»Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist«

Wer will schon sofort aufhören, wenn er gerade etwas Schönes erlebt? Niemand verlässt die Oper nach der großartigen Arie, kaum einer springt beim Sex nach dem Orgasmus aus dem Bett, nur selten verlassen Fußballer das Spielfeld, wenn sie in der 20. Minute ein Tor geschossen haben.

Der Spruch ist vor allem auf die langfristige Planung gemünzt: Soll man auf dem Höhepunkt der Karriere abtreten? In der Politik, auf der Bühne oder im Sport bleibt ein großer Abschied womöglich länger im Gedächtnis als versiegender Erfolg. Wer lieber früh abtritt, will demonstrieren, dass er über sich selbst bestimmt – und nicht andere über ihn. Wer dagegen zu lange zögert, erntet Spott, weil das Publikum den verblassenden Star mit dem strahlenden vergleicht.

»Mein Schatz, da gibt’s nichts zu verstehen, wenn’s am schönsten ist, soll man gehen«, singt der Liedermacher Rainald Grebe – das ist lustig, weil es offenkundig ist, dass in der Liebe nicht wahr ist, was in der Politik oder im Showgeschäft gilt. Im Privaten würde der frühe Abtritt zur Selbstbestrafung: Wer so handelt, wie in Grebes Lied, der hat wahrscheinlich Angst, enttäuscht zu werden. Vielleicht schwor er sich bei der letzten, sich lange hinziehenden Trennung: Das nächste Mal werde ich gehen beim kleinsten Anzeichen nachlassender Liebe.

Dabei vergisst der Frühabbrecher, dass Höhepunkte ihren Wert erst durch das Nachspiel bekommen: die kleinen Freuden, die ihnen folgen, die gemeinsame Erinnerung an die großen Freuden. Michael Schefczyk, Professor für Praktische Philosophie, sagt: »Wer nach dem Maximum aufhört, muss ein trauriger Mensch sein.« Denn derjenige hat keine Hoffnung, dass das Allerschönste ganz zum Schluss kommen könnte. Undine Zimmer

»Willst du gelten, mach dich selten«

Das Prinzip der schwer erreichbaren Eisprinzessin, es ist keineswegs auf das Feld der Liebe beschränkt. Der Mechanismus, den das vorliegende Sprichwort beschreibt, gilt vielmehr für den gesamten gesellschaftlichen Rahmen: Wer sich rarmacht, bleibt interessant. Denn Geltung erlangt nicht derjenige, der ohnehin immer da ist – sondern häufig gerade die Person, die sich nur kurz oder auch einmal gar nicht blicken lässt. Die Wirkungskraft des bewussten Absentierens ist ein Klassiker der geheimen Verhaltenscodes des Sozialen. Im Übrigen gilt dies nicht nur für Partys, sondern auch fürs Büro.

Dort ist der Kommunikationsstil der erste Ausdruck von Führung und Macht. »Kontrolle heißt Kommunikation«, schreibt der Soziologe Dirk Baecker in seinen Abhandlungen zum postheroischen Management. Ging es früher um das Privileg des hierarchisch Höhergestellten, ein Telefongespräch jederzeit ohne die genaue Nennung von Gründen beenden zu können, darf der Chef heute ohne Legitimation auch einmal offline sein. Der neue Luxus der Unerreichbarkeit ist, beruflich wie privat, mitunter Geltung pur. Unser Sprichwort wusste dies, mal wieder, vor allen anderen: Das Adjektiv »selten« bedeutete in früheren Jahrhunderten auch »wunderbar, kostbar«. Ob das diejenigen, die auf Facebook ihre permanente Anwesenheit ausflaggen, wissen? Nina Pauer