Euro-KriseWarum uns dazu nichts einfällt

Eine Antwort auf Thomas Assheuers Klage, die Intellektuellen schwiegen zu Europa. von Christoph Menke

Thomas Assheuer hat beredt und überzeugend das »Schweigen« der (deutschen) Intellektuellen in der derzeitigen europäischen Krise beschrieben (ZEIT Nr. 46/11). An der Richtigkeit der Diagnose kann kein Zweifel bestehen: Bis auf die wenigen Namen, die Assheuer nennt, melden sich allenfalls einige betagte Intellektuelle, die die Krise zum Anlass nehmen, noch einmal zu wiederholen, mit der politischen Integration Europas könne (und solle) es nicht klappen. Die kritische Intelligenz war zu der Krise nicht zu vernehmen – jedenfalls soweit es sich um eine Krise nicht nur in Europa, sondern von Europa handeln sollte. Aber ebendas ist die Frage: Ist die Krise der Staatsfinanzen in einer Reihe von Mitgliedsländern der Euro-Zone eine Krise Europas? Und was meint man, wenn man das behauptet?

Christoph Menke

ist Professor für Praktische Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Sicherlich, wer mitverfolgt hat, wie in den Medien, von der Bild-Zeitung bis zum heute-journal, alle rhetorischen Mittel aufgeboten wurden, um durch die Evokation nationalistischer Ressentiments, die man für verschwunden gehalten haben konnte, jede Möglichkeit einer Solidarität zwischen den in allen Ländern gleichermaßen betroffenen Völkern von vornherein zu verhindern, der konnte wohl nicht anders, als die immer neuen Rettungsmaßnahmen als Gegenmaßnahmen gegen den aufkommenden Primitivnationalismus zu begrüßen. Aus diesem Impuls heraus könnte man meinen, dass die europäische Integration zu verteidigen eine Verteidigung der Solidarität gegen die nationalen Egoismen und Borniertheiten sei. Ja, man könnte meinen, dass es bei der Frage nach dem Zusammenhalt Europas – wie Assheuer so prägnant am Schluss seines Artikels schreibt – um nicht weniger als um einen politischen und kulturellen Raum geht, der nicht von den Gesetzen des Kapitals beherrscht wird.

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Aber so zu denken heißt, sich die Beschreibung der Situation und die Formulierung der Alternativen mal wieder von seinem Gegner vorgeben zu lassen: Nur weil die Gegner einer europäischen Zusammenarbeit bei der Bewältigung der Schuldenkrise einiger Länder (die, wie alle doch wissen, ihre Ursache eben nicht in der wahrlich desaströsen Regierungspolitik dieser Länder hat) die nationalistische Karte spielen, wird die europäische Integration dadurch noch nicht, im einfachen Umkehrschluss, zu einer Sache, die unserer Verteidigung wert wäre.

Um nicht missverstanden zu werden: Wer nicht sieht, welche enormen Vorteile und Erleichterungen die europäische Integration gebracht hat, muss blind oder dumm (oder nie auf Reisen) sein. Aber wenn es uns – um noch einmal die entscheidende Wendung in Assheuers Artikel anzuführen – um einen politischen und kulturellen Raum geht, der nicht von den Gesetzen des Kapitals beherrscht wird (und so ist es: darum geht es uns, worum sonst?): Warum sollten wir dabei an Europa denken? Warum sollten wir glauben, dass Europa – Europa, so, wie es ist und absehbar werden wird oder kann – dieser Raum ist? Die Idee eines solchen autonomen Raums, eines Raums der Autonomie, ist die Idee der Demokratie, von der wir gerade wieder die Marxsche Lektion lernen, dass sie mit Kapitalismus nicht zu haben ist. Mit dieser Idee der Demokratie hatten und haben die Regelungen und Maßnahmen, durch die in den letzten 50 Jahren Europa als eine handlungs-, eine regierungsfähige Einheit etabliert wurde, nichts zu tun. Europa steht im Gegensatz von Demokratie und Kapitalismus nicht auf der Seite der Demokratie. Die derzeitige Krise Europas ist eine Krise der Regierungsfähigkeit (die wahrscheinlich, wenn nicht alle Anzeichen trügen, durch die Krise bedeutend gesteigert werden wird), aber eine Krise der Demokratie, gar der Solidarität ist sie nicht; denn darum geht es bei Europa gar nicht. Und deshalb fällt mir zu Europa und seiner gegenwärtigen Krise nichts ein.

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Leserkommentare
  1. Vielen Dank, Christoph Menke, für diese Replik, der ich mich dezidiert anschliessen möchte.

  2. Mich überracht der Artickel.Ich weiß nicht recht von welchen Intellektuellen Sie reden.Nun mein ich von der EURO-Krise ist doch nun wirklich viel geredet und diskutiert worden,übrigens, zu recht.Woraus schließt Herr Menke ,daß darunter keine Intellektuellen sind oder waren.?? Ich rechne mich nicht zu den Intellektuellen.Vielleicht fehlt mir deshalb der Durchblick.Andererseits ist die Problematik derEURO+Schuldenkrise für alle dermaßen Erkennbar,daß die "Intellektuellenfrage" meiner Meinung nach zweitrangig ist.

  3. Mich überracht der Artickel.Ich weiß nicht recht von welchen Intellektuellen Sie reden.Nun mein ich von der EURO-Krise ist doch nun wirklich viel geredet und diskutiert worden,übrigens, zu recht.Woraus schließt Herr Menke ,daß darunter keine Intellektuellen sind oder waren.?? Ich rechne mich nicht zu den Intellektuellen.Vielleicht fehlt mir deshalb der Durchblick.Andererseits ist die Problematik derEURO+Schuldenkrise für alle dermaßen Erkennbar,daß die "Intellektuellenfrage" meiner Meinung nach zweitrangig ist.

    • longely
    • 22. November 2011 10:59 Uhr

    den Oberbegriff Intellektueller auf eine gemeinsamen Nenner
    zurückzuführen.
    Nicht jeder der in allen Talkshows seine Meinung kundtut, ist ein Intellektueller.
    Auch Beamte oder Politiker sind nicht in jedem Fall intellektuell.
    Oft werden die teuersten Teppiche, am meisten strapaziert.

  4. Auf das Statement des Autors <em> "Wer nicht sieht, welche enormen Vorteile und Erleichterungen die europäische Integration gebracht hat, muss blind oder dumm (oder nie auf Reisen) sein." </em> kann ich nur entgegnen: Die wenigsten, die sich hier und ausserhalb dieser Foren gegen €urobonds und Geldtransfers aussprechen, sind gegen europäische Integration. Diese vermeintlichen Gegner plädieren lediglich dafür, das Pferd "Europa" endlich mal richtig aufzuzäumen - und nicht immer vom Schwanz.

    Systemische Fehler lassen sich nicht durch Geld heilen. Nur die Politik glaubt noch immer: je mehr Geld, desto heil.

  5. Ich bin überzeugter Europäer. Aber ich bin ein ebenso überzeugter Gegner einer politischen Union. Ich bin schon vor 30 Jahren durch Europa gereist. Ich mußte manchmal meinen Ausweis vorlegen und würde das bei Bedarf auch heute noch gern tun. Ich mußte auch die Währungen umrechnen, was mich aber geistig nicht überfordert hat. Ich behaupte: Auch ohne das Milliardenloch Brüssel wären die Europäer nicht übereinander hergefallen.
    Daß den vorgeblich Intellektuellen nichts und den Politikern vornehmlich das Falsche zu Europa einfällt, hat mit bescheidenen ökonomischen Kenntnissen zu tun. Da prügelt man besser -der Autor schließt sich da an- auf den bösen Kapitalismus ein. Und nun hängen Politiker zusammen mit den "Intellektuellen" dem tragischen Irrtum an, man könnte gegen den Markt und Adam Riese mit politischen Mitteln ankämpfen, indem man versucht, mit Unsummen von Geld ein fehlentwickeltes Bürokratenspielzeug gangbar zu halten. Sie werden kläglich scheitern. Und wir mit ihnen.

    • rho
    • 27. November 2011 17:44 Uhr

    faellt den Intellektuellen zur Krise Einiges ein und ich habe ganz hervorragende Beitraege und Artikel dazu gelesen.

    Allerdings schleicht sich da irgendwo der Frust ein. Intellektuelle sind keine Geldleute und sind auch eher selten politische Entscheidungstraeger. Da die oeffentliche Diskussion aus Politik und Wirtschaft aber eher mit der Systemrettung auf Kosten der Nichtbegueterten befasst ist, bringt es schlicht nichts mehr noch viel dazu Stellung zu nehmen. Wer hoert schon auf Habermas und andere? Nun muss das System halt erst mal zum Crash kommen und wenn nicht, dann wird halt weitergewurstelt.

    • scfrei
    • 27. November 2011 18:38 Uhr

    keinen größeren Beitrag leisten können als diesen, dann ist es ja irgendwie nicht mal schade drum. Sorry, aber ist wahr.

    Sie können ja noch nicht einmal den Unterschied zwischen Gegnern der Währungsunion und Gegnern der europäischen Integration wahrnehmen. Ist es diese Scharfsinnigkeit die Sie zum Intelektuellen macht?

    Die ewige Polemik von den selbstgefälligen, gierigen Nationalstaaten, die eigentlich nicht verdienen was sie haben? Von ihren dummen und kurzsichtigen Einwohnern, die nicht bereit sind immer mehr auf dem Altar der "Solidarität" (hust) zu opfern? Da stehen Sie ja der BILD in nichts nach bloss das Ihre Propaganda sich in eine andere Richtung bewegt.

    Womit verdient sich denn eine Währungsgemeinschaft die uns innerhalb von nur zehn Jahren an den Rand einer Weltwirtschaftskrise bringt, die in wenigen Monaten nationalistische Ressentiments in *allen* Lagern wiedererstarken lässt und zum ersten Mal in 60 Jahren den europäischen Gedanken zu scheitern lassen droht unsere Zustimmung?

    Die bedeutendsten Ökonomen der Welt nennen den euro in seiner jetzigen Form einen schrecklichen Fehler und ihre Rettungsvorschläge (EZB, eurobonds) sind schlichte Notnagel um "schlimmeres" zu vermeiden. Strukturell lösen sie die Ursachen der Krise keineswegs.

    Es ist wie Arnulf Baring es kürzlich sagte: Deutschland wird gezwungenermaßen zu Europas Schulmeister - ob es will oder nicht. Damit werden wir alle Freundschaft, die wir in 60 Jahren erarbeitet haben, wieder verlieren.

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  • Schlagworte Medien | Staatsfinanzen | Autonomie | Bild-Zeitung | Demokratie | Euro-Zone
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