KunstfälscherskandalWer kennt diese Bilder?

Im großen Kunstfälscherprozess ist ein Urteil gesprochen, doch der Skandal zieht weiter Kreise. Noch immer ist der Großteil der gefälschten Bilder nicht gefunden. von Stefan Koldehoff und Tobias Timm

 
Das gelbe Paket lag fast während aller Verhandlungstage im größten Kunstfälschungsprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte stets gut sichtbar hinter den Richtern. Für seinen Inhalt, so schien es, interessierten sich die Akteure im Kölner Landgericht nicht mehr wirklich. Bankunterlagen aus dem Ausland enthalte das Paket, hatte der Richter irgendwann einmal erklärt. Es seien aber wohl dieselben, die man schon kenne.

Das Paket lag ganz oben auf einem Rollregal, mit dem auch die restlichen gut 8.000 Seiten Ermittlungsakten an jedem Verhandlungstag in den Saal geschoben wurden – um dann nicht mehr in die Hände genommen zu werden. Das unscheinbare Regal enthielt alles, was das Kunstdezernat des Berliner LKA innerhalb eines langen Jahres voller Überstunden zum Fall der erfundenen Kunstsammlungen Jägers und Knops zusammengetragen hatte. Weil sich das Gericht aber schon an einem der ersten Prozesstage mit den Angeklagten und der Staatsanwaltschaft auf eine sogenannte Verständigung eingelassen hatte, wurden die meisten der Vernehmungs- und Durchsuchungsprotokolle, der Abhörprotokolle und Kontoauszüge nicht mehr gebraucht: Gegen umfassende Geständnisse der Angeklagten , so der Deal, wurde der Prozess, in dem eigentlich über 170 Zeugen gehört werden sollten, erheblich abgekürzt. Wolfgang Beltracchi, der geständige Fälscher der Bilder und Kopf der Bande, muss für sechs Jahre ins Gefängnis , seine Frau und Komplizin Helene Beltracchi für vier Jahre, Otto Schulte-Kellinghaus, der sich mit Helene den Vertrieb aufteilte, für fünf Jahre. Alle Angeklagten kamen nach dem Urteil zunächst frei, ihre Haftstrafen werden sie im offenen Vollzug absitzen können. Das Gefängnis werden sie wohl nur für die Übernachtungen besuchen.

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Auf 14 bereits ausermittelte Bilder bezog sich der Kölner Prozess, der zwar als größtes Kunstfälschungsverfahren der Bundesrepublik gilt, doch schon nach neun Verhandlungstagen enden durfte. Auch um den Preis, dass mit dem weitreichenden Deal die Ermittlungen zu jenen 39 Bildern eingestellt werden mussten, die noch nicht Teil der Anklage waren. Dabei weiß die Polizei trotz intensiver Recherche noch nicht, wo der Großteil der von ihr bislang identifizierten Fälschungen sich heute befindet. Die ZEIT veröffentlicht hier erstmals die Liste der verdächtigen Kunstwerke, die die Berliner Ermittler dem geständigen Fälscher Wolfgang Beltracchi zuordnen. Bei gut der Hälfte ist der Verbleib unklar. Irgendwann tauchten die Fälschungen bei den maßgeblichen Experten für die gefälschten Maler auf, bei Galeristen oder in Auktionshäusern. Doch für viele verliert sich danach die Spur.

Gemäldeliste der Ermittler: 1-10

 1. Campendonk, Heinrich; Mädchen mit Schwan

 2. Campendonk, Heinrich; Kleines Bild mit Pferden

3. Campendonk, Heinrich; Rotes Bild mit Pferden

4. Derain, André; Collioure

5. Ernst, Max; Waldbild

6. Ernst, Max; Kleine weiße Landschaft

7. Friesz, Emil Othon; La Ciotat

8. Herbin, Auguste; Kubistisches Frauenbild

9. Kisling, Moise; Blumenbild(1)

10. Kisling, Moise; Blumenbild(2)

11-20

11. Loiseau, Gustav; Kleines Winterbild Paris

12. Marcoussis, Louis; Kleines kubistisches Stilleben

13. Léger, Fernand; Kubistisches Stilleben

14. Mense, Carlo; Kleine Ansicht Waidmarkt

15. Pechstein, Max; Frauenakt

16. Pechstein, Max; Seine Paris

17. Purrmann, Hans; Südliche Landschaft

18. Metzinger, Jean; Cycliste (oval)

19. Ernst, Max; La Horde

20. Dongen, Kees van; Frauenportrait mit Hut

21-30

21. Dufy, Raoul; Le Havre

22. Marcoussis, Louis; Portrait d’ Alfred Flechtheim

23. Gleizes, Albert

24. Derain, André; Boote in Collioure

25. Ernst, Max; La Mer

26. Ernst, Max; Tremblement de terre

27. Campendonk, Heinrich; Else-Lasker-Schüler gewidmet

28. Nauen, Heinrich; Herbstwald

29. Campendonk, Heinrich; Zwei Figuren in Landschaft

30. Metzinger, Jean; Kubistisches Frauenbild

31-40

31. Hayden, Henri; Stilleben 1921

32. Ernst, Max; Oiseaux (Vögel)

33. Herbin, Auguste; Hafenbild

34. Ernst, Max; La Forêt (Der Wald)

35. Metzinger, Jean; Le Cycliste

36. Ernst, Max; Vogel in Winterlandschaft

37. Campendonk, Heinrich; Liegender Akt mit Frosch

38. Lhote, André; Course Cycliste a Bordeaux

39. Derain, André; Mattisse peignant

40. Dufy, Raoul; Gebäude im Wald (kein Originaltitel)

41-53

41. Butler, Theodore Karl; River Epte, Giverny

42. Braque, Georges; Guitare dans le compotier (Le Journal)

43. Braque, Georges; Souvenirs d’ Anvers

44. Friesz, Emil Othon; Port d’ Anvers

45. Macke, August; Hafenbild

46. Campendonk, Heinrich; Katze in Berglandschaft

47. Moll, Oskar; Stilleben mit Früchteschale

48. Marcoussis, Louis; Stilleben (14 Juillet) Composition cubiste

49. Marcoussis, Louis; Kleines kubistisches Stilleben (Paris)

50. Herbin, Auguste; Femme et Enfants

51. Filla, Emil; Homme et oiseaux

52. Herbin, Auguste; Rue de Village

53. Hayden, Henri; Nature morte a la guitare

Da ist etwa das angebliche Bild von Jean Metzinger, Cycliste, das schon 1989 verkauft wurde und dann in einem japanischen Museum gehangen haben soll. Das japanische Museum sagt aber, dass es das Bild nicht kenne. Wo ist der Fahrradfahrer geblieben?

Überhaupt: Radfahrer. Für sie schien der Fälscher Wolfgang Fischer-Beltracchi ein echtes Faible zu haben. Es sind noch mindestens zwei weitere vorgeblich alte Radrennszenen auf Leinwand von ihm bekannt. Über die eine, ebenfalls ein gefälschter Metzinger, weiß man fast gar nichts, außer dass die Leinwand oval ist. Das andere Radler-Bild, André Lhotes Course Cycliste à Bordeaux, wurde erst 1995 bei Christie’s in London versteigert. Dabei fiel dem Auktionshaus nicht auf, dass es erst drei Jahre zuvor an gleichem Ort ein anderes, originales Werk mit gleichem Titel und Motiv verkauft hatte – mit der gleichen Expertise vom gleichen Tag, die auch bei der Fälschung 1995 im Katalog als Beleg für die angebliche Echtheit zitiert wurde. Im Mai 1998 tauchte das Bild dann bei Sotheby’s wieder auf und fand für 95.000 Dollar einen Käufer. Ihm soll es danach allerdings auf der Reise von New York nach Mexiko gestohlen worden sein. Aber stimmt das? Oder will jemand verbergen, dass er auf eine Fälschung hereingefallen ist? Und falls nicht: Wer hat die Fälschung gestohlen?

Die Spur eines gefälschten Gemäldes von Raoul Dufy, auf dem ein von Bäumen umgebenes Gebäude zu sehen und von dem bisher nur eine Schwarz-Weiß-Abbildung bekannt ist, verliert sich in Singapur. Schon 1990 hatte Wolfgang Beltracchi, der damals noch Fischer hieß, dafür von der Pariser Dufy-Expertin Fanny Gullion-Laffaille eine Expertise erhalten. Ein angeblich vom polnischen Kubisten Henri Hayden signiertes Stillleben mit Gitarre , das im Oktober 1992 bei Sotheby’s in London für 45.000 Pfund versteigert wurde, verschwand in Spanien. Was macht der Geschädigte dort mit seiner Fälschung?

Leserkommentare
  1. Wenn man es nicht unterscheiden kann, dann ist doch jeder Besitzer glücklich. Anonsten reiner Echtheitsfetischismus, durch den Wirtschaftszeig "Kulturbetrieb" gefüttert.

    Und vermutlich sind einige Fälschungen besser als Originale. Also ein Sieg für die Kunst, nein?

    Ich wünsch mir, eines Tages liegen bei der EZB zwei Euroscheine mit der gleichen Seriennummer, und man kann sie nicht unterscheiden. Das wäre dann logischerweise auch der Beginn einer neuen Wirtschaft.

    Eine Leserempfehlung
  2. Dem gesamten Kunst-, Antiquitäten- und Münzmarkt mangelt es an Transparenz. Natürlich ist Diskretion wichtig und die Privatsphäre der Käufer ist zu schützen.

    Aber Fälschungen und der damit verbundene Betrug nehmen in einigen Sammelgebieten solche Ausmaße an, dass der Ruf der Auktionshäuser zur Disposition steht.

    Im Münzmarkt gibt es immerhin Bilddatenbanken, die aber noch nicht umfassend genug sind.

    Ich kenne in diesem Sektor auch nur zwei im Internet privat betriebene Fälschungsdatenbanken. Diese sind schon ziemlich gut, werden aber offenbar von den großen Auktionshäusern kaum zu Rate gezogen, so dass es alle möglichen Fakes immer wieder bis in die Auktionskataloge schaffen, wobei sie häufig auch verkauft werden.

    Insofern ist es dringend notwendig, dass die Auktionshäuser auch bei weniger spektakulären Objekten größere Sorgfalt zeigen und sich auch dazu durchringen, in der Fälschungsbekämpfung weitergehend zusammenzuarbeiten.

  3. ..., warum trotz der weltweiten Medienpräsenz des Fälschungsfalles noch viele dieser Fälschungen verschollen sind: Kunst wird auch gerne zur Geldwäsche genutzt. Da bleiben die "anonymen Bieter" auch weiterhin lieber anonym - selbst wenn sie wissen, dass sie diesmal die Betrogenen sind.

    Ich kann mir da eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen.

    3 Leserempfehlungen
    • artpate
    • 22. November 2011 9:46 Uhr

    Schaut man sich die Auktionsergebnisse der letzten Wochen an, scheint der Kunstmarkt und seine Teilnehmer erfolgreich im Verdrängen und Vergessen zu sein. Solange sich alle Marktteilnhemer wie Galerien, Auktionshäuser, Sammler, Fälscher genseitig über Ohr hauen, mag es einem noch egal sein. Es soll zwar eine datenbank für fragwürdige aufgebaut werden. Nur wird nicht jeder Zugriff auf diese Daten haben. Möchte ich mich als echter Sammler orientieren, habe ich nur diverse Auktionspreisdatenbanken zur Verfügung. Hoffnung macht, dass es doch noch ware Experten, wie Herrn Jentsch gibt. Empfehlenswert dazu auch das folgende Video:
    http://www.artinfo24.com/...

    So lange es keine weiteren rechtlichen Grundlagen gibt, wird es nicht der letzte Fall gewesen sein von dem man noch nicht einmal weiss welche Ausmaße dieser wirklich hat. Aber vielleicht schreibt Herr Beltracci ja irgendwann einmal seine Memoiren mit einer genauen Werkliste.

  4. Sammler mit Format und nicht „irgendwelche Besitzer“ schlechthin verfluchen Falsifikate, auch wenn sie gut sind. Sie zu identifizieren gelingt jedoch nicht immer. Beispiel: Manche hocken ihr Leben lang auf dem Nachguss einer Skulptur von E. Barlach - irren ist eben menschlich.
    Für „Antiquitätenmarder“, dazugehören auch Kunstfälscher, gelten „schnelles Geld“ und Besitz. Zudem haben sie auch einen ausgeprägten Sinn für Konkurrenz – es gilt, sie auszustechen. Dieses Bedürfnis bestimmt die Psyche, und mit Signaturen berühmter Bildhauer oder Maler wird eben geprotzt. In genanntem Fall der Fälschung ist kriminelle Energie auf Dauer notwendig und ein intaktes Nervensystem. Das beweisen auch die Antik-Freaks in

    “Antiquitätenmarder … noch lebe ich!“, Thriller, AAVAA-Verlag Berlin.

    Thomas Schmidt

    • Auburn
    • 04. Dezember 2013 9:37 Uhr

    sie ziehen die Ermittler in ihren Bann. Aus lauter Gier wird es Ihnen nur nicht bewusst. Literatur: "Vernarrt in eine Diebin", AAVAA, 2013. Frage: "Haben Damen weniger kriminelle Energie?"
    „Natürlich, sie gehören dem schwachen Geschlecht an! Und während des ,Auftritts‘ Charme spielen lassen ist legitim.“
    Was aber den Münchner Bilderfund betrifft, zieht er alle Aufmerksamkeit auf sich.

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