Taschendiebe"So ein Diebstahl ist doch nicht elegant!"

Der Schwede Bob Arno beobachtet seit über 40 Jahren Taschendiebe in aller Welt. Welche Tricks sind gerade Mode, und wie kann man sich schützen?

Bob Arno verkleidet sich als Tourist, um Taschendiebe zu beschatten. Mit dem Material schult er Polizisten und Sicherheitspersonal - und er zeigt die Tricks der Diebe in seiner Comedy-Show.

Bob Arno verkleidet sich als Tourist, um Taschendiebe zu beschatten. Mit dem Material schult er Polizisten und Sicherheitspersonal - und er zeigt die Tricks der Diebe in seiner Comedy-Show.

DIE ZEIT: Herr Arno, wie lautet die korrekte Bezeichnung für Ihren Beruf?

Bob Arno: Tja, schwierige Frage. Zumal es eigentlich zwei Jobs sind. Ich habe eine eigene Bühnenshow – eine Mischung aus Taschendieb-Tricks und Comedy. Und parallel dazu erforsche und dokumentiere ich tatsächliche Straßenkriminalität: Als Touristen verkleidet, reisen meine Frau und ich umher, beschatten Taschendiebe und filmen sie. Das Material wird zur Schulung von Sicherheitsleuten oder Polizisten verwendet. Ein spannender Job! Aber einen richtigen Namen hat er nicht.

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ZEIT: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen namenlosen Beruf zu ergreifen?

Arno: Mein Vater war Richter, und wir haben am Esstisch viel darüber geredet, wie Ganoven denken und handeln. Krumme Machenschaften haben mich deshalb schon als Kind fasziniert. Als Teenager bin ich dann durch Europa getrampt und habe mich mit Auftritten als Magier durchgeschlagen. Unterwegs beobachtete ich immer wieder richtige Taschendiebe, und irgendwann war ich so angefixt, dass ich ihre Tricks in meine Auftritte einbaute.

ZEIT: Haben Sie alles durch reine Beobachtung gelernt?

Arno: Nein, viele Kniffe habe ich mir auch von den Profidieben erklären lassen.

ZEIT: Die kann man nicht einfach ansprechen und fragen, wie sie arbeiten...

Arno: Nein, natürlich nicht. Man muss sich schon was überlegen, um mit ihnen in Kontakt zu kommen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Eine Methode, die ich bis heute anwende: Ich stecke einen Geldbeutel in meine Hosentasche, vollgestopft mit Zeitungspapier, sodass er schön dick ist. Wenn ich Glück habe, wird er mir geklaut. Dann spreche ich den Dieb an und sage ohne Ärger oder Verachtung: »Hey, ich mache dasselbe wie du!« Der Ganove ist daraufhin meistens verwirrt, und den Moment nutze ich aus, um etwas von ihm zurückzustehlen, die Sonnenbrille oder die Schlüssel. Dann sage ich zu ihm: »Hier ist deine Brille – gib mir mein Portemonnaie!« Spätestens jetzt ist ihm klar, dass ich weder ein getarnter Polizist bin noch ein wütendes Opfer, und er wird neugierig. Dann schlage ich vor, einen Kaffee trinken zu gehen, und wir unterhalten uns über seine Arbeitsmethoden.

ZEIT: Sind Sie dabei in letzter Zeit auf Tricks gestoßen, die gerade besonders im Trend liegen?

Arno: Das Schultersurfen nimmt zu: Der Dieb schaut Leuten beim Geldabheben am Automaten über die Schulter und merkt sich den PIN-Code. Anschließend verfolgt er sein Opfer, klaut den Geldbeutel und macht sich mit den Karten darin einen schönen Tag. Ein zweiter Trend ist im Moment banale Schnelligkeit: den Touristen die Tasche oder das Smartphone einfach wegreißen und abhauen. Also bitte – so ein Diebstahl ist doch nicht elegant!

ZEIT: Und was wäre elegant?

Arno: Ich habe mal einen Ganoven in Moskau beobachtet, der einem Geschäftsmann das Portemonnaie klaute. Aus der Innentasche des Jacketts! Der Mann kam gerade aus einer Bank. Der Dieb rempelte ihn nur leicht an der Schulter an – so geschickt, dass sich das Jackett für einen Moment öffnete und sich die Innenseite nach außen drehte. In diesem Augenblick fasste der Gauner den Geldbeutel am oberen Rand. Er zog aber nicht daran, sondern wartete bloß ab. Der Geschäftsmann ging weiter – und die Börse glitt durch seine eigenen Bewegungen aus seiner Tasche.

ZEIT: Das war in Moskau. Arbeiten Diebe auf der ganzen Welt denn mit ähnlichen Methoden?

Arno: Oh nein! Der einzige gemeinsame Nenner lautet »Menschenansammlungen« – Ganoven lieben Gedränge. Ansonsten gibt es regionale Unterschiede. In Spanien ist der Taubendreck-Trick beliebt: Der Dieb spritzt Ihnen einen Klecks auf die Kleidung, der wie frischer Vogeldreck aussieht. Danach macht er Sie auf den Fleck aufmerksam. Zufälligerweise hat er auch noch eine Wasserflasche dabei. Er hilft Ihnen, die Kleidung zu säubern – und klaut dabei die Geldbörse. In Sankt Petersburg wäre es dagegen typisch, dass Sie vor einem Museum von zwei Typen angesprochen werden, die Ihnen einen laminierten Übersichtsplan der Sehenswürdigkeit verkaufen wollen. Der Plan ist aufgeklappt und wird Ihnen regelrecht aufgedrängt. Hingeschubst. Sie sind vollauf damit beschäftigt, abzuwehren. Und währenddessen durchsuchen die Finger der Diebe, unter dem Plan verborgen, Ihre Hosentaschen.

Leserkommentare
  1. denn es gibt ja nicht nur Profis, sondern auch Kleptomanen. Ist mir selbst im Verwandtenkreis schon passiert.

  2. Entfernt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/se

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    ...Ich fürchte mich jetzt schon vor meinem Norwegenurlaub!

    Taschen- und Trickdiebe sind "in den Nordländern" natürlich bisher praktisch unbekannt, nicht wahr?

    Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2009 immerhin 92.571 erfasste Fälle von Taschendiebstahl und 4.236 Tatverdächtige aus (s. hier: https://www.bka.de/nn_196..., S. 44 und 115)

    ...Ich fürchte mich jetzt schon vor meinem Norwegenurlaub!

    Taschen- und Trickdiebe sind "in den Nordländern" natürlich bisher praktisch unbekannt, nicht wahr?

    Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2009 immerhin 92.571 erfasste Fälle von Taschendiebstahl und 4.236 Tatverdächtige aus (s. hier: https://www.bka.de/nn_196..., S. 44 und 115)

  3. ...Ich fürchte mich jetzt schon vor meinem Norwegenurlaub!

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "schöne Aussichten"
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    bin mir da jetzt nicht sicher wie sie das meinen. aber nach zahlreichen norwegaufenthalten kann ich ihnen versichern, dass es kaum sichere gegenden gibt. also da brauchen sie wirklich keine angst haben.

    Meiden Sie einfach Menschenansammlungen, das dürfte in Norwegen ja nicht allzu schwer fallen...

    bin mir da jetzt nicht sicher wie sie das meinen. aber nach zahlreichen norwegaufenthalten kann ich ihnen versichern, dass es kaum sichere gegenden gibt. also da brauchen sie wirklich keine angst haben.

    Meiden Sie einfach Menschenansammlungen, das dürfte in Norwegen ja nicht allzu schwer fallen...

    • Suryo
    • 22.11.2011 um 11:15 Uhr

    Meine Güte, bei dem Titel dachte ich zunächst, es ginge im Artikel um illegale Abtreibungen in den 50ern...

  4. bin mir da jetzt nicht sicher wie sie das meinen. aber nach zahlreichen norwegaufenthalten kann ich ihnen versichern, dass es kaum sichere gegenden gibt. also da brauchen sie wirklich keine angst haben.

    2 Leserempfehlungen
  5. Taschen- und Trickdiebe sind "in den Nordländern" natürlich bisher praktisch unbekannt, nicht wahr?

    Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2009 immerhin 92.571 erfasste Fälle von Taschendiebstahl und 4.236 Tatverdächtige aus (s. hier: https://www.bka.de/nn_196..., S. 44 und 115)

    Antwort auf "schöne Aussichten"
  6. Statt nur einem Geldbeutel behängen Sie sich mit ca. 20 in allen möglichen Taschen und vielleicht auch Außen, gut sichtbar. Alle natürlich gefüllt mit Zeitungspapier wie im Artikel beschrieben. Bis dann der Herr Dieb (wo bleiben die Frauen?) das richtige "ausgeliehen" hat, muss er sie schon eine ganze Zeit lang begleiten und während er an Ihnen herumgrapscht fragen Sie höflich nach Namen und Adresse. So kommunikativ kann ein Neapelbesuch sein!

    Eine Leserempfehlung
  7. Also ich fand den Artikel interessant! Dümmer wird man durch das Lesen jedenfalls nicht, wobei ich hoffe, dass Taschendiebe keine Zeit-Leser sind..

    4 Leserempfehlungen

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