200. Todestag Der Schrecken im Bade
Heinrich von Kleist ist der unerreichte Meister der doppelten Böden und der wechselnden Identitäten. Weil er die Katastrophen kannte, träumte er Idyllen.
Heinrich von Kleist ist, neben Georg Büchner, der am wenigsten klassische unter den Klassikern deutscher Sprache, und das macht ihn für alle Modernen so anziehend. Einigen gilt er bis heute als pathologischer Fall. Andere sehen in ihm den Seismographen, der die historischen Umwälzungen im Europa seiner Zeit, und es waren gewaltige, mit feiner Nadel verzeichnete. Die Nadel war sein hochempfindsames Herz, nicht mehr nur das bewährte Leitorgan der Romantiker, sondern bei ihm auch Organ für die Abgründe der Politik, das Wüten der Bürgerkriege, den Verlust des Vertrauens in historische Sinngebungen, Gottes entsetzliche Ferne und die Krisen der Philosophie. Kein anderer hat zu seiner Zeit so offene Worte gewagt. Er war, so weit man sehen kann, der unruhigste Dichter in einer unruhigen Epoche.
Eine Arbeit, die mir in den Werkausgaben früh imponiert hat, ohne daß ich hätte sagen können, warum, ist Der Schrecken im Bade. Der Dichter hat sie selbst im Untertitel als Idylle bezeichnet und damit dem kleinen Stück eine Spannung mitgegeben, bevor noch das erste Wort gesprochen ist. Die Verbindung von Schrecken und Idyll, eine echte Kleistsche Erfindung, führt uns in den Bereich des Unheimlichen. Das kurze Stück, eine dramatische Skizze von der Länge eines Dramenauftritts, ist so, wie es ist, von geradezu balladenhafter Geschlossenheit. Kleist hat es ohne weiteren Kommentar 1809 im Phöbus veröffentlicht, im letzten Heft dieser in Dresden von ihm selbst herausgegebenen Zeitschrift. Man spürt, dies muß ein glücklicher Autor geschrieben haben.
Durs Grünbein, geboren 1962 in Dresden, ist Dichter und Essayist, 1995 erhielt er den Georg-Büchner-Preis
Das Ganze spielt sich weitgehend im Dunkeln ab. Wie so oft bei Kleist, ist die Bühne hier überfordert, man kann sich die Szene besser als Hörspiel vorstellen. Wäre da nicht die Verssprache, der von Shakespeare bis Schiller geschmeidig gehaltene Blankvers, der bei Kleist immer noch einen Stich ins extrem Expressive erhält, man könnte es für eins der kurzen Hörstücke halten, wie Beckett sie 150 Jahre später für den Südwestfunk komponiert hat. Zwei junge Frauen, Johanna und Margarethe, belauschen einander am Seeufer und inszenieren ein Verwechslungsspiel. Margarethe ist nackt, sie nimmt ein Bad. Johanna, die zugleich die Erzählerin gibt, erlaubt sich einen Schabernack, indem sie der Freundin hinterm Gebüsch auflauert und ihr die Kleider versteckt. Mit verstellter Stimme und in »Fritzens Röcken« droht sie der Entblößten. Doch womit eigentlich?
Damit, die Freundin in ihrer vollen Schönheit und Blöße zu betrachten, und zwar vor der offiziellen Erlaubnis dazu. Denn die Zukünftige nackt zu sehen, bevor die Ehe geschlossen ist, galt als Sünde. Wenigstens unter der ländlichen Bevölkerung, unter frommen Christenmenschen. Als sündenvoll galt aber auch Margarethes Phantasie, sich dem Blick des Verlobten notgedrungen hinzugeben – wenn auch noch nicht seinem Begehren. Dem Tabuforscher Kleist genügen drei Zeilen für die bräutliche Ambivalenz.
Margarethe: Fritz!
Johanna: Was begehrt mein Schatz?
Margarethe: Abscheulicher!
Mehr Dialog braucht es nicht, um das Miniaturdrama auf den Höhepunkt zu bringen. Die Konstellation weckt Erwartungen wie auch Erinnerungen: Goethes Faust, der Tragödie erster Teil, handelt im Kern von nichts anderem. Die Folgen werden, im aufwendigsten deutschen Versdrama, erschütternd dargestellt. Kleist versucht es mit einer dramatischen Skizze, einem literarischen Scherz, der es in sich hat. Was scheinbar so oberflächlich daherkommt, hat alle nur denkbaren Untiefen schon in sich. Und dies nicht nur, weil der Schauplatz ein Bergsee ist – die paradoxe, erdgeschichtlich aber leicht erklärbare Paarung von Gebirge und Meer. Also auch darin eine Annäherung der Extreme – für die kaum einer ein so feines Organ besaß wie der Seismograph Kleist. Vier Zeilen genügen Johanna, der Intrigantin, den Ort der Handlung kurz zu umreißen, wobei Himmel und Erde in einem einzigen Spiegelbild übereinander herfallen.
Wie schön die Nacht ist! Wie die Landschaft rings
Im milden Schein des Mondes still erglänzt!
Wie sich der Alpen Gipfel umgekehrt,
In den krystallnen See danieder tauchen!
- Datum 21.11.2011 - 06:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.11.2011 Nr. 47
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