Luchs des JahresFinnland ist überall

LUCHS-Preisträger Salah Naoura erzählt von den ernsten Dingen des Lebens – poetisch, spannend und mit viel Humor. von Hartmut Kurdi

Wüsste man nichts über Salah Naoura, sondern hätte nur sein ebenso komisches wie melancholisches Kinderbuch Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums gelesen, und verabredete man sich dann mit ihm in einem Café in Berlin-Schöneberg – man würde ihn vermutlich glatt verpassen. Denn das Buch wurde ja offensichtlich von jemandem geschrieben, der viel über Finnland weiß. So viel, dass man – klischeebelastet, wie man ist – einen Bilderbuch-Finnen als Autor erwartet, mit strähnigen, gelbblonden Haaren, tangoaffin, kommunikationsreduziert, vielleicht mit einer kleinen Wodkafahne auf halbmast. Denn nur so einem, meint man, könne eine verrückte Geschichte wie die von dem halbfinnischen Jungen Matti, seinem wortkargen, ganzfinnischen Vater Sulo und dem versehentlichen Umzug der Familie Pekkanen von Deutschland nach Finnland einfallen. Und mal ehrlich: "Naoura"? Das wäre doch ein großartiger Name für einen traurigen Nachtportier aus einem Kaurismäki-Film. Gut, die meisten Finnen heißen hinten irgendetwas mit -inen, -onen oder -anen, aber wer kennt sich schon genauer mit finnischen Nachnamen aus?

Der pflichtbewusste Autor dieser Zeilen hat aber selbstverständlich im Vorfeld recherchiert, sodass es ihn nicht überrascht, dass ihm statt eines lakonischen Exil-Nordeuropäers ein freundlicher dunkelhaariger Deutscher entgegentritt. Dessen finnischer Hintergrund ein syrischer ist: "Eigentlich habe ich mit Sulo meinen schweigsamen arabischen Vater beschrieben", sagt Naoura. So wie in dem Buch überhaupt viele Details autobiografisch sind, wie er freimütig einräumt. Nur etwas finnisiert sozusagen.

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Klicken Sie auf das Bild für eine Übersicht der letzten Bücher mit dem Luchs-Preis

Klicken Sie auf das Bild für eine Übersicht der letzten Bücher mit dem Luchs-Preis  |  © photocase.de

Tatsächlich ist Naoura wie sein Held Matti mit einer deutschen Mutter und einem ausländischen Vater aufgewachsen, zunächst in seiner Geburtsstadt Berlin, dann im hessischen Eschborn. Wie Matti hat er einen kleinen Bruder, seiner heißt Rami, nicht Sami. Wie Matti war Naoura noch nie im Heimatland seines Vaters und spricht auch nicht dessen Muttersprache. Und ebenso wie Matti empfindet sein Erfinder eine gelegentliche undefinierbare Sehnsucht nach dem fremden Land.

"Ich bin ja vollkommen deutsch sozialisiert, aber irgendetwas bleibt da doch im Dunklen. Wenn ich zum Beispiel hier in Berlin an einem Shisha-Café vorbeigehe, übt das einen seltsamen Reiz auf mich aus." Sicher habe diese Sehnsucht vor allem damit zu tun, dass im Hause Naoura nicht viel über die Vergangenheit und die Herkunft des Vaters gesprochen worden sei. Und so bleibe da eine Leerstelle. Zum Glück, möchte man als Leser sagen, denn dieses "Loch" in der Familienbiografie scheint einer der Impulse gewesen zu sein, die Geschichte von Matti und seiner Sehnsucht nach Finnland zu schreiben.

"Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums" von Sahla Naoura

"Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums" von Sahla Naoura  |  © Beltz

Wobei es nichts Absurderes gäbe, als den 47-jährigen Autor auf seine Herkunft und die damit verbundenen Schicksalsschlenker zu reduzieren. Naoura ist vor allem ein ernsthafter und fantasievoller Geschichtenerzähler. Neben diversen Erstlese- und Bilderbüchern hat er inzwischen fünf Romane für Kinder veröffentlicht. Nicht zu vergessen die mehr als dreißig Übersetzungen, hauptsächlich aus dem Englischen. Naoura sagt dazu: "Übersetzungen schulen – man lernt andere Stile kennen, überlegt dabei immer: Wie ist es richtig, und wie würde ich es selbst formulieren?"

Seine Faszination für Kinderliteratur aber begann früher, mit dem Zeichnen. "Ich hatte eine sehr kinderbuchliebende Kunstlehrerin, die mich fürs Illustrieren begeisterte." Leider klappte es mit dem Illustrationsstudium dann doch nicht ("Die wollten mich nicht, komisch..."), und so verlegte sich Naoura auf das geschriebene Wort. Er studierte Germanistik und Skandinavistik, danach folgte eine Anstellung im englischen Übersetzungslektorat eines großen Kinderbuchverlages. "Trotz meines Skandinavistik-Studiums interessierte mich die englische Kinderliteratur immer mehr als die schwedische, die skandinavischen Geschichten sind mir oft zu kuschelig. Die englischen Kinderbücher haben die besseren Plots, die verrückteren Ideen."

Genau darum geht es dem Roald-Dahl-Verehrer: um Geschichten mit guten Plots, verrückten Ideen und einem gewissen Grundoptimismus – "aber kein Friede, Freude, Eierkuchen". Und Naoura scheint genau zu wissen, was er tut. Wenn man ihm etwa eine realistische Erzählweise unterstellt, schüttelt er den Kopf: "Nein, das ist kein Realismus, das tut nur so", sagt er. Das sei alles bewusst verdichtet und pointiert. Allenfalls könne man die Darstellung zum Beispiel von Mattis Lebensumständen realistisch nennen: die Beschreibung des Lebens in der Hochhaussiedlung, der beengten Wohnverhältnisse. Denn selbstverständlich wolle er die Figuren und das Milieu möglichst glaubhaft zeichnen, deswegen lege er zum Beispiel auch großen Wert auf die Dialoge. Die Handlung selbst müsse aber nicht realistisch sein. Schließlich habe man es ja mit Literatur zu tun, da dürfe es ruhig auch fantastisch zugehen: Es gehe ihm mehr um eine Geisteshaltung zu einem Thema.

Leserkommentare
  1. ... wie heißt er denn nun? Salah Naoura oder Salah Naoura?

  2. Ob die Finnen alle so wortkarg sind? Beruflich habe ich immer wieder einmal mit Finnen zu tun und muss sagen: Nicht alle, aber viele. Hat man sich erst einmal an die Irritation die Abendessen mit wortkargen Menschen auslösen können gewöhnt, wird es eigentlich ganz lustig

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