganz sicher auch mit der 'Imagepflege' recht. Womöglich habe ich Sie aber auch mißverstanden und Sie meinten ausschließlich die OS und nicht Adrian Koerfer.

    'Wahrscheinlich ist es wie in vielen, ähnlichen Bereichen auch: der Wunsch das "Image" wider besseren Wissens sauber und ehrenhaft erscheinen zu lassen...' Sondern halte im ganzen Gegenteil seine Haltung für eine reflektierte und differenzierte: seine Tochter wußte vor ihrer Entscheidung von der sexualisierten Gewalt, die ihm an der OS angetan wurde, gleichzeitig aber auch davon, daß er dort auch sehr viel Positives erfahren hat.

    Das ist ein Umgang mit der Erfahrung sexualisierter Gewalt, der mir aus meiner eigenen Erfahrung als konstruktiv erscheint. Besteht ein enges Verhältnis zwischen Täter und Opfer, geht sexualisierte Gewalt oft mit großer Zuwendung einher (was - um Mißverständnissen vorzubeugen - das Verbrechen sexualisierter Gewalt nicht kleinreden soll!) - es ist dann ganz unmöglich, nicht ambivalent in der Bewertung dieser Zeit zu sein. Das Zulassen dieser Ambivalenz halte ich für einen sehr wichtigen Schritt auf dem Weg zur Gesundung, nämlich sich selbst als liebenswerten Menschen zu begreifen, der von sehr vielem geprägt wurde, nicht nur von der Gewalterfahrung.

    Ich habe ihn so verstanden, daß er erst aufgrund der inkonsequenten Aufklärung der Verbrechen (nach der reichlich späten Kenntnisnahme) von Schulleitung, Trägerverein, Medien, 'Brücken bauen' seine Haltung zur OS änderte. Da haben Sie ganz sicher auch mit der 'Imagepflege' recht. Womöglich habe ich Sie aber auch mißverstanden und Sie meinten ausschließlich die OS und nicht Adrian Koerfer.

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