Rechtsradikale demonstrieren in Frankfurt am Main. (Archivbild) © Ralph Orlowski/Getty Images

Alles scheint jetzt möglich. Erfurt schwirrt vor Gerüchten. Nach dem Selbstmord der beiden Rechtsextremisten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt und der Festnahme ihrer Kumpanin Beate Z. reißen die Fragen nicht ab. Wie konnte es geschehen, dass drei Rechtsterroristen jahrelang unentdeckt kreuz und quer durch Deutschland reisten , um Bomben zu legen, Banken zu überfallen und Menschen zu töten? Was trieb diese Täter? Wie viele Taten gehen noch auf ihr Konto? Und warum haben sie nie mit ihren Morden geprahlt?

Nur eines scheint dieser Tage sicher. Allein haben die drei Verdächtigen nicht gehandelt. Das Bild einer vollkommen abgekapselten Killer-Sekte führt offenbar in die Irre. "Es muss eine Struktur bereitgestanden haben", sagt ein hochrangiger Ermittler, der mit dem Fall befasst ist. Nur eine solche Struktur ermögliche es Tätern, "über Jahre ein Leben im Untergrund" zu führen. Einen mutmaßlichen Unterstützer, den 37-jährigen Holger G., hat die Bundesanwaltschaft bereits am Sonntag in der Nähe von Hannover verhaften lassen. Mit weiteren Festnahmen, so heißt es, sei zu rechnen. "Da kann sehr schnell noch mehr Bewegung reinkommen", sagt ein Fahnder.

Die entscheidende Frage lautet nun: Wie weit reichte das Netzwerk der Unterstützer? Wer half der Mörderbande? Nur rechte Sympathisanten, mit Solidaritätsbekundungen, Bewunderung und Geld? Gab es darüber hinaus aktive Unterstützer, die das Leben im Untergrund zu organisieren halfen? Oder treffen die Gerüchte zu, die hartnäckig behaupten, es hätten Verbindungen der Mörderbande zu den Sicherheitsbehörden bestanden? Es wäre ein Skandal ohne Beispiel.

Die bislang abenteuerlichste Theorie dazu steht in einem Brief eines Hauptakteurs der Geschichte an den heutigen thüringischen Innenminister Jörg Geibert. Darin wird behauptet, Sympathisanten in den Reihen der Landespolizei hätten den drei Serienmördern im Frühjahr 1998 geholfen, in den Untergrund abzutauchen: Es habe die "sehr ernste Vermutung von illegalen Unregelmäßigkeiten bei der Polizei" bestanden, heißt es in dem Schreiben, das der ZEIT vorliegt. Der Verfassungsschutz Thüringen sei deswegen vom Erfurter Innenministerium angewiesen worden, über "bestimmte Polizeibeamte" Nachforschungen anzustellen. Polizisten als Fluchthelfer für potenzielle Schwerverbrecher? Ein ungeheuerlicher Verdacht.

Aber was ist im Moment schon undenkbar in Erfurt? Jörg Geibert will nach den Enthüllungen der vergangenen Tage gar nichts mehr ausschließen. "Wer ist davor gefeit?", sagt er der ZEIT auf die Frage, ob er es für möglich hält, dass einige seiner 7000 Beamten braune Extremisten unterstützt hätten. Am Dienstag setzte Geibert eine Kommission zur Aufklärung der Vorgänge rings um die Zelle ein. "Ohne Tabus" soll der ehemalige Richter am Bundesgerichtshof Gerhard Schäfer in den kommenden Monaten ausleuchten, welche Verquickungen es zwischen Landesbehörden und den Neonazis gegeben hat.

Geschrieben hat den Anklage-Brief Helmut Roewer, von 1994 bis 2000 Präsident des Verfassungsschutzes Thüringen. Ausgerechnet Roewer. Er ist der Mann i m Zentrum der Gerüchte , eine eigentümliche Gestalt. Immer wieder fällt sein Name, wenn man heute zu rekonstruieren versucht, wie die Zwickauer Neonazi-Zelle entstehen – und plötzlich aus dem Blickfeld der Sicherheitsbehörden verschwinden konnte. Will er womöglich mit dem Hinweis auf Fehler bei der Polizei von eigenen Fehlern ablenken?

Landes-Innenminister Geibert scheint der Gedanke nicht fremd. Er habe "eine Reihe von Fragen an den Geheimdienst" – und "Zweifel", ob einwandfrei gearbeitet worden sei, sagt er. Es gebe da "so viel Schillerndes über unseren ehemaligen Landesamts-Präsidenten", erklärt Geibert; beim Verfassen seines Briefes müsse nicht unbedingt das "altruistischste Motiv im Vordergrund gestanden haben".