Schweizer Autoren Sagt, was wir nicht hören wollen!

Die Zeiten sind dramatisch. Und die meisten Schweizer Intellektuellen schweigen dazu. Das kann nicht sein. Ein Aufruf zum Widerspruch

Eine Ausgabe von Max Frischs Roman "Homo Faber" in Zürich

Eine Ausgabe von Max Frischs Roman "Homo Faber" in Zürich

Im Stechschritt und mit geschulterten Spielzeugwaffen marschieren zwei jugendliche Demonstranten vor dem Eingang einer Großbank auf und ab. Sie lachen sich fast tot. Protestieren als Plausch. Es ist der vierte Samstag der Occupy-Bewegung am Zürcher Paradeplatz. Skandiert und geschrien wird wenig, es ist eine gemütliche Kundgebung von vielleicht 500 Köpfen. Sie wollen »Menschen retten, nicht Banken«. Das ist vielleicht ihr bekanntester Slogan, und er ist so herzenslieb, dass er auch den Banken erlaubt, nett zu sein und die unbewilligten Demonstrationen vor ihren noblen Hauptsitzen zu dulden.

Ihre durchaus berechtigte Kritik bringt diese Bewegung zumindest in Zürich so unbestimmt und zahm vor, dass die Kritisierten damit noch Imagepflege in eigener Sache betreiben können. Als glaubten die Demonstranten selbst nicht mehr an die Wirkung von Kritik. Als sei sie ihnen letztlich peinlich. Als gehe es eher darum, einen Anlass zu haben, um Gleichgesinnte zu treffen. Das Vereinende scheint wichtiger als das Trennende, Harmonie und Wohlgefallen dringlicher als harte Opposition und Debattenkultur.

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Doch immerhin protestieren sie. Von jenen, die man in grauer Vorzeit als Intellektuelle bezeichnete, weil sie Schwarz und Weiß auseinanderhalten und benennen wollten, hört man dagegen kaum etwas. Dazu zählten einst Professoren und Journalisten, die ihren Beruf ernst nahmen, aber auch Schriftsteller, die als unabhängige Mahner auftraten. Will man sie nicht mehr hören? Überlässt man das Feld inzwischen kampflos den Populisten und schrecklichen Vereinfachern oder eben den unbedarften Verniedlichern?

Julian Schütt

Der Autor hat dieses Jahr bei Suhrkamp Max Frisch: Biographie eines Aufstiegs vorgelegt.

Tatsächlich wird man nachdenklich, wenn heute kluge, fundierte Streitschriften fast ohne Resonanz bleiben, während der wohlgemeinte, aber zahnlose Empörungsappell des greisen Diplomaten Stéphane Hessel auf den Bestsellerlisten landet. Doch macht es sich zu einfach, wer dem Lesepublikum unterstellt, es wolle nur noch unterhalten und von Rührung überwältigt werden, statt sich auf konkrete Missstände einzulassen. Vielmehr sind es die Schriftsteller selbst sowie die Textvermittler, die sich von einer intervenierenden Literatur losgesagt haben. Wen wundert’s, dass sich in keinem der nominierten Werke für den aktuellen Schweizer Buchpreis zumindest eine gewisse Irritation mitteilt über die dramatische Banken- beziehungsweise Schuldenkrise, deren Folgen nicht nur Griechenland oder Italien, sondern immer intensiver auch die Schweiz zu spüren bekommt? Die Politiker schauen hilflos zu, und die Autoren tun es erst recht. Letzteren fehlen schlicht die Sensoren, um sich wirksam einzubringen. Sie haben sich – Ausnahmen bestätigen nur die Regel – in den vergangenen Jahrzehnten freiwillig und systematisch aus dem intellektuellen Kerngeschäft, der Kritik, zurückgezogen, die ja auf genauem Hinsehen und Hinhören beruht.

Den Realismus in der Literatur haben sie nicht nur völlig entwertet, sondern geradezu der Lächerlichkeit preisgegeben. Man tat ihn als Konzept von vorgestern ab. Das war bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar nach dem Debakel des sozialistischen Realismus, der nicht darstellen, sondern befehlen wollte, wie man die Welt zu sehen hat, und nach dem Triumphzug der Postmoderne, in der das Reale pulverisiert, in lauter Bilder und Simulationen (um nicht zu sagen Luftblasen) aufgelöst wurde. Jede Repräsentation, jede Abbildästhetik war nun obsolet. Der Ursprung jedes guten Realismus ist immer der Spiegel, den man einer Gesellschaft vorhält, sei es als Akt der Anklage oder aber der Selbstbesinnung und Orientierung. Vielleicht geht das in der Totalität, die ein Gotthelf, ein Keller oder ein Inglin anstrebten, nicht mehr. Doch warum sollte der Realismus deswegen gleich in der Müllabfuhr landen? Schließlich gelingt es nur einer wirklichkeitsnahen Literatur, provokativ und politisch zu sein.

Die Wirklichkeit ist kein unübersichtliches Konstrukt!

Wie ein Mantra wird dann das Argument vorgebracht, die heutige Welt sei zu undurchschaubar geworden, als dass Einsprüche von Autoren noch etwas taugten. Kann man allen Ernstes behaupten, die Welt sei während der Wirren des Dreißigjährigen Krieges, die ein Grimmelshausen beschrieb, oder im 19. Jahrhundert der Realisten Jeremias Gotthelf und Gottfried Keller weniger komplex gewesen? Und war im Kalten Krieg wirklich alles einfacher? Natürlich gab es Machtblöcke und ein relativ kompaktes Establishment, gegen das sich anschreiben ließ. Aber um diese rein ideologischen Kampfzonen ging es den Autoren und Intellektuellen, die sich ihrer Zeit noch stellten, nicht in erster Linie. Die Literatur will immer Individualität erzeugen. Ihre Territorien sind neben der Sprache die Denk- und Gefühlshaushalte, und die sind in jeder Epoche ungeordnet und diffus. Im Übrigen: Als in den 1990er Jahren nur einige Zugstunden von der Schweizer Grenze entfernt, im ehemaligen Jugoslawien, höchst real und keineswegs nur verborgen Gemetzel, Folterungen, Schändungen im Gang waren, schwieg die große Mehrheit der Schweizer Schriftsteller und Literaturspezialisten dazu, schoss sich in dieser Zeit stattdessen äußerst beredt auf jeden Erzählrealismus ein und wollte uns weismachen, die Wirklichkeit sei nur ein unübersichtliches Konstrukt. Der Zynismus fiel den Autoren nicht einmal auf. Sie hätten die Lächerlichkeit bei sich statt im Realismus suchen müssen.

Zur Entpolitisierung und Bravheit der Literatur hat auch beigetragen, dass die Schriftsteller die Schweiz als Thema aufgegeben haben. Zwar will kein Autor nur für die eigenen Leute schreiben; solche nationalen Einengungen waren schon Frisch und Dürrenmatt zuwider, dennoch setzten sie sich mit ihrem Land auseinander, und beide wurden bessere Schriftsteller, als sie sich genauer mit der Schweiz beschäftigten. Heute sind die kritischen Patrioten vom Aussterben bedroht, während die unheimlichen fröhlich weiterleben.

Zugegeben, das ist alles zu schematisch formuliert. Es gibt nach wie vor politisch entflammbare Autoren in der Schweiz, und manche von ihnen machen sogar den Mund auf: Melinda Nadj Abonji, Urs Widmer, Thomas Hürlimann, Charles Lewinsky oder Lukas Bärfuss wären zu nennen. Aber von einer Dissenskultur (wenn das pathetische Wort erlaubt ist) kann man wirklich nicht mehr sprechen.

Wahre Intellektuelle machen sich unbeliebt, und zwar bei allen

Um Missverständnisse zu vermeiden: Es geht nicht darum, alte Zeiten aufleben zu lassen, als die Intellektuellen möglicherweise politischer und die politischen Debatten dadurch intellektueller waren. Die geschichtliche und mediale Situation ist heute eine andere als in den sechziger und siebziger Jahren. Auch soll nicht militantem Furor und einer Dauererregtheit das Wort geredet werden. Schriftsteller müssen nicht zu jeder Friedensrichterwahl ihren Spruch absondern. Sie haben überhaupt nicht Sprüche zu klopfen, ganz im Gegenteil: Ihre Aufgabe ist es gerade, den vorherrschenden Phrasen und Denkmustern der Politiker, aber auch der Bevölkerung zu misstrauen. Sie müssen den Phrasen konkrete Inhalte und Begriffe entgegensetzen. Wenn sie das mit etwas Horizont und Humor und vor allem unabhängig tun, nicht als Formulierdienstleister irgendwelcher Interessengruppen, umso besser.

Auf jeden Fall sollten sie unberechenbar bleiben. Das war auch Max Frisch (anders als zum Beispiel Günter Grass in Deutschland): Frisch ließ sich längst nicht vor jeden Karren spannen, manchmal sehr zum Ärger von Gesinnungsfreunden. Dafür hatten seine Worte, wenn er mit politischen Anliegen an die Öffentlichkeit trat, Gewicht. Er war stets wohlinformiert, sprach aber nie als Experte, sondern immer als Einzelner und sprach die Menschen auch als Einzelne an. Warum sollte der Wunsch, als Individuum ernst genommen zu werden, heute weniger verbreitet sein?

Aber besteht noch ein Bedürfnis nach Schriftstellern, die Intellektuelle sind und sich einmischen? Nur Oppositionsnostalgiker dürften das ohne Weiteres bejahen.

Darum geht es gar nicht. Denn Dissens, der nach dem Mechanismus von Angebot und Nachfrage funktioniert, ist kein Dissens. Eine Widerspruchskultur muss immer hartnäckig erstritten werden. Keine Epoche und keine Gesellschaft war ihr gesonnen. Sigmund Freud wusste schon: »Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör verschafft hat.«

Kritik ist auch nie zum Vornherein konstruktiv, wie gern verlangt wird. Wer im Disput gleich die versöhnliche Mitte sucht, hat schon verloren. Jeder Demokrat müsste es als Segen empfinden, wenn links wie rechts widerborstige Intellektuelle zu finden wären, die früher aufstünden und das Zeitgeschehen schärfer verfolgten als der Durchschnitt. Sie unterscheiden sich von besserwisserischen Schwadroneuren, die vielleicht von einer Sache eine Ahnung haben, aber über alles andere reden. Weder rennen die wahren Intellektuellen in einer Herde mit, noch züchten sie heilige Kühe. Sie wagen sich dorthin, wo es schmerzt, nicht nur beim Gegner, auch bei ihresgleichen, was sie vor blindem Eifern schützt. Sie haben ein Ziel, aber keine Mission. Ihre Texte sind ein lustvolles Kontrastprogramm zur üblichen medialen Schnellfütterung und zeigen, dass die Dinge eben meist etwas komplizierter liegen, etwa beim Thema Einwanderung und Unzugehörigkeit oder bei der Beschäftigung mit Armut und der Auflösung des Mittelstands.

Ist intellektuelle Literatur, die ein Störfaktor, eine Unruhestifterin ist, bloß noch Donquichotterie? Vielleicht. Aber nur sie vermag den Leuten plastisch und differenziert zu sagen, was sie nicht hören wollen. Der Staat unterstützt die Schriftsteller, und das ist gut so; im Gegenzug darf er von ihnen erwarten, dass sie sezieren, was in ihm und in der Gesellschaft schlecht läuft. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund, den Max Frisch so beschrieben hat: »Die Kritik, die hilft: sie hilft, keine Zeit zu verlieren, sie beschleunigt die Selbstkritik, die einzige, die für das Weitere anwendbar ist.«

 
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