Kein Wert ist zurzeit gesuchter und gefragter auf dem literarischen Markt als die Wut. Und keiner ist seltener. So ein richtig schöner Wutausbruch ohne Wenn und Aber wie in den guten alten Zeiten – das wäre ja mal was. In der Gesellschaft gibt es eine große Ermüdung über zu viel Komplexität. Man will den Satz, wonach die Dinge viel komplizierter seien, nicht mehr hören. Vielleicht sind die Dinge ja gar nicht so kompliziert, sondern in Wahrheit einfach scheiße? Kann das nicht mal einer wieder mutig rausschreien und sich nicht verstecken hinter Subtilitätsformeln? Schluss mit dem Abwägen! Wir zeigen der Welt die Rote Karte, denn die Gesellschaft ist krank.

Dieser Duktus kann der Literatur guttun. In den siebziger Jahren gehörte die Wut-Suada zum guten Ton. Das berühmteste Beispiel damals stammte von einem Autor, der sich auch gleich den passenden Künstlernamen gegeben hatte: Fritz Zorn. In seinem Buch Mars , diesem totalen Kriegsschauplatz zwischen verlogener Gesellschaft und neurotischem Ich, erklärte der Icherzähler: »Ich bin jung und reich und gebildet: und ich bin unglücklich, neurotisch und allein. (…) Natürlich habe ich auch Krebs.«

Ein bisschen fühlt man sich an Mars erinnert, wenn man das Debüt von Antonia Baum Vollkommen leblos, bestenfalls tot liest. Auch hier vergisst die Ich-Erzählerin nie, zu betonen, aus welch gutem Haus sie stammt und wie ihren Eltern der Wohlstand zu den Ohren rauskommt und wie verlogen und krank die Denkweisen hinter der lässig-teuren Fassade sind. Allerdings haben sich die Inhalte der Verlogenheit seit Mars zeitgemäß verschoben. Bei Fritz Zorn ging es gegen die sexuelle Prüderie, den protestantischen Puritanismus und den Muff des Unausgesprochenen. Der Horror des Justemilieu bei Antonia Baum sieht anders aus: Es ist die Gleichgültigkeit der permissiven Gesellschaft, die Lieblosigkeit der Patchworkfamilie, die Abgebrühtheit der Kulturschickeria, die selbstgefällige Angeberei der Highperformer, ihr heuchlerisches Engagement bei allen sozialen Fragen, kurzum: insgesamt eher eine linkshedonistische Hypokrisie, an der sich Antonia Baums Icherzählerin abarbeitet.

Falls Sie, verehrter Leser, jetzt auf den Geschmack gekommen sind, müssen wir leider einen Gang zurückschalten: Mit der Wut ist es nämlich so eine Sache. Wenn sie zu lange wütet und sich in ihrer Empörung suhlt, wenn sie sich von niemandem überbieten lassen will und allzu stolz auf ihren Furor ist, bekommt sie leicht etwas Kokettes. Vollkommen leblos, bestensfalls tot tritt in alle Fallstricke der Koketterie: Es ist ein narzisstischer Wutanfall.

Die Handlung ist schnell skizziert: Die Icherzählerin, ein junges Mädchen, will so schnell wie möglich weg von zu Hause. Sie erträgt ihren Vater nicht, weil der nur an sein Ego denkt und ihre Mutter dafür rücksichtslos ausnutzt. Und sie erträgt ihre Mutter nicht, weil diese sich das viel zu lange gefallen ließ. Jetzt haben die beiden sich zwar getrennt, und beide haben neue Partner, aber auch darin erkennt die Tochter nur die Fortsetzung alter Verlogenheiten. Die erste Lüge war dabei sie selbst, denn sie war nie gewollt, sondern trat ins Leben, weil ihre Mutter einmal die Pille zu nehmen vergessen hatte. Jetzt ist die Icherzählerin in der großen Stadt und hasst sich dafür, dass sie sich prompt einem durchdesignten Karrieristen, Patrick, an die Brust geworfen hat, der in seiner Attrappenhaftigkeit eine Kopie ihres Vaters ist. Sie hasst sich, weil sie ahnt, dass sie nicht nur in die Vater-Falle getappt ist, sondern auch Patricks Lifestyle gern mitnimmt. Danach gerät sie an den Schauspieler Johannes, den sie liebt, der sich aber als bindungsunwillig deklariert. Alkoholexzesse, Drogenabstürze, Amok-Fantasien und schließlich am Ende der Todeswunsch: »Oh Gott, ich lebe in einer Welt voll Scheiße.«