Sierra LeoneHerrn Jarkas neue Hände

Im Bürgerkrieg von Sierra Leone wurde Jusu Jarka verstümmelt. Sein Schicksal hat unseren Reporter zwölf Jahre lang nicht losgelassen. Beim Wiedersehen traf er auf einen Mann, der keinen Hass kennt. von 

Noch nie habe ich in Afrika einen so verzweifelten Mann getroffen wie Jusu Jarka. Ich begegnete ihm zum ersten Mal 1999, kurz vor Ostern, als ich in Sierra Leone unterwegs war, um über die verheerenden Folgen des Bürgerkriegs zu berichten. Zehntausende von Flüchtlingen waren im Fußballstadion der Hauptstadt Freetown gestrandet, ein paar Hundert Schwerverletzte hatten sich ins Connaught Hospital geflüchtet, in das verwahrloste Krankenhaus im Stadtzentrum. Jarka saß verloren auf einer Steinbank im Innenhof und streckte mir seine vernarbten Armstummel entgegen. Rebellen hatten ihm beide Unterarme abgehackt, die Verstümmelung lag noch keine hundert Tage zurück.

Wie grüßt man einen Menschen, der keine Hände mehr hat? Ich berührte verlegen seine Schulter und setzte mich neben ihn.

Anzeige

Wie durch ein Wunder hatte Jarka mehrere Notoperationen überstanden, aber sein Lebenswille war gebrochen. Er wirkte gehetzt, verwirrt, gramzerfressen. Sein Kopf war kahl geschoren, in seine Gesichtszüge hatte sich der Schrecken eingegraben. Er schaute mich aus stumpfen Augen an und stammelte zusammenhanglose Sätze. »Ein hilfloser Säugling ist besser dran als ich. Wenn es am Kopf juckt, muss ich mich wie ein Tier am Bettgestell scheuern.« Jarka besaß nur das, was er am Leib trug, ein türkisgrünes Netzhemd, blutverklebte Shorts, Badeschlappen. Ein schwer traumatisierter Mann von 45 Jahren, ohne Hände, ohne Hoffnung. »Wie könnte ich je wieder arbeiten? Wie soll ich meine Familie ernähren? Wer will mich?« Er antwortete sich selbst: »Niemand.«

Jusu Jarka ist das Opfer eines der grausamsten Bürgerkriege in der postkolonialen Geschichte Afrikas. Der Konflikt zwischen der Regierungsarmee und den Aufständischen der Revolutionary United Front (RUF) dauerte von 1991 bis 2002. Die Friedenstruppe der Vereinten Nationen stand hilflos dazwischen, erst eine robuste Militärintervention der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien beendete das Blutvergießen. Die Zahl der Toten lag zwischen 50000 und 200000, so genau weiß das bis heute niemand; mindestens 5000 Menschen wurden Hände, Arme oder Beine abgehackt.

Das Connaught Hospital war überfüllt, in den Krankensälen stand süßlicher Fäulnisgeruch. Überall das gleiche Bild: verstümmelte Männer, Frauen, Kinder. Es fehlte an Betten, Medikamenten, Verbandszeug, Ärzten, Pflegepersonal. Die Patienten warteten vergeblich auf Prothesen.

»Die Schwarzen sind nicht gut zueinander«, sagte Jusu Jarka. Er erzählte damals eine jener Leidensgeschichten, die wir Afrika-Korrespondenten immer wieder hören. Wir schreiben sie auf und lösen bei den Lesern große Bestürzung aus, die Opfer aber bekommen unsere Artikel selten zu Gesicht, wir sehen sie in der Regel nie wieder, und ihre Schicksale geraten schnell in Vergessenheit, während wir schon über den nächsten Krieg, die nächste Hungersnot, die nächste Katastrophe berichten. Am Ende sind die Leidtragenden nur austauschbare Statisten auf unserer medialen Erregungsbühne. Doch manchmal lassen uns die Bilder nicht mehr los, und wenn es den Lesern genauso geht, dann haben die Statisten Glück und werden aus ihrer Anonymität befreit.

So war es im Falle von Jusu Jarka. Seine Geschichte, erschienen im Februar 2000 in Geo, erreichte die Kirchengemeinde St. Matthäus im westfälischen Minden, die 1400 Mark sammelte und die Kollekte nach Freetown überwies. Die umgerechnet 1,5 Millionen Leones waren Jarkas Startkapital in eine neue Zukunft, sie brachten wieder Zuversicht in sein Leben. Einen Teil des Geldes verwendete er, um die Amputees and War Wounded Association of Sierra Leone zu gründen, den Verband der Kriegsversehrten. Er kämpfte für die Entschädigung der Menschen, denen es wie ihm ergangen war. Er gewann den Beistand humanitärer Organisationen. Er beschaffte Prothesen aus dem Ausland. Ihm selber wurden im Jahr 2000 künstliche Arme angepasst, im Long Island Hospital in New York, eine amerikanische Stiftung hatte das möglich gemacht. Jarka fühlte sich wieder wie ein normaler Mensch, er verdiente Geld und hatte eine Mission, die ihn antrieb. 2001 übernahm er den Vorsitz des Kriegsversehrtenverbandes. Im selben Jahr wurde sein jüngster Sohn geboren. Zum Dank für den Bericht, der die Hilfe aus Deutschland ausgelöst hatte, gab er ihm den Vornamen des Verfassers: Bartholomäus.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service