ZEITmagazin: Herr Professor Mieder, wir erreichen Sie gerade telefonisch in Vermont in Neuengland, bei Ihnen ist es jetzt sechs Uhr in der Früh. Erlauben Sie uns folgende naheliegende Frage: Hat Morgenstund tatsächlich Gold im Mund?

Wolfgang Mieder: Gute Frage, aber leider lautet das Sprichwort im Original »Morgenstund hat Brot im Mund«, und in dieser Form tauchte es erstmals im 16. Jahrhundert auf. Im Laufe der Jahrzehnte hat es sich dann verändert, lange war es das populärste Sprichwort in Deutschland, also wird da mit Sicherheit etwas dran sein. Es wurde übrigens von seinem Spitzenplatz verdrängt von einem Sprichwort, das eine ähnliche Aussage hat: »Der frühe Vogel fängt den Wurm.« Das ist allerdings kein deutsches Sprichwort.

ZEITmagazin: Wir haben es importiert?

Mieder: Genau. Ursprünglich hieß es »The early bird catches the worm« , zum ersten Mal tauchte es 1670 auf in dem Buch A Collection of English Proverbs . In Deutschland gibt es dieses Sprichwort erst seit 1987 – und es ist hier mittlerweile tatsächlich populär geworden.

ZEITmagazin: Was muss ein Sprichwort eigentlich leisten, um populär zu werden?

Mieder: Interessanterweise haben wir in der Sprichwortforschung festgestellt, dass populäre Sprichwörter selten mehr als sieben Wörter umfassen – Werbeslogans funktionieren übrigens ähnlich. Man kann sich keinen Slogan ausdenken, wenn man nicht eine gute Sprichwörtersammlung auf dem Schreibtisch hat.

ZEITmagazin: Warum ist das so?

Mieder: Sprichwörter folgen häufig Strukturformeln, die in den meisten Sprachen auftauchen, als Beispiel: Wo kein X, da kein Y. Das sind Formeln, die wir unbewusst in uns tragen und mit denen schon immer Weisheiten weitergegeben wurden.

ZEITmagazin: Sind denn Sprichwörter tatsächlich immer auch Weisheiten? Steckt in jedem Sprichwort ein wahrer Kern?

Mieder: Na ja, das Wichtigste scheint mir zu sein, dass Sprichwörter keine Universalwahrheiten sind. Sie ergeben oft keinen Sinn und haben nichts mit Philosophie zu tun. Sprichwörter sind Teilwahrheiten, man kann sich daher immer eine Situation vorstellen, in der ein Sprichwort nicht zu stimmen scheint. Aber es gibt eben immer wieder auch Situationen, in denen ein bestimmtes Sprichwort sehr gut passt. Wir suchen es ja selber oft so aus, dass es in der jeweiligen Situation einen Sinnzusammenhang herstellen kann.

ZEITmagazin: Gibt es eigentlich gute Zeiten für Sprichwörter – und weniger gute?

Mieder: Ja, man kann wirklich sagen, dass das 16.Jahrhundert in Europa die Hochzeit der Sprichwörter war. Denken Sie an die Bilder des Niederländers Pieter Brueghel, denken Sie an die Romane Cervantes’ in Spanien – alles voll mit Sprichwörtern. Zur selben Zeit erschienen die ersten dicken Sprichwörterbände. Und dann ist da natürlich Shakespeare! Der größte Künstler des Sprichworts überhaupt.

ZEITmagazin: Und welche Zeit war schlecht für Sprichwörter?

Mieder: Über die Zeit der Aufklärung wird behauptet, dass das Sprichwort nicht mehr erwünscht war. Das ist allerdings Unsinn. Nehmen Sie Goethe! Nehmen Sie Schiller! Aus sehr vielen Zitaten dieser beiden sind Sprichwörter geworden. Es gab natürlich Schriftsteller, die bewusst weniger Sprichwörter benutzt haben – Joseph von Eichendorff zum Beispiel.