Rechtsextremismus Hat der Osten jetzt seine eigene RAF?
Der Filmemacher und Psychologe Andres Veiel über Traumata nach 1989 und die falsche Vorstellung von einer Braunen-Armee-Fraktion
DIE ZEIT: Herr Veiel, Sie haben sich als Filmemacher und Buchautor mit linker wie rechter Gewalt beschäftigt. Hatte Deutschland, ohne es zu wissen, über Jahre eine Braune-Armee-Fraktion?
Andreas Veiel: Der RAF-Vergleich, der im Zusammenhang mit der nun entdeckten Zwickauer Zelle bemüht wird, ist doch reichlich unangemessen. Die RAF verstand sich als Speerspitze einer weltweiten linken Befreiungsbewegung, die die revolutionären Volten in Afrika, Mittel- und Südamerika für sich vereinnahmen wollte. Auch wenn das eine Chimäre und Ausdruck einer grenzenlosen Hybris war, so verfügte die RAF doch über ein Sympathisantennetz, das in den Anfangsjahren 1970/71 bis in die Mitte der deutschen Gesellschaft reichte. Das alles ist bei der angeblichen Braunen-Armee-Fraktion nicht der Fall. Hier handelt es sich um eine sehr kleine, wohl auch hermetisch abgeschlossene Gruppe mit einer Anhängerschaft, die über die Zwickauer und Jenaer Neonaziszene nicht hinausgereicht haben dürfte. Man kann gar den Eindruck gewinnen, dass es diesem »Nationalsozialistischen Untergrund« nur um die Aktion und gar nicht um Anhängerschaft ging.
ZEIT: Wie kommen Sie darauf?
Veiel: Die Öffentlichkeit war dieser Gruppe über zehn Jahre herzlich egal. Es gab keine Bekennerschreiben, nichts. Erst fünf Jahre nach dem letzten »Dönermord« und kurz vor dem Suizid zweier Mitglieder wurden Bekennervideos aufgenommen. Das wirkt äußerst ungewöhnlich, sogar ein wenig stümperhaft, gilt doch für die meisten Terrorgruppen von der RAF bis al-Qaida ein politischer Mord, der nicht öffentlich gespiegelt wird, als sinnlos.
Der Dokumentar- und Spielfilmregisseur Andres Veiel, 52, wurde 2001 mit seinem Film Black Box BRD bekannt. Seine Werke behandeln die RAF wie auch einen rechtsextremistischen Mord in Brandenburg
ZEIT: Aber sind Terrororganisationen nicht so verschieden wie ihre politischen Hintergründe?
Veiel: Nur vordergründig, denn in einem sind sich alle ähnlich: Sie schlachten ihre Taten propagandistisch aus, um in die Gesellschaft zu wirken und diese zu polarisieren. Aus zwei Gründen: Zum einen suggeriert erst die Propaganda und nicht etwa die Tat an sich ein permanentes Bedrohungspotenzial – der Schrecken wird so um ein Vielfaches potenziert. Zum anderen weckt man dadurch bei den Sympathisanten Bewunderung und rührt zugleich an deren schlechtes Gewissen. Der Gedanke »Mensch, die tun was, und ich tu nichts!« kann sehr motivierend auf mögliche Unterstützer wirken. Dies ist ein kalkulierter Effekt jeder Terrorgruppe, um neue Mitglieder zu rekrutieren. Bei der braunen RAF ist nichts davon zu erkennen, ihre begrenzte, wenn überhaupt vorhandene politische Wirkung spricht deshalb eher dagegen, dass Nachahmergruppen dem Beispiel des Nationalsozialistischen Untergrunds folgen werden.
ZEIT: Worum ging es den Mitgliedern der Gruppe wirklich?
Veiel: Ich gehe davon aus, dass sich hier drei oder vier Einzeltäter getroffen haben, die zwar ideologisch verblendet waren, für die aber der Machtrausch, über Leben und Tod entscheiden zu können, wann und wo sie wollen, wichtiger war als das Tragen einer konkreten politischen Botschaft in die Welt. Dafür sprechen auch die permanenten Brüche in der Strategie. Warum brechen die »Dönermorde« 2006 plötzlich ab, wieso konzentriert sich die Gruppe danach hauptsächlich auf Banküberfälle? Das passt nicht zu einer Terrorgruppe. So hat etwa die RAF erst von ihrer Strategie des politischen Mordens abgelassen, als sie einsehen musste, dass die Sympathisantenmilieus abnahmen und die eigene Isolation zunahm, kurzum: als für das Morden in linksextremistischen Gruppen der Beifall versiegte.
ZEIT: Ist diese neue Form von rechter Gewalt demnach eine Weiterentwicklung von Gewaltstrukturen, wie man sie aus der rechten Szene im Osten bereits kennt, oder ist sie etwas vollkommen Neues?
Veiel: Sie wäre insoweit nichts Neues, sollten ihr und den zugehörigen Täterprofilen ein in Ostdeutschland weitverbreitetes Nachwende-Trauma zugrunde liegen. Dieses erklärt auch, warum es bis vor Kurzem im Osten achtmal wahrscheinlicher war, Opfer rechter Gewalt zu werden, als im Westen. Rechte Gewalttäter in Ostdeutschland waren zumeist in ihrer Jugend Demütigungserfahrungen ausgesetzt, durch die die Perspektiv- und Arbeitslosigkeit von den Eltern auf die Kinder übertragen wurde und die in einem generationsübergreifenden Minderwertigkeitskomplex gipfelten. Martialisches Auftreten, Glatze und Springerstiefel sind Kompensationen dieses Komplexes. Gewalt ist ein Mittel, über sich hinauszuwachsen und zum Herrn über Leben und Tod zu werden. In Potzlow sagt einer der rechten Täter, die einen Jungen totgetreten hatten, zu einem Freund: Das musst du auch mal probieren, das ist geil! Dieses Gefühl gottgleicher Überlegenheit wird durch eine Exekution wie im Falle der »Dönermorde« noch gesteigert.
- Datum 17.11.2011 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17.11.2011 Nr. 47
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"Sie schlachten ihre Taten propagandistisch aus, um in die Gesellschaft zu wirken und diese zu polarisieren" meint Veiel über alle terroristischen Vereinigungen. Da hat er sich wohl kaum mit der NSU beschäftigt, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie nach dem Motto gehandelt hat und handelt "Worte statt Taten". Das steht im historischen Kontext mit dem terroristischen System "Propaganda der Tat". Schon russische Anarchisten haben danach gehandelt. Die Taten sollen für sich sprechen, Worte brauche man dazu nicht. Immer wieder gibt es Intellektuelle in Deutschland, welche die gemeingefährlichen Verbrechen der RAF verbrämen und mystifizieren oder auf eine psychologische Schiefebene platzieren, wie auch Veiel es mit seinem letzten Film gemacht hat. Damit folgen sie den RAF-Terroristen, die Morde falsch als "Hinrichtung" bezeichnet, die Namen der einfachen Menschen, welche sie gezeilt erschossen haben, bis heute schlicht verschweigen und ihre vorgeblichen politischen Motive immer weiter kolportieren. Wer die Gerichtsurteile gegen RAF-Terroristen gelesen hat und die Verfahren verfolgte, weiß, dass das nur vorgeschobene Argumente gewesen sind. Man darf im Fall der NSU nicht weiter verharmlosen, die Paralleleln zur RAF sind auch ohne Fachkenntnisse erkennbar, Wer sie verschweigt, mystifiziert die eine oder die andere Terrorgruppe.[...]
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Mit seiner These, dass der Verlust der wirtschaftlichen Sicherheit der Elter - das Wende-Trauma - die Entstehung einer rechtsradikalen Szene in Ostdeutschland begünstigt hat, hat Herr Veiel eine zentrale Ursache benannt. Nur ist das inzwischen keine Ost-Geschichte mehr. So gibt es im Ruhrgebiet inzwischen eine hochaktive, extrem militante und gefährliche Neonaziszene, die ihren ostdeutschen Kameraden in gar nichts nachsteht.
Was die Ost von den Westnazis darüber hinaus unterscheidet, ist aber die Erfahrung eines autoritären stalinistischen Staates gewesen sein, zu dem sich viele DDR-Bürger in einer inneren radikalen Opposition befanden. So hat es schon vor der Wende abseits der offiziellen sozialistischen Propaganda eine Menge alte und neue Nazis gegeben. Strukturell hat die DDR zu den Nazis sehr gut gepasst, viel besser als die BRD.
Was das Thema Gewalt angeht, so sollte man Rechtsextreme nie unterschätzen. Die ganze Ideologie hat letztlich nur zum Ziel, Gewalt gegen Minderheiten oder Schwächere zu legitimieren. Da ist es egal ob es Juden, Behinderte, Homosexuelle oder eben Einwanderer sind. Und so haben auch bürgerlich auftretende Nazis nur ein Ziel: Sich selbst ihre Macht zu beweisen, indem sie andere Gruppen erniedrigen. Ihr ideologischer Überbau soll das rechtfertigen helfen.
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