Sprichwörter im Praxistest"Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen"

Die Selbstverständlichkeit des Spruchs wurde auf dem Weg in die Gegenwart ramponiert: Seit alle mit allen vernetzt sind, sind heute und morgen nur noch relative Begriffe.

Wer auch immer sich diese gereimte Ermahnung ausgedacht hat: Einen Computer mit Internetzugang besaß er nicht. Dafür aber einen überschaubaren Betrieb, vielleicht ein kleines Gasthaus im Wald oder eine einsam gelegene Mühle inklusive einiger Knechte und Mägde, die er mit diesem Spruch auf Trab hielt. Damals gab es sie noch, die täglichen Routinen, die stur abgearbeitet werden mussten. Und bei Sonnenaufgang ging alles wieder von vorne los. Unter solchen Umständen lag das Sprichwort goldrichtig. Denn die Gegenposition – in den Worten fauler Leute: »Morgen, morgen, nur nicht heute« – bedeutete ja eine Art Kreditaufnahme: Die heutige Zeitnot wird in die Zukunft geschaufelt und macht dadurch alles immer schlimmer. Da hatte der alte Sprücheklopfer schon recht.

Die Selbstverständlichkeit des Spruchs wurde aber auf dem Weg in die Gegenwart schwer ramponiert. Seit alle mit allen vernetzt sind, rund um die Uhr und die Welt, sind »heute« und »morgen« nur noch relative Begriffe. Heute geht es im Workflow vieler Berufe eher um die Unterscheidung zwischen »jetzt erledigen«, »nachher erledigen« und »Papierkorb«. Und im Unterschied zum Alltag des Mühlenbetreibers gibt es heute fast unendlich viele Dinge, die man täglich besorgen sollte. Die Aufforderung, sie alle heute noch zu erledigen – Steuererklärung einreichen, den Keller ausmisten, Hungernden in Afrika helfen, den Handytarif optimieren –, klingt wie eine Anleitung zum schnellstmöglichen Burn-out.

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Man muss also jeden Tag eine möglichst kluge Auswahl treffen. Die Frage, wann was am besten zu erledigen sei, ergründen Produktivitätsexperten seit Jahrzehnten.

David Allen, ein ehemaliger Karatemeister, wird von Computerarbeitern verehrt für sein Effizienzkonzept »Getting Things Done«, kurz GTD. Es basiert auf einfachen Prinzipien wie »keep it simple«, die so ausgiebig interpretierbar sind, dass Allen mehrere Bestseller darüber verfassen konnte und sich seine Fans täglich auf diversen Websites über Möglichkeiten austauschen, sich noch effizienter zu organisieren. Der Haken: Während sie dort stöbern, diskutieren, posten, verschieben sie reihenweise Dinge auf morgen, die sie heute könnten besorgen.

Prokrastination lautet der Fachbegriff für Aufschieberei. Er klingt wie eine schlimme Krankheit. Doch die Autoren Kathrin Passig und Sascha Lobo riefen im Jahr 2008 die Prokrastination als Grundlage einer gelungenen Lebensführung aus, in ihrem Buch Die Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin. Ihre Empfehlung: Erledige bloß nicht heute, was du morgen kannst besorgen (es sei denn, du hast gerade wahnsinnig viel Lust darauf). Die meisten Menschen schlagen sich irgendwo zwischen den Regeln des Karatemeisters und den Weisheiten der beiden Bohemiens durch. So oder so: Die Zeit reicht nie. Und kein Mensch besorgt alles heute.

Am alten Reim muss man aber vielleicht auch nur ein Wörtchen ändern, um zu einem Leitsatz zu gelangen, der zwar selbstverständlich klingt, unter heutigen Umständen allerdings schon schwer genug zu befolgen ist: Was du heute musst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.

 
Leserkommentare
  1. ... die unvergessene, große Dr. Erika Fuchs Donald Duck in den berufenen Mund ... – pardon: Schnabel gelegt: "Warum heute besorgen, was morgen ein anderer für dich erledigen kann?"

    • Dsotto
    • 12.02.2012 um 0:32 Uhr
    2. Morgen

    Morgen habe ich mehr Gedanken darueber gemacht und binn nicht so viel von den heutigen Emotionen beeinflusst.

  2. Ein Spruch, der in eine ähnliche Richtung zielt. Je früher ich anfange, desto mehr Zeit habe ich für die Abarbeitung von Routinen, umso mehr kann ich schaffen.
    Die Sicht ist leider sehr einseitig und nimmt keine Rücksicht auf den Wurm. Man könnte ja auch sagen: "Der frühe Wurm stirbt zuerst". Also, Du Wurm, leg Dich wieder hin, dreh Dich noch mal um - das kann (Dein) Leben retten...

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    • Hagmar
    • 12.02.2012 um 9:51 Uhr

    ... steck ihn alsolieber unters Gefieder und schlaf noch eine Runde...

    • Hagmar
    • 12.02.2012 um 9:51 Uhr

    ... steck ihn alsolieber unters Gefieder und schlaf noch eine Runde...

    • Hagmar
    • 12.02.2012 um 9:51 Uhr

    ... steck ihn alsolieber unters Gefieder und schlaf noch eine Runde...

  3. das verschiebe nicht auf morgen...

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