WendekinderSind sie die finsteren Kinder der Einheit?

Die Zwickauer Terroristen wurden groß in einem Ostdeutschland zwischen Aufbruch und Perspektivlosigkeit. Wie Wendekinder zu Nazis wurden

Wir nannten ihn Hitler. Er war viel älter als wir. Der Krasseste von allen. Er aß gern Ananas aus der Dose. Und verhaute seinen Bruder. Das war 1996, ich wurde gerade zwölf. Die Großen, darunter Hitler, waren um die 20. All jene, die sich Anfang der Neunziger im Teenageralter auf ein Neonazidasein spezialisiert hatten und meist dabei blieben. Es waren schwere Jungs, und meine Klassenkameraden haben sie bewundert: die großen Neonazis. Die älteren Geschwister. Solche sind auch die drei Täter Uwe und Uwe und Beate (alle Mitte 30). Sie haben mit den Nachgeborenen, zu denen ich gehöre, nichts gemeinsam. Im Osten kann ein Altersunterschied von fünf Jahren eine komplett andere Sozialisation bedeuten.

Meine Klassenkameraden und die Gleichaltrigen aus dem Plattenbauviertel, in dem ich am Stadtrand Weimars aufwuchs, zogen sich dann alle so an wie diese von ihnen bewunderten älteren Neonazis. Sie trugen Dr.-Martens-Schuhe und Alpha-Industries-Jacken; und eine schnittige Heinrich-Himmler-Frisur – wenn sie nicht unter einem Wirbel am Hinterkopf litten, dessentwegen sie sich die Haare schoren.

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Ich war fünf, als die Mauer fiel . Später, in meinem Gymnasium, waren alle Neonazis. Das heißt aber, sie sahen nur so aus. Sie mochten Mathe, sie waren nicht gewalttätig. Es gab die echten Neonazis, die sich in unserem Viertel zunächst gegenseitig die Köpfe einschlugen und dann einem Vietnamesen das Gehirn aus dem Schädel hauten, sodass sich sein Gehirn auf dem Bürgersteig verteilte, direkt neben den von ABM-Kräften angelegten Stiefmütterchenbeeten. Hitler, der Krasseste unter den Glatzen in unserem Viertel, stand eines Morgens an der Bushaltestelle, weil er zu seiner Baggerausbildung oder so ähnlich gehen wollte, mal wieder, er war lange nicht mehr hier gewesen. Da sagte er zu mir, wenn du mich noch einmal anguckst, schlag ich dich tot. Ich habe dann nichts gesagt, in solchen Momenten geht es nicht anders.

Einmal gab es in unserem Plattenbauviertel ein Fest, und Hitler kam. Er trug weiße Schnürsenkel und Hosenträger, und er ist damals immer dicker geworden. Er bot mir plötzlich eine Eisbowle an, was ich überhaupt nicht verstand. Denn das hätte auch heißen können, dass er mir im nächsten Moment das Gehirn auf dem Asphalt herausschlägt.

Seine Truppe der gewalttätigen Neonazis war viel älter. Diese Leute waren 13, 14 oder 15 gewesen, als die Mauer fiel. Sie haben auch diese Eltern gesehen, die sich so schlecht und unsicher im neuen Land bewegten. Sie nannten ihre Eltern »der Alte« und »die Alte«. Und Eltern waren Loser, waren nicht stark und nicht männlich. Männlichkeit haben die Jungen sich mit einem Baseballschläger erprügeln wollen.

Meine Generation, die wesentlich jünger ist, sah um sich herum eine Reihe dieser Hitlers und Himmlers. Und viele meiner Klassenkameraden bewunderten diese Hitlers und Himmlers wegen deren Männlichkeit. Und kleideten sich selbst so ein. Es war eine Moderichtung, die Ansehen, Respekt und Sicherheit versprach (man musste nicht jede Saison etwas anderes kaufen). Auch Schutz vor Erniedrigung. Außerdem musste sich ein junger Schüler in Bomberjacke nicht mehr vor einem älteren, gewaltbereiten Nazi fürchten. Äußerlich schienen sie gleich.

Einmal wurde in unserem Plattenbauviertel eine Grillplatzparty für alle veranstaltet (eine städtische Initiative, die etwas mit Aufwertung zu tun hatte), um das Viertel nicht ganz versickern zu lassen, in braunem Schlamm, in Arbeitslosigkeit, im Ärger der seltsam wütenden und aggressiven Bürger, da saß ich mit Hitler auf der Schaukel; und er trank eine Eisbowle und sagte, als er sich eine Ananas reinschob, dass es Leute wie mich früher gar nicht hätte geben dürfen. Dann kamen auch der Quartiermanager – so nannte man Leute, die pädagogische Gespräche führten – und die Ausländerbeauftragte der Stadt. Man hatte offenbar bemerkt, dass es Mitte der Neunziger Teenager gab, die sich in eine seltsame Richtung entwickelten. Der Ausländerbeauftragten wurde von allen Seiten zugebrüllt, und zwar vor allem von den alten arbeitslosen Eltern, die schon ganz ordentlich getankt hatten. Dass Ausländer allen nun mal die Arbeitsplätze wegnähmen und so weiter. Wir schauten uns um: Nirgends war ein Ausländer zu sehen. Einen weniger aggressiven Neonazi habe ich einmal gefragt, warum er Neonazi sei. Er antwortete: weil man da eben wieder zu einer Gruppe gehöre.

Leserkommentare
    • rogerM
    • 21.11.2011 um 6:58 Uhr

    bin 78 iger jahrgang und aus sachsen also zur wende so ca. 12-13 und muss leider sagen in dem artikel ist vieles wahres, in meiner gegend war es nicht die neonaziszene die die jugendlichen anzog sondern die drogenszene, die die meisten rund um mein alter in der gegend ziemlich negativ geprägt hat.

    • rogerM
    • 21.11.2011 um 7:27 Uhr

    reki hat vorhin die umstände ganz gut beschrieben (überforderte eltern etc.) und diesen "hitler" gab es bei uns auch, er war 2 jahre älter als ich und der bekannteste drogendealer, ich hab ihn jetzt mal wiedergetroffen und der ist immer noch auf drogen nur sieht man nun das ganze mit anderen augen.

    lg

  1. dass es immer noch so viele Resentiments vieler ehemaliger Ostdeutscher gegen "Besserwessis" gibt, nach 21 Jahren. Vom hohen Roß herab als "aufgeklärter Mensch", ohne Ahnung zu haben scheren Sie alle aus der Zone über einen Kamm. Sie sollten über den "aufgeklärten Menschen" im Sinne Kants nachdenken und überlegen, warum Sie nicht dazu gehören.

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    Antwort auf "5 dachkammer:"
  2. ...die Anfang der 90er nicht erst 5 Jahre alt waren - wie die Autorin - sondern älter, haben vermutlich auch schon sehr bewußt die "Säuberungsaktionen" (sorry, mir fällt kein anderes Wort ein) dieser Zeit erleben müssen. Das massenhafte Entlassen von Lehrern, die sich in irgendeiner Art "schuldig" gemacht hatten und sich von Evaluierungskommissionen demütigen lassen mußten.
    Ich selbst habe diese Vorgänge an meiner Uni aus nächster Nähe erleben dürfen: und auch nach 20 Jahren spüre ich immer noch diese Wut von damals in mir und die wird vermutlich noch weitere 20 Jahre glimmen. ICH kann mit dieser Wut (halbwegs) umgehen und sie hat mich nicht zum Nazi werden lassen, aber ich bin auch älter. Manche aus der Generation nach mir, die selbiges an ihren Lehrern oder Eltern beobachten durften, haben vielleicht kein anderes Ventil finden können, als das im Artikel beschriebene Verhalten. Das soll sicher keine Entschuldigung sein, aber ein Teilaspekt.

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  3. ... von der immer wieder falschen Kommasetzung: "Während ihre Väter auch heute noch, mit ihrem Kleidungsstil, den Verlust ihrer Männlichkeit betonen, präsentieren sich die Söhne, um gar nicht erst angezweifelt werden zu können, äußerlich gewaltbereit. Mit Stahlkappen in den Schuhen. Mode, die Männlichkeit herstellen soll. Das ist der Grund, weshalb jeder nach Osten schaut und nur Neonazis sieht. Die meisten, die nach Neonazi aussehen, sind aber gar keine. Die Gewaltprolls, die Neonazis, die sich organisieren, rekrutieren sich bundesweit. "

    Ich sehe im Osten nicht mehr Menschen, die äußerlich wie ein Neonazi wirken, als in den Westdeutschen Bundesländern. Sie stellen Ostdeutschland in ein sehr schlechtes Licht. Das hat es nicht verdient! Die Problematik betrifft ganz Deutschland gleichermaßen!

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  4. Was erwartet man denn, wenn 40 Jahre lang in den Schulen der DDR eine ideologische Gehirnwäsche stattfand.

    Wie kommt es dann, dass - wenn man absolute Zahlen betrachtet - es in Niedersachsen und Bayern mehr NPD-Wähler und Nazis gibt als in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg? Die waren keinem Regime, wie dem in der DDR ausgesetzt. In Mecklenburg-Vorpommern füllen Nazi-Treffen eine Dorfkneipe, in Bayern ganze Säle von Schulen.

    Das spricht doch nicht gerade für die Gehirnwäsche-Theorie.

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    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich gebe Ihnen vollkommen recht, dass es auch in Westdeutschland leider viele Menschen gibt, die der braunen Ideologie anhängen und dass zudem die Rädelsführer der Neonazi-Szene (Worch, Wulf ..) ebenfalls häufig aus der ehemaligen BRD kommen. Gleichwohl denke ich aber, dass man nicht zum Nazi geboren wurde, sondern dass es auch immer ein passendes Umfeld geben muss (und das ist auf keinen (!) Fall immer nur Armut siehe Herr Breivik). Auch wenn z.B. die naturwissenschaftlichen Leistungen der Schüler in der DDR oftmals besser waren als in der BRD, ändert das nichts am Menschenbild, das in der DDR propagiert wurde.

    Ich gebe Ihnen vollkommen recht, dass es auch in Westdeutschland leider viele Menschen gibt, die der braunen Ideologie anhängen und dass zudem die Rädelsführer der Neonazi-Szene (Worch, Wulf ..) ebenfalls häufig aus der ehemaligen BRD kommen. Gleichwohl denke ich aber, dass man nicht zum Nazi geboren wurde, sondern dass es auch immer ein passendes Umfeld geben muss (und das ist auf keinen (!) Fall immer nur Armut siehe Herr Breivik). Auch wenn z.B. die naturwissenschaftlichen Leistungen der Schüler in der DDR oftmals besser waren als in der BRD, ändert das nichts am Menschenbild, das in der DDR propagiert wurde.

  5. Die FDJ (Freie deutsche Jugend) wurde in den 1930er Jahren in Paris und Prag gegründet, von deutschen Exilanten - die gingen dann nach dem Krieg in die Sowjetzone

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    Antwort auf "Pressefreiheit und co"
  6. Sie scheinen sich nicht näher mit den wahren Gegebenheiten befasst zu haben. Relativieren wir mal:
    In der DDR wurde die Entnazifizierung vollständig durchgeführt. In Westdeutschland hingegen wurde Altnazis sehr viel Verständnis entgegengebracht. Selbst verurteilte Nazis (Krupp, Abs und viele andere) wurden vorzeitig wieder entlassen und konnten sich gleich wieder ganz oben positionieren. Die Justiz und die Verwaltung wurden 1 zu 1 übernommen und als der BND gegründet wurde, wurden für diese Aufgabe vorwiegend ehemalige SS und SA Schergen eingestellt. (Wikipedia).
    Viele der wirklich großen Naziverbrecher wurden über die so genannte Klosterlinie, später von den Amerikanern in Rattenlinie umgetauft, ins Ausland, vor allem nach Südamerika geschmuggelt, zuerst vom Klerus, später von den Amerikanern.
    Gerne werden Nazis als tumbe Dummköpfe dargestellt, doch das sind und waren nur die Mitläufer, die als Schlägertrupps Angst und Schrecken verbreiten sollten. Die wahren Nazis waren in der Elite zu finden. Erst durch deren großzügige Spenden konnte sich die NSDAP entfalten (Thyssen, Krupp, Quandt, IG-Farben, Bosch etc.)

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    Antwort auf "Dresden 1993"

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