Das gelbe Paket lag fast während aller Verhandlungstage im größten Kunstfälschungsprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte stets gut sichtbar hinter den Richtern. Für seinen Inhalt, so schien es, interessierten sich die Akteure im Kölner Landgericht nicht mehr wirklich. Bankunterlagen aus dem Ausland enthalte das Paket, hatte der Richter irgendwann einmal erklärt. Es seien aber wohl dieselben, die man schon kenne.

Das Paket lag ganz oben auf einem Rollregal, mit dem auch die restlichen gut 8.000 Seiten Ermittlungsakten an jedem Verhandlungstag in den Saal geschoben wurden – um dann nicht mehr in die Hände genommen zu werden. Das unscheinbare Regal enthielt alles, was das Kunstdezernat des Berliner LKA innerhalb eines langen Jahres voller Überstunden zum Fall der erfundenen Kunstsammlungen Jägers und Knops zusammengetragen hatte. Weil sich das Gericht aber schon an einem der ersten Prozesstage mit den Angeklagten und der Staatsanwaltschaft auf eine sogenannte Verständigung eingelassen hatte, wurden die meisten der Vernehmungs- und Durchsuchungsprotokolle, der Abhörprotokolle und Kontoauszüge nicht mehr gebraucht: Gegen umfassende Geständnisse der Angeklagten , so der Deal, wurde der Prozess, in dem eigentlich über 170 Zeugen gehört werden sollten, erheblich abgekürzt. Wolfgang Beltracchi, der geständige Fälscher der Bilder und Kopf der Bande, muss für sechs Jahre ins Gefängnis , seine Frau und Komplizin Helene Beltracchi für vier Jahre, Otto Schulte-Kellinghaus, der sich mit Helene den Vertrieb aufteilte, für fünf Jahre. Alle Angeklagten kamen nach dem Urteil zunächst frei, ihre Haftstrafen werden sie im offenen Vollzug absitzen können. Das Gefängnis werden sie wohl nur für die Übernachtungen besuchen.

Auf 14 bereits ausermittelte Bilder bezog sich der Kölner Prozess, der zwar als größtes Kunstfälschungsverfahren der Bundesrepublik gilt, doch schon nach neun Verhandlungstagen enden durfte. Auch um den Preis, dass mit dem weitreichenden Deal die Ermittlungen zu jenen 39 Bildern eingestellt werden mussten, die noch nicht Teil der Anklage waren. Dabei weiß die Polizei trotz intensiver Recherche noch nicht, wo der Großteil der von ihr bislang identifizierten Fälschungen sich heute befindet. Die ZEIT veröffentlicht hier erstmals die Liste der verdächtigen Kunstwerke, die die Berliner Ermittler dem geständigen Fälscher Wolfgang Beltracchi zuordnen. Bei gut der Hälfte ist der Verbleib unklar. Irgendwann tauchten die Fälschungen bei den maßgeblichen Experten für die gefälschten Maler auf, bei Galeristen oder in Auktionshäusern. Doch für viele verliert sich danach die Spur.

Da ist etwa das angebliche Bild von Jean Metzinger, Cycliste, das schon 1989 verkauft wurde und dann in einem japanischen Museum gehangen haben soll. Das japanische Museum sagt aber, dass es das Bild nicht kenne. Wo ist der Fahrradfahrer geblieben?

Überhaupt: Radfahrer. Für sie schien der Fälscher Wolfgang Fischer-Beltracchi ein echtes Faible zu haben. Es sind noch mindestens zwei weitere vorgeblich alte Radrennszenen auf Leinwand von ihm bekannt. Über die eine, ebenfalls ein gefälschter Metzinger, weiß man fast gar nichts, außer dass die Leinwand oval ist. Das andere Radler-Bild, André Lhotes Course Cycliste à Bordeaux, wurde erst 1995 bei Christie’s in London versteigert. Dabei fiel dem Auktionshaus nicht auf, dass es erst drei Jahre zuvor an gleichem Ort ein anderes, originales Werk mit gleichem Titel und Motiv verkauft hatte – mit der gleichen Expertise vom gleichen Tag, die auch bei der Fälschung 1995 im Katalog als Beleg für die angebliche Echtheit zitiert wurde. Im Mai 1998 tauchte das Bild dann bei Sotheby’s wieder auf und fand für 95.000 Dollar einen Käufer. Ihm soll es danach allerdings auf der Reise von New York nach Mexiko gestohlen worden sein. Aber stimmt das? Oder will jemand verbergen, dass er auf eine Fälschung hereingefallen ist? Und falls nicht: Wer hat die Fälschung gestohlen?

Die Spur eines gefälschten Gemäldes von Raoul Dufy, auf dem ein von Bäumen umgebenes Gebäude zu sehen und von dem bisher nur eine Schwarz-Weiß-Abbildung bekannt ist, verliert sich in Singapur. Schon 1990 hatte Wolfgang Beltracchi, der damals noch Fischer hieß, dafür von der Pariser Dufy-Expertin Fanny Gullion-Laffaille eine Expertise erhalten. Ein angeblich vom polnischen Kubisten Henri Hayden signiertes Stillleben mit Gitarre , das im Oktober 1992 bei Sotheby’s in London für 45.000 Pfund versteigert wurde, verschwand in Spanien. Was macht der Geschädigte dort mit seiner Fälschung?