Italiens neuer Ministerpräsident ist ein stiller, fast scheuer Mann. Wenn er den Raum betritt, meist mit ein paar Papieren unter dem Arm, geht kein Raunen durch die Reihen. Man nimmt freundlich Notiz von seinem Kommen, er lächelt höflich zurück. Bald aber bildet sich ein Kreis um ihn, man hört ihm zu, fragt nach, wirft etwas ein. Universitätsatmosphäre. Jede Konferenz, jede Sitzung mit ihm wird im Nu ein kleines Oberseminar. Und er erklärt, mit Liebe zum Detail und Lust an der Pointe. Es ist schwer, den Professor Mario Monti nicht zu mögen.

Der 68 Jahre alte Bankierssohn aus dem norditalienischen Varese hat gute Manieren, er ist gebildet, bescheiden, unendlich fleißig und gänzlich skandalfrei. Kurzum, er ist das Gegenbild zu Silvio Berlusconi. Er spricht ein geschliffenes Englisch und ein elegantes Französisch. Seit seinen Tagen als EU-Wettbewerbskommissar, als er sich jahrelang mit der Bundesregierung über den privilegierten Status der Landesbanken herumschlug, spricht er auch deutsche Wörter wie die »Gewährträgerhaftung« fehlerfrei aus.

Zehn Jahre Kommissar in Brüssel, davor und danach Rektor der Elite-Universität Bocconi in Mailand, Beiratsmitglied von Goldman Sachs: Mario Monti ist weltweit vernetzt wie nur wenige. Aber bis vor einigen Tagen gehörte er zu den stillen Mächtigen, denen zwar in Europa, Amerika und Asien fast jede Tür offen steht, die aber in der Öffentlichkeit keiner kennt. Wenn man sich mit ihm zum Mittagessen traf, etwa in einem Hamburger Restaurant, drehte sich kein Kopf nach ihm um. Niemand sah Mario Monti kommen.

Einer schon. Berlusconi versuchte den glänzenden Ökonomen früh einzubinden. Er schickte ihn 1995 als EU-Kommissar nach Brüssel. Später wollte er ihn zu seinem Finanzminister machen, dann zum Notenbankchef. Doch Monti lehnte ab. Jetzt wird er Berlusconis Nachfolger, und überall in Italien knallten in der Samstagnacht die Sekt- und Champagnerkorken: bei den Oppositionsparteien, bei der Unternehmervereinigung Confindustria, den Gewerkschaften und verstohlen wohl auch bei der katholischen Kirche. Der brave Monti geht sogar am Sonntagmorgen mit seiner Frau in die Messe!

Nach siebzehn Jahren Bunga-Bunga kann Italien sein Glück kaum fassen. Es bekommt einen Ministerpräsidenten, der nach dem Urteil der allermeisten seiner Landsleute Kompetenz und Charakter vereint.

Zu verdanken hat die Nation dies ihrem Staatspräsidenten Giorgio Napolitano. Der 86 Jahre alte Herr im Quirinalspalast hat das Heft des Handelns in diesen Tagen energisch an sich gerissen. Aber schon seit mehr als einem Jahr, erzählt ein Freund Montis, spann er zwischen Rom und Mailand einen diskreten Gesprächsfaden. »Napolitano wollte Italiens guten Ruf wiederherstellen. Für ihn stand fest, die Alternative zu Berlusconi konnte keiner der Oppositionspolitiker sein. Darum hat er eine Lösung mit Monti angestrebt.«

Als es sich Silvio Berlusconi in der vergangenen Woche, das Ende vor Augen, mit dem angekündigten Rücktritt noch einmal zu überlegen schien, als die Zinsen der italienischen Staatsanleihen daraufhin auf strangulierende siebeneinhalb Prozent nach oben sprangen, griff Napolitano kurz entschlossen ein und ernannte Monti zum Senator auf Lebenszeit. Von denen gibt es immer nur fünf, und ein Sitz war gerade zu vergeben. Auf diesen hatte – und deshalb sind Napolitanos Mut und Entschlossenheit nicht genug zu rühmen – Berlusconi selbst ein Auge geworfen. Der Staatspräsident schlug die Türen des Senats vor ihm zu.