Als Josef Ackermann am vergangenen Montagabend gegen halb sechs das Kongresszentrum an der Frankfurter Messe betritt, bildet sich um ihn herum sofort eine Traube aus Reportern und Fotografen. Die Traube folgt ihm durch die Flure, sie erklimmt mit ihm die Stufen einer Treppe, macht mit ihm halt in der ersten Reihe des Festsaals. Der Chef der Deutschen Bank und Präsident des Weltbankenverbands genießt die Aufmerksamkeit. Josef Ackermann winkt und lächelt.

Es ist wie immer, und doch ist Ackermann als Gesicht der Deutschen Bank zu diesem Zeitpunkt schon Geschichte. Wenige Stunden zuvor, am Vormittag, hat er dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank mitgeteilt, dass er nicht mehr als Kandidat für den Posten des Chefkontrolleurs zur Verfügung steht . Um 17.20 Uhr verschickt die Bank eine Mail, in der sie die Öffentlichkeit über den Abtritt ihrer langjährigen Nummer eins informiert.

Eigentlich sollte Ackermann in den Aufsichtsrat wechseln, wenn sein Vertrag im kommenden Jahr ausläuft und er die Macht an seine Nachfolger Jürgen Fitschen und Anshu Jain übergibt. Nun muss die Deutsche Bank bald ganz ohne den Mann auskommen, der sie fast zehn Jahre lang geführt und geprägt hat.

Es ist ein ziemlich missratener Abschied. Vor wenigen Wochen erst musste Josef Ackermann von seinem Ziel abrücken, in diesem seinem letzten Jahr einen Gewinn von zehn Milliarden Euro zu erwirtschaften. Im Investmentbanking werden sogar Stellen gestrichen. In den USA hat die Bank wegen ihrer Geschäftspraktiken mit einer ganzen Reihe von Klagen und Vorwürfen zu kämpfen. Und die Münchner Staatsanwaltschaft wirft Ackermann vor, als Zeuge im Prozess um die Pleite des verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch die Unwahrheit gesagt zu haben. Am Montag wurde bekannt, dass staatliche Ermittler die Büroräume des Vorstandschefs durchsucht hatten.

Ackermann – Absturz eines Superstars?

Schon länger zeichnete sich ab, dass Ackermanns Wechsel vom Chef zum Chefkontrolleur kein Selbstläufer sein würde. Der deutsche Gesetzgeber verbietet es Chefs, nach dem Abtritt gleich in den Aufsichtsrat zu gehen, denn wenn ein Ex-Vorstand seine Nachfolger kontrolliert, drohen handfeste Interessenkonflikte. Zwar gibt es ein Schlupfloch: Der Wechsel ist erlaubt, wenn mehr als 25 Prozent der Aktionäre dafür sind. Josef Ackermann hätte aber wohl noch kräftig werben müssen, um das Quorum zu erreichen – trotz allen Ansehens, das der Schweizer bisher genoss.

Aus dem Lager der namhaften Anteilseigner, unter ihnen Großinvestoren wie der amerikanische Vermögensverwalter BlackRock oder das französische Anlagehaus Amundi, kamen zunehmend negative Signale. Einigen schien die Personalie Ackermann problematisch. Viele dieser Investoren haben – unabhängig vom deutschen Gesetzgeber – eigene Regeln für die Unabhängigkeit von Aufsichtsräten. Und andere befürchteten, das neue Vorstandsduo und der alte Chef würden sich ein Kompetenzgerangel liefern. Ohne Klinkenputzen bei kleineren Aktionären wäre es also nicht gegangen. Doch dafür hatte Josef Ackermann, der längst in der Welt der globalen Politik zu Hause ist, wohl weder Zeit noch Lust.

Zur Wahrheit gehört auch, dass Ackermanns Verhältnis zu seinen Nachfolgern Fitschen und Jain zuletzt nicht mehr das beste war. Der Entscheidung für die Doppelspitze waren Monate eines Machtkampfs vorausgegangen, der intern viel Missstimmung erzeugte. Lange Zeit signalisierte Ackermann, dass er den langjährigen Bundesbankpräsidenten Axel Weber gerne an der Spitze der Bank wüsste. Ackermanns Vorstandskollegen sahen sich desavouiert. Als Ackermann dann Weber nicht durchsetzen konnte, verhakte er sich in einem von vielen öffentlichen Eskapaden begleiteten Ringen mit dem Aufsichtsratschef Clemens Börsig, der den Investmentbanker Anshu Jain an die Spitze hieven wollte. Am Ende dieses Ringens stand die Idee der Doppelspitze – in Kombination mit einem Aufsichtsratschef Ackermann.