Daß man seine Gegner mit gedruckten Gründen überzeugen kann, habe ich schon seit dem Jahre 1764 nicht mehr geglaubt. Ich habe auch deswegen die Feder gar nicht angesetzt, sondern bloß, um (...) denen von unserer Seite Mut und Stärke zu geben und den andern zu erkennen zu geben, daß sie uns nicht überzeugt haben.« Der trotzige Stolz dessen, der eine Sache zwar nicht mehr gewinnen kann, sie aber deshalb noch lange nicht verloren geben will – von Georg Christoph Lichtenberg vor einem knappen Vierteljahrtausend aphoristisch auf den Punkt gebracht –, führt auch heutzutage zu entsprechenden Wortmeldungen: Ob in den traditionellen Printmedien, ob in Onlinemagazinen und Blogs, es machen sich zunehmend Leute bemerkbar, denen angesichts der grassierenden Musicalisierung unserer Gesellschaft der Kragen geplatzt ist. Zwar glaubt keiner mehr daran, den Untergang des guten alten Kulturbegriffs verhindern zu können, wird aber durch das laute Geknalle ermutigt, weiter durchzuhalten, schließlich gibt es in den Schützengräben des in Auflösung befindlichen Bildungsbürgertums ja offensichtlich noch den einen oder anderen versprengten Verbündeten, man ist also noch nicht vollkommen allein – immerhin.

Was mit Bohei vorbeirauscht, ist meist abgeschmackt, austauschbar, banal

Es fing im Grunde lange vor 1989 an, vielleicht schon mit der vermeintlichen »Amerikanisierung« unseres kulturellen Lebens und der daraus resultierenden Etablierung von Pop und Mainstream; spätestens jedoch mit der Einführung des Privatfernsehens Mitte der achtziger Jahre, das mit seinem effektsicheren Erlaubt-ist-was-gefällt die kritischen Instanzen aus unserem gesellschaftlichen Gespräch verdrängte. Zum tatsächlichen Dammbruch kam es freilich erst nach der Wende, die 1989 ja nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt eingeläutet wurde. Neben den Grenzen von Staaten brachte sie auch so ziemlich alles andere an Vertrautem und Gewohntem in Fluss und, vor allem, hielt es seither permanent in Bewegung, sodass sich nichts davon wirklich setzen, absetzen, verwurzeln konnte.

Was als Erfahrung von Freiheit für den Einzelnen ein Segen, wurde als kulturelle Wende schnell zum Fluch; die einstmals gespaltene und parzellierte Welt mit ihrer Vielfalt an kulturellen Alternativen lief innerhalb weniger Jahre in einem globalistischen Strudel zusammen, dessen schemenhaft vorbeiwirbelndes Treibgut uns von einer perfekt aufeinander abgestimmten Verwertungsmaschinerie als weltweit kompatibles Wohlfühl- respektive Erregungs-Entertainment aufgedrängt wird: blau bepinselte Männer, die siebzehn Tenöre, All-age-Vampire, begnadete Körper... Am Ende zählt alles zu Sex and the City. Tatsächlich ist, was auch immer mit viel Bohei an uns vorbeirauscht, meist auf solch beschämende Weise abgeschmackt, austauschbar, banal geworden, nicht unbedingt in jedem Fall: schlecht, aber eben: mittelmäßig, dass wir uns ernsthaft fragen müssen, mit welchen kulturellen Stimulanzen wir den Rest unsrer Lebenszeit eigentlich noch frisch bestücken können.

Burn-out der Kultur? Was wir erlebt haben und weiterhin erleben, ist die sukzessive Entwurzelung unserer selbst, dies allerdings als Fortschritt Richtung Weltbürgertum gepriesen oder zumindest als unvermeidlicher Preis der Globalisierung akzeptiert. Aber was wäre denn deren Gegenleistung, was lässt sich in einer Welt, so sie denn auf diese Weise zustande käme, an Erfahrungen sammeln? Nur wo es Grenzen gibt, kann es ja zu Grenzüberschreitungen kommen, kann ein kantiger kultureller Impuls fruchtbar werden für den, dessen Wirklichkeitserfahrung sich allzu rund eingeschliffen hat.

Kulturelle Grenz- und Grenzüberschreitungserfahrungen lassen sich auch heute noch machen, keine Frage. Wir müssen die Gelegenheit dazu freilich nach Art der Trüffelschweine selber zu finden wissen, unsere alten Transmitter sind dabei keine verlässlichen Wegweiser mehr. Die entscheidende Frage ist, ob wir dabei in der Nische ausharren wollen, in der wir uns im Lauf der letzten beiden Jahrzehnte mehr oder weniger trüffelschweinartig eingerichtet haben. Ob wir, abgesehen von vereinzelten Wutanfällen Lichtenbergscher Provenienz, weiterhin hartleibig schweigen wollen; oder ob sich verlorenes Terrain nicht auch zurückgewinnen lässt.

Wo sich immer nur der ominöse »mündige Bürger« in seiner Mediokrität feiert, befeuert, beflügelt, beargwöhnt, beschimpft und bekämpft, angefangen bei unseren politischen Repräsentanten und den Pappkameraden aus der Regenbogenpresse bis hin zu all den Sonderbotschaftern der guten Laune, den Selbstentblößungsfachkräften der Talkshows, wo es immer nur das Diktat der Gaußschen Glockenkurve ist, das auch über die Bewertung kultureller Leistungen und damit über unser intellektuelles Selbstverständnis entscheidet, ist es bis zur völligen Auflösung eines sozialen Gefüges nicht mehr weit. Und wenn alles, was in unserem derzeitigen Quotenverständnis von Kultur nicht genügend Stimmen auf sich vereinigt, nur noch am Rande stattfindet, so sehr am Rande, dass die Mitte unsrer Gesellschaft davon keinerlei nennenswerten Input mehr erhält, dann ... ja, dann erst ist ein Zeitalter der globalen Gleichschaltung angebrochen, in dem es wahrlich egal ist, wo man lebt und als was man sich begreift: Die kulturelle Fußgängerzone wird um die ganze Welt herumführen und hinter jeder Straßenecke kein anderer als der König der Löwen lauern.