Die Psychologin Nancy Kalish ist eine Expertin für Jugendlieben, vor allem aber für das, was im Alter aus ihnen wird. Für ihre Langzeitstudien hat sie in den letzten 16 Jahren Tausende von Paaren befragt. Sie hat ein Buch darüber geschrieben und behandelt schwere Fälle von unglücklich wieder aufflammenden Jugendlieben.

ZEITmagazin: Alte Liebe rostet nicht – was sagt die Statistik dazu?

Nancy Kalish: Ich habe für ein Buch zu dem Thema eine Studie gemacht und 3.000 Personen untersucht, die nach Jahren oder Jahrzehnten wieder mit ihrer Jugendliebe zusammengekommen waren. Als sie den Fragebogen ausfüllten, waren 72 Prozent der Leute noch zusammen.

ZEITmagazin: Woher kommt diese Erfolgsrate?

Kalish: Es hat etwas mit einer gemeinsamen Vergangenheit zu tun, mit Vertrautheit, mit etwas, das vor Jahren funktionierte, aber unterbrochen wurde – durch einen Umzug, elterliche Einwände, die Einberufung in die Armee. Aber es gibt auch eine Gruppe, die den Kontakt sucht und es besser sein lassen sollte. Das sind Leute, die wie in einem Krimi nach einem fehlenden Puzzleteil suchen. Wie der Mann, den eine Frau nicht losließ, die einfach eines Tages nicht zurückrief. Dem ging es mehr um das offene Ende als um die Frau. Aber auch die erste Gruppe wird von einer offenen Frage umgetrieben: Was wäre gewesen, wenn?

ZEITmagazin: Das heißt: Wenn es an den äußeren Umständen lag – ruhig mal eine Mail oder eine Freundschaftsanfrage auf Facebook schicken?

Kalish: Das sind oft intensive Wiederbegegnungen, in die man sich nicht leichtfertig begeben sollte, vor allem nicht, wenn einer der beiden verheiratet ist. In meiner Studie von 2005 hatten 62 Prozent der Leute, die ihre Jugendliebe wiedertrafen, dann auch eine Affäre, aber nur fünf Prozent von ihnen kamen tatsächlich wieder zusammen, wenn einer von beiden verheiratet war. Durchs Internet ist alles viel zu einfach geworden, im Gegensatz zu früher, wo es Gatekeeper gab, wie etwa den alten Vater, den man nach der Adresse seiner Tochter fragen musste. Und wenn man diesen Schritt machte, dann war es gut, wenn man nicht verheiratet war. Heute ist man da viel gedankenloser. Die Leute denken: Warum nicht Kontakt zu jemandem aufnehmen, den man geliebt hat, gerade wenn man glücklich verheiratet ist. Man schreibt einfach eine Mail, und ehe man sich versieht, kommen die ganzen Gefühle zurück. Im Allgemeinen kontaktieren mich Leute, wenn sie sich bereits in einer solchen Geschichte verstrickt haben. Aber wenn sie mich vorher anrufen, dann sage ich ihnen: Wenn Sie mit jemand anderem zusammen sind und Ihre Beziehung Ihnen etwas bedeutet, nehmen Sie keinen Kontakt zu Ihrer alten Liebe auf.

ZEITmagazin: Manche Leute denken beim Thema erste Liebe auch an verunglückte Küsse und verunglückte Dauerwellen.

Tatsächlich? 56 Prozent der Studienteilnehmer in meiner Kontrollgruppe wollten ihre erste Liebe auf gar keinen Fall wiedersehen, weil sie verheiratet waren oder weil sie schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Körperliche Gewalt, sexuelle Gewalt, Drogen, Untreue, ungewollte Schwangerschaften – das sind ernsthafte Gründe, ernsthafter als ein schlechter Haarschnitt.