Nervenzellen (rot) unter einem Fluoreszenzmikroskop. Ihre Schutzhüllen sind bei der Krankheit Multiple Sklerose zerstört. © Institute for Stem Cell Research/Getty Images

Ein altbekannter Wirkstoff gegen Schuppenflechte weckt derzeit Hoffnungen bei Menschen, die an Multipler Sklerose (MS) leiden. Noch ist die Auswertung der Studien zu Dimethylfumarat, dem Wirkstoff des unter dem Handelsnamen Fumaderm bekannten Medikaments, nicht abgeschlossen. Doch im Oktober stellten US-amerikanische und deutsche Neurologen erste Ergebnisse vor. Sie bescheinigen dem Mittel gute Chancen, sich künftig als eine Standardtherapie durchzusetzen, die als Tablette verabreicht werden kann.

In Deutschland leiden etwa 130.000 Patienten an der Autoimmunkrankheit MS. Aus unbekannten Gründen greifen die Immunzellen bei den Betroffenen die Schutzhülle von Nerven im Gehirn und Rückenmark an, was verschiedene neurologische Symptome auslösen kann. Gefürchtet ist der chronisch fortschreitende Verlauf, der bleibende Behinderung nach sich zieht. Bei neun von zehn Patienten verläuft MS jedoch zunächst schubförmig: Dabei treten vorübergehend Taubheitsgefühle, Sehstörungen und andere Beschwerden auf.

Mit Medikamenten versuchen Ärzte, die Häufigkeit dieser Schübe zu senken. Bislang gelten Interferon und das vor zehn Jahren zugelassene Glatiramer-Azetat als Mittel der Wahl bei schubförmiger MS. Sie verringern zwar anfangs die Schubrate, verlieren aber später oft an Wirkung. Beide Mittel müssen gespritzt werden und sind teuer, weshalb Ärzte in England schon seit Jahren darauf verzichten.

Eine sichere und wirksame Alternative gibt es bisher nicht. 2010 sorgten zwei neue Mittel für Optimismus, die als Tabletten auf den Markt kommen sollten . Das eine, Fingolimod, wurde im April zugelassen, wegen erheblicher Risiken jedoch nur als zweite Wahl. Der Hersteller des anderen Präparats zog wegen Sicherheitsbedenken der EU-Arzneimittelbehörde den Zulassungsantrag zurück.

Was nun für Zuversicht sorgt, ist indes ein lange bekannter Stoff: Fumarsäure ist eine simple chemische Verbindung, die in jeder Zelle als Zwischenprodukt im Citratzyklus vorkommt. Lebensmittelchemiker kennen sie als Säuerungsmittel E297. In der Natur findet sie sich in Pilzen, Flechten und Pflanzen – allen voran im Namensgeber Fumaria officinalis, dem Gewöhnlichen Erdrauch.

Zur Behandlung von Schuppenflechte ist Fumarsäure seit 1994 zugelassen. Ihre Wirksamkeit hatte der deutsche Chemiker Walter Schweckendiek, der selbst an Psoriasis litt, vor rund fünfzig Jahren entdeckt. Wie sie wirkt, ist nicht genau bekannt. Vielleicht schützt sie Nervenzellen vor Sauerstoffradikalen, vermutlich hat sie auch Einfluss auf bestimmte Immunzellen.