Schweizer Autorinnen: "Ich will wirken"
Die Schweizer Schriftstellerinnen Stefanie Sourlier und Ruth Schweikert über das Schweigen der Intellektuellen
DIE ZEIT: Frau Schweikert, warum schreiben Sie?
Ruth Schweikert: Weil ich Geschichten erzählen will, die mich umtreiben. Weil ich letztlich eine Form suche für den Zustand der Welt.
ZEIT: Warum schreiben Sie, Frau Sourlier?
Stefanie Sourlier: Ich war immer begeistert von den Sätzen anderer. Da entstand bei mir ein kreativer Neid: Das will ich auch machen! Im Schreiben glaube ich, eine mir adäquate Form des Ausdrucks gefunden zu haben.
ZEIT: Schreiben Sie beide auch, weil Sie etwas verändern wollen?
Schweikert: Das scheint mir nicht möglich zu sein. Man kann höchstens etwas zur Verfügung stellen. Max Frisch hat schon gesagt, dass dem Schreiben ein Grundbedürfnis nach Kommunikation innewohnt. Man möchte nicht so sehr geliebt als vielmehr verstanden werden. Aber ich trete nicht mit einer Botschaft an.
Sourlier: Ich schreibe schon auch, um etwas zu verändern, zu kritisieren, zu reflektieren.
ZEIT: Sie haben mal gesagt: »Meine Figuren nehmen nicht wirklich am Leben teil, sie betrachten die Außenwelt durch eine Art Filter, als befänden sie sich auf einem Nebenschauplatz des tatsächlichen Geschehens.« Ist das auch Ihre Haltung zur Gegenwart?
Sourlier: Gar nicht. Ich nehme Teil an der Gesellschaft und versuche durch meine literarische Arbeit auf sie einzuwirken. Ich muss aber die Dinge nicht immer beim Namen nennen; ich muss zum Beispiel die Einwanderungspolitik der Schweiz nicht explizit thematisieren, um trotzdem etwas darüber zu sagen.
Schweikert: Ich halte meinen Handlungsspielraum und meine Wirkung für sehr begrenzt.
ZEIT: Frisch und Dürrenmatt oder andere haben sich hingestellt, politische Reden gehalten – und sie haben explizit politische Stoffe in ihren Werken verarbeitet. Warum machen Sie das nicht?
Schweikert: Der Tod von Frisch und Dürrenmatt ging einher mit einer historischen Zäsur, dem Fall der Mauer. Danach gab es tatsächlich ein Schweigen der Autoren, eine Beschränkung auf die Literatur. Aber seit fünf, sechs Jahren ist das vorbei. Heute gibt es etwa »Kunst und Politik«, eine Plattform für künstlerisch tätige Menschen, die sich einmischen, in allen erdenklichen Formen. Jetzt arbeiten wir gerade an einem Essayband zur Schweiz. Da tritt aber nicht mehr einer allein auf, der sagt: So gehts! Das sind kollektive Formen, die mich mehr interessieren, als aufzutreten und große Reden zu schwingen.
ZEIT: Was interessiert Sie daran?
Schweikert: Ich finde, es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die Partizipation derjenigen zu fördern, die keine Stimme haben. Dafür setze ich mich ein.
ZEIT: Sind Sie vielleicht einfach zu feige, weil Sie sich vor den Konsequenzen einer Einmischung fürchten? Wer heute stört, muss einstecken können, das geht bis zu Morddrohungen.
Sourlier: Ich habe keine Angst. Aber ich kann leicht reden, weil ich bislang selten in der Öffentlichkeit stand.
Schweikert: Vielleicht ist es eher die Feigheit vor der Folgenlosigkeit? Wenn man was sagt, wird es gar nicht groß wahrgenommen. Ich kann die UBS verbal in Stücke hauen – und niemand merkt es. Dann kommt noch das Existenzielle hinzu. Ich muss eine große Familie zur Hälfte ernähren. Auch deshalb unterrichte ich, bin ich Präsidentin von Suisseculture. Ich versuche trotzdem weiter zu schreiben.






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