Georgien Bei Uschba, dem Schrecklichen
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Swanetien schüttet Naturschönheiten mit dem Füllhorn aus

Ratianis Heimatort, die Kleinstadt Mestia, ist das Verwaltungszentrum von Oberswanetien und zugleich erster Anlaufpunkt und Basislager für alle, die sich zu Fuß, zu Pferd oder mit Skiern auf den Weg machen wollen. Wer früher nach Mestia fuhr, bog von der Schnellstraße, die die georgische Hauptstadt Tbilissi mit dem Schwarzen Meer verbindet, rechts ab und quälte sich dann mindestens einen halben Tag lang Serpentinen hinauf, holperte mit dem Jeep über Geröll und versank häufig bis zu den Radachsen im Schlamm.

Die Swanen reiten ohne Sattel, in der Hand eine Flasche Grappa

Seit ein paar Jahren investiert Georgiens Regierung verstärkt in den Ausbau des Tourismus. Es hat ein bisschen gedauert, aber zu guter Letzt erinnerte sie sich auch an Oberswanetien. Seit Kurzem ist die Zufahrtsstraße nach Mestia durchgehend asphaltiert, zu Beginn des Jahres wurde außerdem der Flughafen Mestia eröffnet. Zugeschneite Straßen sind jetzt kein Problem mehr, Touristen können das ganze Jahr über kommen.

Wenn Nino Ratiani die Straße in Mestia entlanghastet – die Gehwege sind gerade aufgerissen – passiert sie mehr Gerüste als Fassaden. Es gibt ein modernes Polizeirevier mit voll verglaster Front. Im Boden eingelassene Scheinwerfer tauchen die Wehrtürme nachts in warmes Licht. Dank neuer Masten wird der Strom im kommenden Winter nicht mehr so schnell ausfallen. Ratianis raue, schleppende Stimme dringt nur schwer durch den allgegenwärtigen Baulärm. Ihre Worte könnten auch in einem georgischen Regierungsprogramm zur Unterstützung des Tourismus stehen. Sie spricht von »Entwicklung« und »Infrastruktur« und nebenbei ein bisschen von der Tradition. Gastfreundschaft, sagt Nino Ratiani, sei eine der ältesten swanetischen Tugenden. Das müssten nur auch die Bauern einsehen, die lieber ein neues Rind als ein neues Dach für die Ruine ihres Wehrturmes hätten.

Wer sehen wolle, wie ursprünglich die Swanen noch leben, brauche nur aus Mestia rausspazieren, sagt sie, und macht eine unbestimmte Handbewegung in alle Himmelsrichtungen. Über den nächsten Berg, ins nächste Tal – eine Straße dorthin werde im kommenden Jahr geteert. »Und dann kommen die nächsten Dörfer dran.« Ratiani hat vor Kurzem einen neuen Kredit aufgenommen. Im nächsten Jahr will sie in ihrem Garten ein neues Gästehaus bauen. Sie braucht eine große Küche und zusätzliche Bäder.

Nino Ratiani hat Recht. Touristen können bei der Routenwahl von Mestia aus keinen Fehler machen. Swanetien schüttet Naturschönheiten mit dem Füllhorn aus. Der Berg Uschba, der »Schreckliche«, 4.700 Meter hoch, sitzt den Wanderern wie ein streng blickender Zuschauer im Nacken. Lange bevor man die Gebirgsflüsse an seinem Fuße sieht, hört man ihr Reißen und Gurgeln. Im Spätsommer färben sich die Berghänge rot und gelb. Oft steht bis in die Nachmittagsstunden ein bleicher Mond am Himmel. 

Swanetien: Information

Georgiens Tourismusbüro steht im Netz unter www.georgia.travel

Wanderreisen

Der Dresdner Veranstalter Schulz Aktiv Reisen (www.schulz-aktiv-reisen.de) bietet Wanderreisen nach Swanetien an.

Unterkunft

Nino Ratianis Guesthouse in Mestia hat die Webadresse www.svanetighouse.com

Am Ufer eines Flusses trifft eine Gruppe Touristen zwei Swanen hoch zu Pferde. An den Gästen scheint bis hin zum wasserabweisenden Stirnband alles aus einem Fachgeschäft für Wanderbedarf zu stammen. Die Swanen reiten ohne Sattel, halten in einer Hand die Zügel und in der anderen eine Plastikflasche mit selbst gebranntem Grappa, dem Tschatscha. Kurzentschlossen hieven sie die Fremden auf ihre Pferde und waten mit ihnen durchs gletscherkalte Wasser. Als die Gäste am anderen Ufer von den Pferden fallen und sich die Fellhaare von den Hosen klauben, lachen sie vor Glück laut auf. Im Gesicht der Reiter bewegt sich kein Muskel, ihre Antwort ist ein Achselzucken.

Bei den Awalianis bullert der Holzofen, es duftet nach Kerzenwachs

Zuletzt weisen sie den Besuchern den Weg zur nächsten Siedlung. In Iprali, einem weiteren Dorf aus altem Stein, wohnen die Schwestern Naili und Dschameki Awaliani. Nach der Schule sind die beiden auf der Suche nach Arbeit und Lohn ein paar Jahre durch Georgien und durch die restliche Welt getingelt. In diesem Sommer sind sie in ihr Elternhaus zurückgekehrt, weil Swanetien auf einmal gar nicht mehr so trostlos wirkte wie zuvor. Außerdem hatten sie gehört, man könne mit Tourismus nun gutes Geld verdienen. Die Schwestern besitzen die einzige Duschkabine mit fließend heißem Wasser im Dorf. Im nächsten Jahr wollen sie den zerfallenen Wehrturm an der Nordmauer ihres Hauses wieder herrichten lassen. Dann haben auch sie eine ansehnliche Bleibe anzubieten.

Die längste Zeit waren die Swanen angewiesen auf das, was ihnen Wiesen und Berge gaben. Noch heute brauchen sie nur selten einen Supermarkt, Milch und Käse bekommen die Schwestern Awaliani von den Nachbarn, Brot backen sie selbst und beschmieren es mit einer Sauce aus unreifen Pflaumen. So selbstverständlich sich die Swanen der Unwirtlichkeit der Natur im Hochgebirge gebeugt haben, begegnen sie auch den Besuchern.

Am Ende eines langen Tages bullert bei den Awalianis der Holzofen, es duftet nach Kerzenwachs. Gastgeber und Gäste rücken zusammen, weil in der Nacht die Hochgebirgskälte in die Häuser kriecht. Dschameki nimmt die Panduri von einem Haken an der Wand und singt von den Bergen und von einer unerfüllten Liebe, bis sie im schwindenden Tageslicht die Saiten nicht mehr erkennen kann. Naili erzählt mit warmem Singsang in der Stimme von den Seelen der verstorbenen Eltern und Großeltern, die manchmal nach Hause zurückkehrten und bewirtet würden, von Geistern der Vergangenheit und von der goldenen Zukunft Swanetiens. Das alte Kriegervolk schließt Frieden mit der neuen Zeit.

 
Leser-Kommentare
    • Grijsz
    • 25.11.2011 um 20:41 Uhr

    im heutigen Swanetien - toll geschrieben ! Recht herzlichen Dank, Frau Laarz

    • Vepchi
    • 25.11.2011 um 23:13 Uhr

    1977 war ich als "Wessi" auf Exkursion in Swanetien - bis Uschguli. Inturist hatte es nicht geschafft, die Swanen für die Sowjetunion zu "öffnen". Gut für Georgien, dass seine besten Goldtreibikonen hier vor den Feinden der georgischen Kultur sicher versteckt hielt. Wo mögen diese heute sein?
    Die kleinen Kirchen, von denen der Verfasser des Artikels offenbar keine von innen gesehen hat, enthielten Frescos aus byzantinischer Zeit. Was mag aus ihnen geworden sein? In den Akten des Wiener Byzantinisten Kongresses von 1981 habe ich sie "vergraben", die "Paarweise symmetrische Darstellung des heiligen Georg". Möge er das damals paradiesische Uschguli weiterhin vor seinen Bedrängern schützen. Wer noch Genaueres wissen will, greife zu Merzbacher: In den Hochregionen des Kaukasus (2 Bände, ca. 1913). Kein "Reisender", sondern ein verantwortungsvoller großer Alpinist.

  1. This is very interesting article. Thanks to author.
    Yes,civilization now comes to Svaneti. Some said that is a good for Svans, I don’t think so... I living here in Svaneti 3 years and I have seeing what happening here, i hope to save unique culture and way of life.

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