Hätte man damals im Physikunterricht besser aufgepasst, dann wüsste man wahrscheinlich, dass es eine schlichtere Wahrheit nicht gibt, dass das so einleuchtend ist wie die Tatsache, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und weil sich die Erde dreht, ist so ein Schatten mal hier und mal da, aber mit Sicherheit haben die Physiklehrer diese Wahrheiten nicht so vermittelt, sondern abstrakter, schwieriger, deshalb hörte man das Sprichwort »Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten« eher im Zusammenhang mit gefallenen Helden: Kurt Cobain , der sich erschoss, als er der größte Rockstar der Welt war. Amy Winehouse , die sich zu Tode soff, weil sie vielleicht ihr Talent und ihren Ruhm nicht ertragen konnte. Der Schatten also als der Preis, den man zu zahlen hat?

Wo es das Gute gibt, gibt es auch das Schlechte, das sagt das Sprichwort im Prinzip, obwohl man doch gerade im Sommer weiß, wie wohltuend der Schatten sein kann, wie glücklich ein schattiges Plätzchen macht.

Als Urheber des Sprichwortes gilt Goethe , er lässt seinen Götz von Berlichingen sagen: »Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.« (Erster Akt – Jagsthausen. Götzens Burg/Götz) Götz spricht gerade mit seinem Sohn, die beiden haben sich lange nicht gesehen, der Sohn, Karl, will seinem Vater beweisen, was er alles gelernt hat, aber als sein Vater ihn fragt, ob er den Herrn von Berlichingen kennt, da weiß der Sohn keine Antwort, und als der Vater den Sohn fragt, warum er seinen Apfel gebraten essen will und nicht roh, sagt dieser, dass es ihm so besser schmecke. Als dann Adelbert von Weislingen, den Götz gefangen hält, um ihn zu manipulieren, eintritt und sagt: »Glückliches Kind! das kein Übel kennt, als wenn die Suppe lang ausbleibt. Gott laß’ euch viel Freud am Knaben erleben, Berlichingen«, antwortet Götz: »Wo viel Licht ist, ist starker Schatten – doch war mir’s willkommen.«

Goethe selbst hat in seiner Farbenlehre über Schatten geschrieben: »Ein Schatten, von der Sonne auf eine weiße Fläche geworfen, gibt uns keine Empfindung von Farbe, solange die Sonne in ihrer völligen Kraft wirkt. Er scheint schwarz oder, wenn ein Gegenlicht hinzu dringen kann, schwächer, halberhellt, grau. Zu den farbigen Schatten gehören zwei Bedingungen, erstlich, daß das wirksame Licht auf irgend eine Art die weiße Fläche färbe, zweitens, daß ein Gegenlicht den geworfenen Schatten auf einen gewissen Grad erleuchte.«

Tatsächlich aber ist es ja so: Einen Schatten gibt es nur, wenn die Lichtquelle so stark ist, dass außerhalb des Schattens noch eine Lichtreflexion wahrgenommen werden kann. Sterne leuchten zum Beispiel so schwach, dass sie keinen sichtbaren Schatten erzeugen.

Und deshalb stimmt das Sprichwort auf allen Ebenen, und es stimmt auch diese Bibelstelle bei Hiob: »Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.« Was sagte Goethe angeblich, als er starb? »Mehr Licht!« Der Mann wusste Bescheid.

Oder aber: Der Dichter wurde falsch verstanden. In der Populärwissenschaft über letzte Worte heißt es, dass Goethe, der mit hessischem Dialekt sprach, darum gebeten habe, die Fenster zu öffnen – nicht, weil es so duster war, sonden weil er gesagt haben soll: »Mir ist schlecht.« Das allerdings wäre als letztes Wort von Goethe ein wenig abgeschmackt, die Forderung nach »mehr Licht« klingt schon wesentlich besser.