Architekt Ole Scheeren"China hat mich grundlegend verändert"

Der Architekt Ole Scheeren über seine Wahlheimat China und wie sie ihm half, neue Ideen zu entwickeln von Louis Lewitan

ZEITmagazin: Herr Scheeren, Sie sind der Architekt eines der spektakulärsten Gebäude der Welt, des China Central Television Headquarter in Peking. Nach dem Pentagon wird es das zweitgrößte Bürogebäude der Welt sein. Wie müssen wir uns das vorstellen?

Ole Scheeren: Es ist ein heterogenes und komplexes Gefüge, wie eine kleine Stadt. Dort werden einmal bis zu 14.000 Menschen arbeiten, die Nutzfläche beträgt 600.000 Quadratmeter. Es ist nicht nur eine Fernsehstation mit Büros, Sendezentrale und Studios, sondern auch ein Sozialgefüge mit vielen Kommunalbereichen und Freizeiteinrichtungen, Restaurants, einem Basketballfeld und eigener Klinik.

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Ole Scheeren

40, geboren in Karlsruhe, war Partner des Architekten Rem Koolhaas. Seit März 2010 führt er sein eigenes Architekturbüro Ole Scheeren mit Niederlassungen in Peking, Hongkong und London. Gerade präsentierte er sein Modell für einen 268 Meter hohen Turm in Kuala Lumpur, Baustart ist 2012.

ZEITmagazin: Hatten Sie keine Angst, überfordert zu sein, als Sie 2002 mit erst 31 Jahren diese enorme Aufgabe übernahmen?

Scheeren: Ich bin kein sehr ängstlicher Mensch. Ich dachte, dass bei der Koordination von 400 Mitarbeitern über drei Kontinente hinweg intuitive Wachsamkeit und strategisches Manövrieren sehr viel wichtiger sein würden als traditionelles Wissen. Es gab dafür sozusagen keinen Prototyp.

ZEITmagazin: Wie lässt sich ein solches Bauprojekt überhaupt planen?

Scheeren: Ein Grundgedanke war die Auflösung der Hierarchien, sowohl architektonisch-formal als auch inhaltlich. Ein Gebäude einer solchen Größenordnung ist an sich instabil, es wird nie einen Moment geben, in dem alles fertig ist, sondern es wird sich ständig verändern. Da muss auch der eigene Arbeitsprozess einer anderen Systematik folgen. Nachdem China mich grundlegend verändert hatte, war dieses Projekt, an dem ich acht Jahre lang gearbeitet habe, eine interessante Möglichkeit, dieses Land auch ein Stück weit zu verändern.

ZEITmagazin: Inwiefern hat China Sie verändert?

Scheeren: 1992 bin ich das erste Mal aus einer fast naiven, intuitiven Idee heraus nach China gereist. Das Einzige, was ich als deutscher Teenager von diesem Land wusste, war, dass es süßsauer schmeckte. Diese Reise war ein psychologischer Überlebenskampf. Es ist anstrengend, zweieinhalb Tage für ein Zugticket anzustehen und in Arbeiterschlafsälen mit 200 Menschen zu schlafen. Er waren ungeheuer intensive Erfahrungen, die mein Verständnis der Welt veränderten. Ich fing an zu begreifen, dass unser westliches Weltbild nicht immer realistisch ist.

ZEITmagazin: Inwiefern?

Scheeren: Plötzlich wurde mir klar, dass die Welt total anders funktioniert und auch andere Werte eine Rolle spielen – Formen der kollektiven Sozialisation, aber auch Mut zum Risiko und zur Zukunftsvision. Europa ist relativ stabil, politisch und auch architektonisch. Dinge verändern sich nur sehr langsam.

ZEITmagazin: Sie leben jetzt seit 2004 in China. Was verbindet Sie noch mit Deutschland?

Scheeren: Es gab eine lange Zeit, in der ich mit Deutschland eigentlich gar nichts zu tun hatte. Das habe ich vielleicht gebraucht, um eine gewisse Distanz zu meiner Herkunft herzustellen. Ich hatte das Gefühl, dass es in der deutschen Architektur eine Form von technokratischem Konservatismus gab, der mich nicht sehr interessiert hat. Ich wollte mich lösen, um andere Ideen zu entwickeln.

ZEITmagazin: Verstehe ich Sie richtig, dass Ihre Rettung war, Deutschland verlassen zu haben?

Scheeren: Es war eine Befreiung. Es war mir wichtig, mich aus Zusammenhängen zu befreien, die mein Denken und Schaffen bestimmten. Mich von Mechanismen zu lösen, mit denen ich aufgewachsen bin. Wenn man zu sehr an seine Umgebung gewöhnt ist, dann ist man sich vieler Dinge nicht bewusst. Aber wenn man sich einmal von dieser Geborgenheit und Bequemlichkeit verabschiedet, wird vieles klarer. Man wird freier. Dann kann man sich mit einer innovativeren Form von Zukunft beschäftigen.

ZEITmagazin: Was hat China Sie gelehrt?

Scheeren: Dass Veränderung etwas ist, das sehr weitgehend ist, das man nicht nur als externen Prozess verstehen kann, sondern auch als internen. Man muss in ein dialektisches Verhältnis mit seiner Umgebung treten, man kann vielleicht nicht einfach nur auf seiner eigenen Philosophie und seinen eigenen Moralvorstellungen beharren, sondern muss sich auch mit einer anderen Realität auseinandersetzen.

ZEITmagazin: Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen in China bereit sind, sich zu verändern?

Scheeren: Ich glaube, in China ist die Bereitschaft und auch die Notwendigkeit zur Veränderung sehr viel größer als in Europa. Es gibt hier eine ungeheuer große Zuversicht, einen großen Enthusiasmus, eine positive Energie, auch Stolz und Freude, an der Gestaltung der Zukunft mitzuarbeiten. Obwohl Teile der Gesellschaft auf politischer Ebene relativ hermetisch sind, sind andere Teile sehr viel offener als in Europa. Und diese Offenheit interessiert mich.

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Leserkommentare
  1. Den Architekten Ole Scheeren hat seine Wahlheimat China und wie sie ihm half, neue Ideen zu entwickeln.

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    Redaktion

    Liebe/r Reallast,

    der Fehler wurde korrigiert. Vielen Dank für den Hinweis und herzliche Grüße, Maria Exner

  2. Redaktion

    Liebe/r Reallast,

    der Fehler wurde korrigiert. Vielen Dank für den Hinweis und herzliche Grüße, Maria Exner

    Antwort auf "Korrekturleser?"
  3. daß ein Deutscher (oder ehemaliger Deutscher? ;-)) an diesem Projekt beteiligt war, das Gebäude selber hatte ich schon in chinesischen Medien gesehen und fand den Entwurf spannend.

    "Es ist anstrengend, zweieinhalb Tage für ein Zugticket anzustehen und in Arbeiterschlafsälen mit 200 Menschen zu schlafen. Er waren ungeheuer intensive Erfahrungen, die mein Verständnis der Welt veränderten. Ich fing an zu begreifen, dass unser westliches Weltbild nicht immer realistisch ist."

    Toller Satz, den ich nur unterschreiben kann, und zwar doppelt und dreifach. Leider scheitern einige auch an dieser Herausforderung und ziehen sich um so eher wieder in ihr Schneckenhaus zurück.

  4. begreifen gar nicht, daß da eine Herausforderung, der sie sich zu stellen haben, vor ihnen liegt.
    Vielen dank für das Interview, Louis Lewitan. Und der Titel ist schon korrekt - grammatikalisch und inhaltlich.

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  • Schlagworte Architektur | China | Philosophie | Architekt | Gebäude | Offenheit
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