Es ist kalt geworden in Deutschland. Dauerfrost und stürmische Böen haben das Land im Griff. Züge verspäten sich. Flüge fallen aus. Auf den Straßen herrscht Chaos. Es ist der Donnerstag vor Weihnachten im Jahr 2017, Deutschland friert.

Es wird gekocht und gebacken. Fernseher laufen. Wegen des schlechten Wetters ist es nie richtig hell geworden an diesem Tag, in vielen Wohnungen brennt den ganzen Tag Licht. Pumpen, Motoren und Förderbänder in den Fabriken arbeiten auf Hochtouren, die Belegschaften fahren die letzten Schichten vor den Weihnachtsferien.

Viel Strom wird inzwischen aus Sonne und Wind erzeugt. Der Ausbau der Stromnetze konnte allerdings nicht mithalten, Bürgerproteste behinderten ihn. Deshalb schränkte Berlin die Förderung der grünen Stromproduktion ein. Der Ausbau der Netze müsse mit dem der Erzeugung Schritt halten, hieß es. Die Atomlobby frohlockte, nun müsse man die Meiler wohl doch weiterlaufen lassen.

Jetzt, kurz vor Weihnachten 2017, ist es so weit. Zu wenig Windenergie aus dem Norden gelangt in den Süden, und den dortigen Solaranlagen fehlt die Sonne. Die Stromversorgung droht zu kollabieren, zumal in den nächsten zehn Tagen das Kernkraftwerk Gundremmingen B zwischen Ulm und Augsburg nach geltendem Recht vom Netz muss. Nationaler Notstand: In einer eilig einberufenen Sondersitzung beschließt der Bundestag, Gundremmingen weiterlaufen zu lassen. Gleichzeitig sorgt die regierende Große Koalition dafür, dass der Paragraf 7 des Atomgesetzes, in dessen Absatz 1a für jeden einzelnen Meiler ein festes Abschaltdatum steht, um den Absatz 1f ergänzt wird. Er lautet: "Drohen Störungen der Elektrizitätsversorgung, wird die Berechtigung zum Leistungsbetrieb über die in 1a genannten Zeitpunkte verlängert."

Der Atomausstieg ist gekippt.

Heute, im Herbst 2011, ist das nur ein Szenario, aber ein zunehmend wahrscheinliches – weil zu viel nicht geschieht, was geschehen müsste, um das Ende der Meiler verkraftbar zu machen.

Seit der Atomkatastrophe von Fukushima ist gerade ein halbes Jahr vergangen, schon redet kaum noch jemand über das große Vorhaben namens Energiewende , das der Super-GAU im fernen Japan in Deutschland auslöste. Dabei verlangt die Wende sogar mehr als nur neue Windräder und längere Stromleitungen. Sie setzt geradezu eine technologische Revolution voraus, den grünen Umbau der gesamten energieerzeugenden und -verbrauchenden Infrastruktur, einschließlich Autos, Gebäude und Fabriken. Gelingt das nicht, dann scheitert der neue Kurs, der da lautet: keine Kernenergie – aber auch kein Klimafrevel.

Tatsächlich wird bisher gebremst und geblockt.

Zwei wichtige Gesetzesvorhaben stoppte der Bundesrat. Ob jemals Klimagas aus Kraftwerken oder Fabriken unschädlich im hiesigen Boden statt schädlich in der Erdatmosphäre deponiert wird, bleibt ungewiss. Und Hauseigentümer wissen immer noch nicht, ob sie durch Sanierung Steuern sparen können.

Das Geld für den Energie- und Klimafonds steht infrage. Die Erlöse aus der Versteigerung von Ausstoßrechten für CO₂ sollen ihn füllen, mit 17 Euro pro Tonne rechnet die Regierung. Doch der Preis ist auf rund 10 Euro gesunken.