Unsichere Jobs, schlecht bezahlt, prekär: Seit Jahren wird auf die Leiharbeit geschimpft, Gewerkschafter klagen über Lohndumping und Ausbeutung . Jetzt aber kursieren Zahlen, nach denen diese Arbeit für Hunderttausende Arbeitslose eine ernsthafte Chance sein soll, um wieder in ein normales Beschäftigungsverhältnis zu kommen. Die Süddeutsche Zeitung berichtete auf ihrer Titelseite gar über einen »späten Sieg für die rotgrünen Arbeitsmarktreformer«.

Der Hintergrund für diese Neubewertung ist der sogenannte Klebeeffekt. Jüngsten Berichten zufolge soll er größer sein als gedacht. Vom Klebeeffekt sprechen Experten, wenn Leiharbeiter vom Kunden, bei dem sie gerade eingesetzt sind, eingestellt werden – wenn sie also gewissermaßen »kleben bleiben«. Aus dem Zeitarbeiter wird ein Stammbeschäftigter. Meist wird er dann besser bezahlt und hat einen sichereren Arbeitsplatz. Im Idealfall schaffen es über diesen Weg auch Langzeitarbeitslose, in Jobs zu kommen.

Allerdings sagen Kritiker, dass dieser schöne Effekt selten sei – nur 7 Prozent aller Leiharbeiter würden übernommen . Die Branchenverbände der Zeitarbeitsfirmen dagegen berichten derzeit von einer massiven Übernahmewelle. Etwa jede dritte Leihkraft wechselt laut Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen zu einem Kunden. Demzufolge wäre der Klebeeffekt recht groß.

Was stimmt nun? Man kann getrost davon ausgehen, dass die Zeitarbeits-Lobby den Effekt gerne größer malt, als er ist. Unabhängige Studien deuten auf weniger große Erfolge hin. Doch so eindeutig, wie man es sich wünschen würde, sind auch ihre Ergebnisse nicht. Denn eines ist klar: Wie viele Leiharbeiter übernommen werden, hängt unter anderem von der Konjunktur ab. Im Boom sind die Chancen besser, im Abschwung schlechter – deshalb schwankt der Klebeeffekt in der Realität. Es gibt keine feste Zahl.

Die bereits erwähnten 7 Prozent, die Kritiker häufig nennen, sind eine Momentaufnahme, die außerdem nur unter allerlei Einschränkungen gilt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat einmal die Leihbeschäftigten des Jahres 2006 untersucht und von ihnen wiederum diejenigen, die in den Jahren davor lange arbeitslos waren. Von dieser Teilgruppe waren in den darauf folgenden zwei Jahren besagte 7 Prozent berufstätig, ohne je wieder in der Zeitarbeit zu landen. Weitere 10 Prozent hatten ebenfalls normale Jobs, jedoch mit kurzen Leiharbeitsphasen. Je nach Definition kamen also zwischen 7 und 17 Prozent außerhalb der Zeitarbeit unter. Der Klebeeffekt für alle Leiharbeiter dürfte höher sein.

26 Prozent der Untersuchungsgruppe (ursprünglich Arbeitslose) blieben in der Zeitarbeit. Sie behielten zumindest diese Arbeit, nur 35 Prozent waren auch nach dem Zeitarbeitsjob wieder beschäftigungslos. Es gibt also auch jenseits des Klebenbleibens einen Beschäftigungseffekt.

Manche Kritiker meinen, die ganze Diskussion sei unsinnig, weil die Zeitarbeit ohnehin nur normale Stellen verdränge. Gäbe es sie nicht, würden die Menschen also erst recht gute Arbeit finden. Tatsächlich hat zum Beispiel die Drogeriekette Schlecker genau das praktiziert: normale Stellen durch Zeitarbeit ersetzt. Das kommt zweifellos vor. Es scheint aber nicht die Regel zu sein.

Einer IAB-Studie zufolge haben im Jahr 2008 weniger als zwei Prozent aller Firmen Arbeitsplätze abgebaut und im Gegenzug mehr Leiharbeiter beschäftigt. Und in den vergangenen fünf Jahren wurden in Deutschland zwar 400.000 Zeitarbeitsjobs neu geschaffen. Gleichzeitig wuchs aber auch die Zahl der »Normaljobs« (sozialversichert, nicht befristet, Vollzeit, ohne Leiharbeit) um eine Million Stellen. Auch das spricht nicht für Verdrängung.

Die Wahrheit liegt also sicher irgendwo in der Mitte. Joachim Möller, Chef des IAB, plädiert deshalb dafür, die Löhne der Zeitarbeiter anzuheben, aber die Branche nicht kaputt zu regulieren. Zumindest für einige Arbeitslose sei sie ein Weg in Beschäftigung.