Felix Bingesser, Sportchef beim Boulevardblatt Blick , setzte eine düstere Miene auf. Dann sprach er in die Kamera des Lokalsenders Tele Züri: »Man muss diese Leute an den Pranger stellen. Die sind mafiös organisiert, der eine deckt den anderen.« Bingesser meinte nicht Terroristen, Schwerkriminelle oder Kriegsverbrecher, sondern Fußballfans. Der Moderator nickte beflissen.

Was war passiert?

Ein paar Tage zuvor hatte sich ein Fan des FC Zürich bei einem Auswärtsspiel in Rom mit einer Knallpetarde drei Finger abgesprengt. Auch ein Balljunge sowie einige umstehende Fans kamen zu Schaden. Bereits Anfang Oktober hatten zwei FCZ-Anhänger Leuchtfackeln in den Fansektor des Stadtrivalen Grasshopper Club geworfen. Das Derby wurde abgebrochen , ein Novum in der Schweiz. Der Blick sprach vom »Krieg im Letzigrund« – und seine Journalisten entdeckten ihre wahre Berufung: Hilfssheriff spielen. Sie publizierten Fotos der mutmaßlichen Täter in der Zeitung und im Internet, was zur Verhaftung des einen Fackelwerfers führte. Der in Rom verletzte Fan wurde zum »Petarden-Trottel«, und in einer mehrtägigen Kampagne durchkämmten die Blick -Reporter sein privates Umfeld. Anrufe beim Arbeitgeber, Auflauern vor dem Elternhaus, unangekündigte Besuche in der Wohngemeinschaft. Statt von mutmaßlichen Tätern sprach man nur mehr von »kriminellen Elementen«.

Einige Fans übten daraufhin Selbstjustiz. Unbekannte bedrohten fünf Blick -Journalisten mit SMS und Telefonanrufen, legten ihnen tote Fische in die Briefkästen. Auf Plakaten und Aufklebern wurden die Reporter als »(Ruf-)Mörder« und »Kinderschänder« beschimpft. Auge um Auge, Zahn um Zahn... Darauf entbrannte in den Fachmedien eine Ethikdebatte. Kolumnisten zitierten Heinrich Böll – »die Gewalt von Worten kann manchmal schlimmer sein als die von Ohrfeigen und Pistolen« –, Blogger gelangten mit einer Beschwerde an den Presserat oder riefen öffentlich zum Blick -Verzicht auf.

Aber niemand stellte die Frage nach den Beweggründen der Boulevardjournalisten. Wieso hetzen sie gegen Fußballfans – die gehören doch zu ihrer Stammleserschaft? Und wieso tun sie dies gerade jetzt? Tatsächlich nur aus Liebe zum Spiel – wie dies der Blick -Chefredaktor öffentlich bekundete? Kaum.

Blättern wir im Medienarchiv einige Monate zurück. Zum diesjährigen Saisonstart, am Samstag, 16. Juli, erschien im Blick ein euphorischer Artikel über den neuen Fernseh- und Marketingvertrag der Schweizer Profiliga: »Bingo! Die Schweizer Fußballklubs haben den größten und besten Deal ihrer Geschichte abgeschlossen.« Autor war Felix Bingesser. Er feierte den neuen Liga-Titelsponsor, die Bank Raiffeisen, sowie Cinetrade, den neuen Besitzer der Übertragungsrechte. Auch erwähnte er, dass Ringier, das Verlagshaus, zu dem der Blick gehört, ebenfalls von diesem »warmen Geldsegen« profitiert.

Wie kommt das?

Im Februar 2010 sicherte sich das Medienhaus eine 50-Prozent-Beteiligung an Ticketcorner, dem schweizweit größten Ticketing-Unternehmen. Auch der Kartenverkauf für sieben der zehn Clubs der obersten Fußballliga organisiert die Firma. Wie der Sonntag berichtete, finanziert der neue Hauptsponsor Raiffeisen den Kauf dieser Beteiligung mit einem Kredit von 47 Millionen Franken. Mehr noch: Vermarktet wird die Liga von Infront/Ringier, die ebenfalls zur Hälfte dem Verlagshaus Ringier gehört. Zu sehen sind die Fußballspiele auf dem Bezahlsender Teleclub, an dem Ringier ein Drittel der Aktien hält.

Im Interview mit der ZEIT erklärte CEO Marc Walder sein Geschäftsmodell: »Wir überlegen, was wir für alle am Produkt Fußball Beteiligten tun können. Provokant vereinfacht: Unsere Medien sind journalistischer Verbreitungskanal, und unsere Werbeformen sind Kommunikationskanal.« Klar, dass da Petarden werfende Fans stören. Kein Sponsor mag, wenn sein Name mit Krawallen in Verbindung gebracht wird. Wie also muss man den Blick -Sportchef verstehen, wenn er sagt: »Es ist der Zeitpunkt gekommen, da es um die Existenz des Fußballs geht.« Steht die Zukunft des Sports oder jene des Businessmodells von Ringier auf dem Spiel? Bei Ringier reagiert man betupft: »Der Blick -Sportredaktion Geschäftsinteressen als Beweggrund zu unterstellen ist komplett absurd.«

Trotzdem wird man den Verdacht nicht los: Die Blick -Kampagne will einen Kulturwandel in den Stadien erzwingen. Prolls raus, Familien und Wohlsituierte rein. So wie dies England nach den Katastrophen von Brüssel und Sheffield durchsetzte. Nur geht diese Rechnung in der Schweiz nicht auf. In den Stadien bleiben an jedem Spieltag Tausende Plätze frei. Die meisten Besucher sind jung, männlich, mittellos. Und auf dem Rasen herrscht oft biederes Mittelmaß.

Mögen doch alle Beteiligten ihre Interessen offenlegen. Erst dann kann man nach Lösungen suchen. Und über die unangenehme Frage reden: Weshalb haben wir so verdammt Mühe im Umgang mit Gewalt?