Wolfgang Schäuble ist ein Politprofi. Als der Bilanzfehler bei der Bad Bank des Bundes bekannt wurde, lud er die Banker und Wirtschaftsprüfer zum Rapport ins Bundesfinanzministerium – und verkündete dann, der Fall sei »weitestgehend aufgeklärt«. Es gehe um »Statistikprobleme« und »unterschiedliche Bilanzierungsmethoden«. Ein Schaden sei nicht entstanden, die Banker hätten Besserung gelobt, personelle Konsequenzen seien unnötig .

Für Schäuble zählt das Ergebnis, und das ist erfreulich: Die Staatsschulden sind um 55,5 Milliarden Euro geschrumpft, ohne dass der Minister einen Cent getilgt hätte. Durch die Korrektur der Bankzahlen hat sich die Verschuldung – gemessen an der jährlichen Wirtschaftsleistung – von 83,7 Prozent auf 81,1 Prozent verringert. Das Leben kann so einfach sein – jedenfalls wenn man es sich einfach machen will.

Aber hatten sich die Banker wirklich um mehr als 55 Milliarden Euro verrechnet? Einfach nur so ?

Als die Banker und der Minister erklärten, der Fehler habe darin bestanden, dass Schulden und Guthaben nicht verrechnet worden seien, erregten sie den Argwohn der Experten. Der Grund für deren Unbehagen findet sich in Paragraf 246 des Handelsgesetzbuchs unter der Überschrift Vollständigkeit. Verrechnungsverbot. Eine Bilanz nach deutschem Recht muss alle Vermögensgegenstände und alle Schulden enthalten. »Posten der Aktivseite dürfen nicht mit Posten der Passivseite ... verrechnet werden.« Die Regel ist also genau andersherum: Wer saldiert, macht einen Fehler. Wer alles ausweist, bilanziert korrekt.

»Es kann nicht allgemeine Praxis sein, wenn es gar keiner kennt«

Die Bad Bank, die den Namen FMS Wertmanagement (FMSW) trägt, hat Anlagen der früheren Hypo Real Estate (HRE) von ursprünglich 175 Milliarden Euro übernommen, die im Marktwert stark gesunken waren: Immobilienkredite an schwache Schuldner, Projektfinanzierungen und Anleihen von Ländern wie Griechenland und Irland. Die FMSW soll diese Problemanlagen über die Jahre wieder zu Geld machen, um damit die von der HRE aufgebauten Schulden zu tilgen, denn für die haften die Steuerzahler.

Der vermeintliche Bilanzfehler hat mit Finanzwetten zu tun. Mit ihnen sollen die Vermögensanlagen der Bank gegen Turbulenzen abgesichert werden, zum Beispiel gegen stark steigende oder fallende Zinsen oder abrupte Veränderungen der Wechselkurse. Üblicherweise müssen die Institute bei diesen Deals Sicherheiten stellen – wie ein Mieter, der eine Kaution hinterlegt.

Als die FMSW jüngst ihre Halbjahreszahlen vorlegte, wendete sie eine neue Methode an. Ihre Schulden bei Banken wies sie um 55,5 Milliarden Euro niedriger aus, als nach alter Rechnungsart herausgekommen wäre. Sie wurde dadurch aber nicht reicher. Denn gleichzeitig mit der Schuldenkorrektur berichtigte sie ihre Vermögenswerte. Der Posten »Forderungen gegenüber Kreditinstituten« wurde ebenfalls um 55,5 Milliarden Euro gekürzt. Unterm Strich änderte sich nichts, weder an der Vermögenslage noch an den Verlusten der Bank. Gleichwohl bezichtigte sich die FMSW selbst, vorher falsch bilanziert zu haben. Man habe versäumt, Verbindlichkeiten aus Sicherheiten gegenüber Banken mit Forderungen zu verrechnen, die man gegen dieselben Institute habe. Die alten Zahlen seien »fehlerhaft«.

Experten bezweifeln das. »Hinterlegte Barsicherheiten sind nicht zu verrechnen«, sagt Paul Scharpf, langjähriger Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young und Verfasser des Handbuchs Bankbilanz. Im deutschen Handelsrecht gelte das Bruttoprinzip, erläutert der Honorarprofessor, weil die Bilanz dann transparenter sei. Verrechnungen seien grundsätzlich verboten. »Das ist die eindeutige Regelung des Gesetzes, und ich kann nicht erkennen, warum man hier davon abgewichen ist«, sagt Scharpf.