Auf einmal sind alle kapitalismuskritisch. Kapitalismuskritik ist das neue Yoga. Ich sehe im Fernsehen einen Typen, er redet über Banken, und ich denke, das klingt genau wie früher wie die Leitartikel im Arbeiterkampf. Das war die Zeitung vom Kommunistischen Bund. Der Typ ist aber in der CDU.

Nur ich bin immer noch für den Kapitalismus. Aber ich sehe schwarz für ihn, denn meine Kräfte sind begrenzt. Jetzt wollt ihr sicher wissen, wieso ich für den Kapitalismus bin. Vor zehn Jahren habe ich mal einen kritischen Artikel über einen Autor geschrieben. Er ist sehr engagiert gegen den Kapitalismus. Er schreibt nicht übel, ich mag den, aber irgendwas hatte ich damals an ihm zu kritisieren, ich weiß nicht mehr, was. Ich kritisiere, ich werde kritisiert, all die Kritik, die in der Welt herumschwirrt, kann man sich unmöglich merken.

Am nächsten Tag erreichte mich eine wütende Mail von seinem Verleger, einem kapitalismuskritischen Verleger. Ohne Anrede. Ich hatte meine Kritik, glaube ich, in relativ zivilisierter Weise formuliert. Nun wohnt der kritische Verleger in meiner Nachbarschaft, wir waren Bekannte, wir treffen uns regelmäßig beim Bäcker. Ein netter Typ, an sich. Aber seit ich etwas Kritisches über ein Buch aus seinem kritischen Verlag geschrieben habe, grüßt er mich nicht mehr. Zuerst denkt man natürlich: ein Kindskopf. Nein: ein kritischer Kindskopf. Aber inzwischen neige ich zu der Annahme, dass dieser Verleger unter einer ähnlichen Krankheit leidet, wie sie auch Josef Stalin gehabt hat.

Der Autor dagegen publiziert seit jenem Vorfall in regelmäßigen Abständen Schmähtexte, meine Person betreffend. Es ist ein kleines Taschenbuch an Beschimpfungen erschienen, im Laufe der Jahre, obwohl ich nie wieder eine kritische Zeile über ihn geschrieben habe. Ich werde das auch nie wieder tun, weil ich jetzt weiß, wie sehr ihn jedes kritische Wort verletzt. Ich dachte, Kapitalismuskritiker kämpfen für eine bessere Welt. Stattdessen verpulvern ihre fähigsten Köpfe ihre Energie damit, sich für lange zurückliegende Kränkungen zu rächen. Eine bessere Welt wird so niemals zustande kommen.

Nun nahm ich teil an einer Literaturveranstaltung, bei der auch jener Autor auftrat. Am Tag davor erschien in einer kapitalismuskritischen Zeitung ein Artikel, in dem er mich mit Gadhafi verglich. Die Veranstalter befürchteten, dass ich absagen würde. Aber wieso denn? Gegen originelle Vergleiche habe ich nichts. Spaß muss sein. Ich saß also in der Garderobe, mit den anderen Kulturarbeitern, jener Autor betrat den Raum. Er begrüßte alle, nur durch mich sah er hindurch. Ich hatte vom Volksgericht die Strafe »lebenslänglich« erhalten.

In all den Jahren als Journalist, Autor oder Gottweißwas habe ich immer wieder die gleiche Erfahrung gemacht. Je gesellschaftskritischer ein Mensch ist, desto weniger kommt er mit Kritik an ihm selbst zurecht. Ich habe linke Regisseure erlebt, die kritische Texte über sie unterdrücken wollten, und libertär-anarchistische Professoren, die wegen harmloser Scherze die Entlassung von Redakteuren forderten. Obwohl ich durchaus die Schattenseiten des Kapitalismus sehe, bin ich also entschlossen, dieses Gesellschaftssystem zu verteidigen. Denn ich fürchte, dass der Verleger und sein Autor schon am ersten Tag des Sozialismus, als erste Amtshandlung in der Morgensonne einer neuen Welt, mir irgendwie wehtun werden.

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