George W. Bush (rechts) mit einem Truthahn namens Liberty im November 2001 © Mark Wilson/Getty Images

ZEITmagazin: Herr Professor Mieder, wir erreichen Sie gerade telefonisch in Vermont in Neuengland, bei Ihnen ist es jetzt sechs Uhr in der Früh. Erlauben Sie uns folgende naheliegende Frage: Hat Morgenstund tatsächlich Gold im Mund?

Wolfgang Mieder: Gute Frage, aber leider lautet das Sprichwort im Original »Morgenstund hat Brot im Mund«, und in dieser Form tauchte es erstmals im 16. Jahrhundert auf. Im Laufe der Jahrzehnte hat es sich dann verändert, lange war es das populärste Sprichwort in Deutschland, also wird da mit Sicherheit etwas dran sein. Es wurde übrigens von seinem Spitzenplatz verdrängt von einem Sprichwort, das eine ähnliche Aussage hat: »Der frühe Vogel fängt den Wurm.« Das ist allerdings kein deutsches Sprichwort.

ZEITmagazin: Wir haben es importiert?

Mieder: Genau. Ursprünglich hieß es »The early bird catches the worm« , zum ersten Mal tauchte es 1670 auf in dem Buch A Collection of English Proverbs . In Deutschland gibt es dieses Sprichwort erst seit 1987 – und es ist hier mittlerweile tatsächlich populär geworden.

ZEITmagazin: Was muss ein Sprichwort eigentlich leisten, um populär zu werden?

Mieder: Interessanterweise haben wir in der Sprichwortforschung festgestellt, dass populäre Sprichwörter selten mehr als sieben Wörter umfassen – Werbeslogans funktionieren übrigens ähnlich. Man kann sich keinen Slogan ausdenken, wenn man nicht eine gute Sprichwörtersammlung auf dem Schreibtisch hat.

ZEITmagazin: Warum ist das so?

Mieder: Sprichwörter folgen häufig Strukturformeln, die in den meisten Sprachen auftauchen, als Beispiel: Wo kein X, da kein Y. Das sind Formeln, die wir unbewusst in uns tragen und mit denen schon immer Weisheiten weitergegeben wurden.

ZEITmagazin: Sind denn Sprichwörter tatsächlich immer auch Weisheiten? Steckt in jedem Sprichwort ein wahrer Kern?

Mieder: Na ja, das Wichtigste scheint mir zu sein, dass Sprichwörter keine Universalwahrheiten sind. Sie ergeben oft keinen Sinn und haben nichts mit Philosophie zu tun. Sprichwörter sind Teilwahrheiten, man kann sich daher immer eine Situation vorstellen, in der ein Sprichwort nicht zu stimmen scheint. Aber es gibt eben immer wieder auch Situationen, in denen ein bestimmtes Sprichwort sehr gut passt. Wir suchen es ja selber oft so aus, dass es in der jeweiligen Situation einen Sinnzusammenhang herstellen kann.

ZEITmagazin: Gibt es eigentlich gute Zeiten für Sprichwörter – und weniger gute?

Mieder: Ja, man kann wirklich sagen, dass das 16.Jahrhundert in Europa die Hochzeit der Sprichwörter war. Denken Sie an die Bilder des Niederländers Pieter Brueghel, denken Sie an die Romane Cervantes’ in Spanien – alles voll mit Sprichwörtern. Zur selben Zeit erschienen die ersten dicken Sprichwörterbände. Und dann ist da natürlich Shakespeare! Der größte Künstler des Sprichworts überhaupt.

ZEITmagazin: Und welche Zeit war schlecht für Sprichwörter?

Mieder: Über die Zeit der Aufklärung wird behauptet, dass das Sprichwort nicht mehr erwünscht war. Das ist allerdings Unsinn. Nehmen Sie Goethe! Nehmen Sie Schiller! Aus sehr vielen Zitaten dieser beiden sind Sprichwörter geworden. Es gab natürlich Schriftsteller, die bewusst weniger Sprichwörter benutzt haben – Joseph von Eichendorff zum Beispiel.

"Schriftsteller des sozialistischen Realismus waren sprichwortreich"

ZEITmagazin: Und heute? Leben wir in guten Sprichwortzeiten?

Mieder: Na ja – schauen Sie sich die Werbung an. Oder hören Sie Politikern zu, die immer auf der Suche nach einer sprichwortartigen Formulierung sind. Denken Sie an Barack Obama und sein »Yes we can« . In diesem Zusammenhang fällt mir sofort der ehemalige ZEIT -Chefredakteur Theo Sommer ein.

ZEITmagazin: Wir sind gespannt...

Mieder: Als Andropow in der Sowjetunion an die Macht kam, wurde der damalige US-Präsident Ronald Reagan gefragt, ob er mit dem neuen Machthaber im Kreml auskommen werde. Und Reagan sagte, ganz spontan: »Well, you know: It takes two to tango.« Jetzt muss man wissen, dass es dieses Sprichwort im Englischen seit 1952 gibt, damals hieß ein Hit von Pearl Bailey so. Ich habe meine Studenten und meine Kollegen gebeten, diesen Satz ins Deutsche zu übersetzen, dann kam immer heraus: »Man braucht zwei zum Tangotanzen.« Was aber machte Theo Sommer? Eine Woche nach diesem Reagan-Satz schrieb er in der ZEIT: »Zum Tango gehören zwei.« Das hat Rhythmus, das klingt gut, es fließt.

ZEITmagazin: Herr Mieder, was alles können Sprichwörter – außer dass sie gut klingen?

Mieder: Sie können helfen, selbst da, wo man es nicht erwartet. Ich habe immer gerne ostdeutsche Schriftsteller gelesen, Erwin Strittmatter, Anna Seghers. Die Schriftsteller des sozialistischen Realismus waren sprichwortreich, und sie fanden Formulierungen, die es im Westen so nicht gab. Weil die Autoren Missstände nicht offen anprangern konnten, mussten sie erfinderisch werden, oft arbeiteten sie mit Sprichwörtern. So kam es auch, dass es in Ostdeutschland noch Jahre nach dem Mauerfall Sprichwörter gab, die man in Westdeutschland kaum kannte. Umgekehrt war das auch so.

ZEITmagazin: Hat jede Nation eigene Sprichwörter, die zur Mentalität des Volkes passen?

Mieder: Dagegen spricht, dass es für zahlreiche heute noch gängige Sprichwörter drei große Herkunftssäulen gibt, die Antike, die Bibel und das lateinische Mittelalter. Sprichwörter tauchen in den meisten europäischen Sprachen in gleicher Übersetzung auf. Aus der Antike etwa »Große Fische fressen kleine Fische«, »Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer« und »Die Liebe ist blind«. Aus der Bibel stammen »Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein« , »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein« und »Hochmut kommt vor dem Fall« . Aus dem Mittelalter stammen »Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist«, »Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht« und »Es ist nicht alles Gold, was glänzt«. Selbst das bekannte Sprichwort »Alle Wege führen nach Rom« hat nichts mit dem alten Rom zu tun, sondern als mittelalterliches Sprichwort bezog es sich auf Rom als Mittelpunkt der Kirche. Nimmt man das antike Sprichwort »Tempus fugit« , das als »Die Zeit fliegt« im Deutschen bekannt ist, als »Time flies« im Englischen: Was sollte es wohl über Menschen aussagen, die Deutsch oder Englisch als Muttersprache sprechen?

ZEITmagazin: Verraten denn Sprichwörter nichts über die Menschen, die sie gebrauchen?

Mieder: Dazu hat man sogenannte Frequenzstudien gemacht, also untersucht, welches die populärsten Sprichwörter eines Landes sind: 1970 wurde zum Beispiel erstmals erforscht, welche Sprichwörter Menschen, die in Moskau leben, eigentlich kennen. Daraus ergibt sich dann ein sogenanntes sprichwörtliches Minimum, das inzwischen auch für andere Länder ermittelt wurde.

ZEITmagazin: Sind da Unterschiede von Land zu Land zu erkennen?

Mieder: Man könnte aus dieser Forschung ableiten, dass es in den USA viele Sprichwörter gibt, die mit Zeit und Geld zu tun haben, und zu dem Schluss kommen, die Amerikaner seien sehr materialistisch eingestellt. Ich bin da vorsichtig. Wenn man sich anschaut, welche Sprichwörter zum deutschen Minimum gehören, dann sind das: »Morgenstund hat Gold im Mund« , »Der frühe Vogel fängt den Wurm« und »Lügen haben kurze Beine«. Aber was bedeutet das? Lügen die Deutschen besonders viel? Oder passen sie gut auf, dass man sie beim Lügen nicht erwischt? Stehen die Deutschen früh auf? Ich glaube, dass man berücksichtigen muss, in welchem Kontext ein Sprichwort benutzt wird. Als Fragestellung? Ironisch? Als Ratschlag? Man muss immer drei Dinge analysieren: Funktion, Zusammenhang, Bedeutung.

ZEITmagazin: Haben Sie eigentlich ein persönliches Lieblingssprichwort?

Mieder: Oh, diese Frage! Im Deutschen habe ich Schwierigkeiten, eines zu nennen. Im Englischen fällt es mir leichter, vielleicht, weil ich seit über 40 Jahren in den USA lebe. Es gibt hier ein Sprichwort, das sehr schwer ins Deutsche zu übersetzen ist. Ich habe es mal versucht, aber es gelingt mir nicht.

"Churchill war sehr sprichwörtlich"

ZEITmagazin: Fragen Sie doch Theo Sommer.

Mieder: Ja, das sollte ich vielleicht mal machen.

ZEITmagazin: Wie lautet denn nun Ihr Favorit?

Mieder: Er kommt aus der afroamerikanischen Kultur: »Different strokes for different folks« . Ganz »untheosommerisch« könnte man es also übersetzen mit »Verschiedene Möglichkeiten für verschiedene Leute«. Das würde natürlich nie ein deutsches Sprichwort werden. Was mir an diesem Sprichwort gefällt, ist, dass es einem nicht vorschreibt, was man tun oder lassen sollte. Es ist ein befreiendes Sprichwort, es sagt, dass man jeden so nehmen soll, wie er ist.

ZEITmagazin: Im Deutschen könnte man es so formulieren: »Jeder Jeck ist anders« oder »Jedem Tierchen sein Pläsierchen« oder auch »Jeder nach seiner Fasson«.

Mieder: Ja, gut, das wären Möglichkeiten! Ich habe aber noch ein anderes Lieblingssprichwort im Amerikanischen, es lautet »Making a way out of no way« und wurde vor allem von Martin Luther King in seinem Kampf für die Bürgerrechte eingesetzt. Mir gefällt es deshalb so gut, weil es zeigt, dass es Sprichwörter gibt, die weiterführen.

ZEITmagazin: Wann und wie begann denn Ihre Liebe zum Sprichwort?

Mieder: Ich verbrachte meine Kindheit in Lübeck, es waren die fünfziger Jahre, und ich kaufte mir beim Krämer einen Margarinebildband, die waren damals sehr populär. Der Bildband hieß Wer lacht mit? Lustiges Sprichwörterbuch. So begann es wohl.

ZEITmagazin: Und mittlerweile kennen Sie alle Sprichwörter, die es gibt?

Mieder: Ach, im Leben nicht! Während meiner Recherchen für mein Buch über moderne angloamerikanische Sprichwörter habe ich mich mit meinem 20-jährigen Neffen, einem leidenschaftlichen Snowboarder, unterhalten. Von dem habe ich mir erzählen lassen, wie sich denn junge Snowboarder miteinander unterhalten, welche Sprichwörter sie benutzen, und er sagte: »Go big or go home.« Das war mir absolut unbekannt, einen Tag später verabschiedete ich meine Studenten mit diesem Satz, der ja so viel heißt wie »Ganz oder gar nicht«, und stellte fest: Den kannten sie alle. Und ihr dummer Professor hatte den noch nie gehört.

ZEITmagazin: Ab wann wird denn eine Redewendung, die vielleicht nur eine gewisse Szene benutzt, zu einem Sprichwort?

Mieder: Wenn man eine ganz primitive Definition nimmt, dann lautet sie: Ein Sprichwort ist eine kurze Aussage, die eine angebliche Wahrheit beinhaltet und die in gewissen Kreisen der Bevölkerung gängig ist. Ein Sprichwort ist erst dann ein Sprichwort, wenn es eine gewisse Frequenz des Auftretens hat. Das bedeutet allerdings auch, dass Sprichwörter sterben können, dass neue hinzukommen und dass manche unsterblich sind wie etwa »Eine Hand wäscht die andere«.

ZEITmagazin: Wie werden sich Sprichwörter in Zukunft weiterentwickeln?

Mieder: Ich glaube daran, dass es Sprichwörter immer geben wird. Wir brauchen vorgegebene Sprachformeln wie etwa »Guten Morgen« und »Auf Wiedersehen«, und das wird sich nie ändern. Politiker wissen das ganz genau. Wenn Frau Merkel eine Rede hält, ist sie gut beraten, das eine oder andere Sprichwort mit einzubauen. Das war bei Politikern schon immer so, bei Abraham Lincoln, bei Bismarck. Übrigens auch bei Hitler, der ein großer Sprichwortbenutzer war. Churchill war sehr sprichwörtlich – und der Mann hat immerhin den Literaturnobelpreis bekommen.

"Bertolt Brecht hat immer wieder Sprichwörter manipuliert"

ZEITmagazin: Und Barack Obama?

Mieder: Er ist das beste Beispiel, in diversen Varianten benutzt er etwa gern: »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.« Zurzeit allerdings nicht mehr so oft, ich glaube, er hat seinen Redenschreiber ausgetauscht. Dieses Sprichwort, aus dem Kant den kategorischen Imperativ gemacht hat, ist übrigens in allen Weltreligionen bekannt.

ZEITmagazin: Kann man bei Sprichwörtern eigentlich immer den Urheber ermitteln?

Mieder: Bei den meisten Sprichwörtern wissen wir nicht, woher sie stammen. Wir wissen nur: Sie stammen immer von einem Individuum – dass Sprichwörter aus der Volksseele stammen, ist natürlich Unsinn. Einige Sprichwörter werden berühmten Leuten angehängt. Ein Beispiel: Von wem stammt »Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang«?

ZEITmagazin: Martin Luther?

Mieder: Ja, das sagen die meisten. Aber es stimmt nicht. Möglicherweise stammt es aus dem Jahr 1775, und zwar von Johann Heinrich Voß. Bei anderen Sprichwörtern klappt die Zuordnung besser, gerade bei den neueren, die man einfacher nachprüfen kann.

ZEITmagazin: »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«...

Mieder: Da denkt natürlich jeder sofort an Gorbatschow, aber so hat er das nie gesagt. So was findet man häufiger, ich denke da an die berühmte Lincoln-Formulierung »Government of the people, by the people, for the people« . Die gab es schon vor ihm – und zwar viel besser, im Original heißt es »That government of ALL the people, by ALL the people, for ALL the people« .

ZEITmagazin: Herr Mieder, wir stellen fest, dass viele Menschen heute gern »I like« sagen, wohl wegen des gleichnamigen Facebook -Buttons. Erleben wir da gerade die Geburt eines neuen Sprichwortes?

Mieder:»I like« kann kein Sprichwort sein, denn hier fehlen das Thema und der Kommentar. »Zeit fliegt« ist hingegen ein Sprichwort, denn das Thema ist »Zeit«, und der Kommentar ist, dass die Zeit »fliegt«. »Geld spricht« geht auch, »Carpe diem« ebenso. Außerdem haben Sprichwörter fast nie das Personalpronomen ich. »I like« könnte höchstens ein Gegenstand der Phrasenforschung werden, aber nicht der Sprichwortforschung.

ZEITmagazin: Was ist der Unterschied zwischen einer Phrase und einem Sprichwort?

Mieder: Alle feststehenden Ausdrücke, die keinen vollen Satz bilden, sind Phrasen. Sprichwörter bilden immer eine Sinneinheit.

ZEITmagazin: Gibt es eigentlich irgendein brauchbares Mittel gegen Sprichwörter? Kann man ihnen irgendwie entkommen?

Mieder: Entkommen? Nein. Aber man kann sie natürlich manipulieren. Bertolt Brecht hat immer wieder Sprichwörter manipuliert, viele Aphoristiker taten das und tun das bis heute, sie entstellen sie sogar. Das zeigt aber nur, dass wir die Sprichwörter alle kennen. Wenn das Original nicht so bekannt wäre, könnte man damit nicht spielen.