»Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus«

Die Sache mit dem Wald ist natürlich ein Ammenmärchen. Jeder Mensch, der den Wald auch nur ein bisschen kennt, weiß ja, dass die freundlichsten Rufe oft ungehört im Dickicht verhallen. Und dass es einem überhaupt nichts nützt, gewisse Waldbewohner mit sanfter Stimme anzusprechen. Bär bleibt Bär, Wolf bleibt Wolf, und manche Menschen, auch wenn man ihnen noch so hasenpfotensanft begegnet, sind nun mal echte Wildschweine.

Da stellt das Sprichwort aus erzieherischen Gründen einen völlig unzutreffenden Kausalzusammenhang zwischen unserem eigenen Verhalten und dem Verhalten anderer her. In Wirklichkeit ist es doch so: Nettigkeit wird nicht unbedingt mit Nettigkeit belohnt. Wer zart in den Wald hineinwispert, kann trotzdem gefressen werden. Wer aber cholerisch rumbrüllt, wird nicht automatisch mit Gebrüll bestraft.

Leider sind auch sogenannte zivilisierte Menschen Hinterwäldler. Wahre Zivilisation hieße, im Wald ein Mensch zu sein. Insofern formuliert das Sprichwort kein Gesetz, sondern ein Ideal. »Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück«, das ist die volkstümliche Variante von Schillers »Edel sei der Mensch, hilfreich und gut«. Dahinter steht der fromme Wunsch, dass die Guten unversehrt aus dem Wald herausfinden und die Bösen für immer verschwinden. Das Christentum hat aus dieser Kindermärchenhoffnung ein Welterlösungsversprechen gemacht. Und die Aufklärung leitete daraus eine ethische Maxime ab. »Handle stets so«, sagt Kant, »dass die Maxime deines Handelns zur allgemeinen Gesetzmäßigkeit erhoben werden kann.«

Das Beste an Kant ist ja, dass er im Gegensatz zu den Sprichwortmachern ohne Drohung auskommt. Er verspricht nicht: Güte allein wird belohnt. Er droht nicht: Wie du mir, so ich dir. Kant gibt uns den freundlichen Rat, als Mensch das Menschliche im Wald zu etablieren. Wir sollen nicht vor den Wölfen kuschen, aber auch nicht mit ihnen heulen, sondern uns einen guten Ton antrainieren. Erst wenn wir alle den draufhaben, kann sich das alte Sprichwort bewahrheiten, und wir erleben im Wald keine bösen Überraschungen mehr. Evelyn Finger

»In der Ruhe liegt die Kraft«

Erhaben wie eine moosbewachsene Buddhastatue thront diese Sentenz im Garten der Sprichwörter. Sogar die Wissenschaft hat sie zum Verstummen gebracht: Zu ihrer Entstehungsgeschichte schweigt die Parömiologie, die Lehre von den Sprichwörtern, sich schlichtweg aus. Still lächelnd und ungestört von jeglicher Hektik, nimmt sich diese Weisheitsformel das Recht, das Geheimnis ihrer eigenen Herkunft für sich zu behalten. Sie kann es sich leisten.

In zeitloser Wahrheit begleitet das Lob der kraftspendenden Ruhe den Gang der Welt nämlich seit seit langer Zeit. Schon für den chinesischen Philosophen Laotse (ungefähr 3. bis 4. Jahrhundert vor Christus) war die Stille »die größte Offenbarung«, der Quell aller Energien. Seither hat keine Epoche die so simple wie bestechende Losung aussortiert. Während die Zeitalter durch die technische Entwicklung immer schneller, nervöser, diffuser und lauter wurden, blieb das Sprichwort stoisch ruhig. Heute, viele Jahrhunderte später, ist seine Sinnhaftigkeit unübertroffen.

»Meine Ruh’ ist hin / Mein Herz ist schwer / Ich finde sie nimmer / Und nimmermehr«, klagt nicht nur Goethes Gretchen am Spinnrad in Faust I, sondern, nicht minder verzweifelt, auch der moderne Mensch vor seinem ununterbrochen piependen Smartphone und seinen sich ständig verlängernden To-do-Listen.

In der rasenden Beschleunigungsgesellschaft sind Zeit, Raum und Muße für regenerierende Ruhe knapper denn je. Dauernde Erschöpfung vieler Menschen ist die Folge. Dabei steht doch, unerschütterlich, im Garten unserer Sprichwörter dieses eine uralte Mantra. Wir müssten uns nur ein bisschen öfter daran erinnern. Nina Pauer