Dalai Lama : Angst vor der Wiedergeburt

Die Ära des Dalai Lama geht zu Ende. Schon jetzt kämpfen seine Anhänger gegen Chinas KP um die Nachfolge.

Grasland. Weite, in hundert Grüntönen. Berge wie Drachenrücken, darüber fließen die Wiesen – von dort kommt er. In den warmen Monaten hüteten sie Yaks und Ziegen, schliefen in einem Zelt. Sommernomaden. Wenn es kalt wurde, zogen sie zurück ins Steinhaus. Winterbauern.

Als er 15 war, ging er ins Kloster, um Mönch zu werden. Jetzt ist er 31. Er liebt Fußball, Schweinsteiger und Ballack, manchmal spielt er heimlich im Wald, er isst gern Fleisch, so gern, dass der Plastikanhänger an seinem Handy eine Speckschwarte darstellt. Er streicht sich über die karmesinrote Mönchskutte und sagt: »Ich bin dicker geworden.«

Betrachtet man den Mönch von einem materialistischen Standpunkt aus, zum Beispiel vom Standpunkt der chinesischen Regierung, könnte man sagen: Er hätte Grund, zufrieden zu sein. Er hat sein Auskommen. Studiert im Kloster tibetische Medizin. Geht seinem Glauben nach. Darf Fleisch essen, wie es, Buddhismus hin oder her, in vielen tibetischen Klöstern der Brauch ist – für vegetarische Ernährung, sagen sie, sei es viel zu kalt. Der Mönch aber ist nicht zufrieden. Er hat Angst. Angst, dass im jahrzehntelangen Kampf der Tibeter um ihre Eigenständigkeit jetzt die entscheidende Runde gegen die chinesische Führung begonnen hat. Und dass sie diese Runde verlieren könnten. Es geht um nicht weniger als die Frage, was nach dem Tod des Dalai Lama aus dessen Volk wird, aus dessen Gebot des gewaltfreien Protestes, aus dem Widerstand der Tibeter überhaupt. Ihr geistiges Oberhaupt, seit Jahrzehnten im Exil, ist jetzt 76 Jahre alt, die Regelung seiner Nachfolge treibt den Konflikt mit Peking zunehmend auf die Spitze. All das vor dem Hintergrund wachsender Spannungen in den tibetischen Gebieten selbst. Aus Protest gegen Festnahmen, Durchsuchungen und andere Repressalien der chinesischen Sicherheitskräfte haben sich in diesem Jahr bereits elf Mönche und Nonnen angezündet, sechs sind dabei gestorben.

Kloster Labrang, Xiahe, Provinz Gansu, Nordwesten Chinas. Der Mönch eilt durch die Gassen des Klosters Labrang, das sich gleich einer Burg an einen Bergrücken schmiegt, scheinbar uneinnehmbar. Er weiß, dass der Schein trügt. Wenn er hinaus auf das Grasland fährt, sieht er die neu gebauten Häuser, die die Regierung dort zum Vorzugspreis anbietet. Sie will die Nomaden ansiedeln, »sie sagen, das Nomadenleben sei schlecht für die Umwelt. Dabei leben wir seit Ewigkeiten hier.« Kehrt er zurück in die Stadt, passiert er die neu gebaute Kaserne, vier Soldaten, erzählt man sich, kämen auf einen tibetischen Einwohner. In der Stadt selbst dehnen sich die Viertel der Han-Chinesen, in denen kaufmännische Betriebsamkeit herrscht, immer weiter aus. In der Stadtmitte hat sich die muslimische Minderheit der Hui niedergelassen. Auf der anderen Seite wohnen die Tibeter. Das Leben hier ist langsamer. Pilger ziehen um das Kloster, Nomaden tuckern auf Motorrädern vorbei, die Haare lang, die Gesichter wettergegerbt, Cowboys des Ostens. Es sind getrennte Welten. Der Mönch ist in beiden daheim. Er hat eine Schule besucht, in der auf Mandarin unterrichtet wurde, er spricht die Sprache sehr gut, was hier nicht die Regel ist. Er hat Han-chinesische Freunde, und doch die Han-Siedler sollen, da ist er sich sicher, sein Volk zur Minderheit machen, auf dass es sich irgendwann auflöse wie ein paar Tropfen Tinte im Meer. Vielen ist das im Lauf der Jahrtausende so ergangen, einst bestand das chinesische Reich aus unzähligen Völkern, übrig blieben die Han und 55 Minderheiten.

Am meisten aber fürchtet der Mönch den jungen Mann, der vor Kurzem sein Kloster besuchte. Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) nennt ihn den Panchen Lama. Sie hatte für ihn einen prächtigen Empfang geplant, doch nicht einmal hundert Menschen tauchten auf. Die meisten Tibeter ignorierten den Besucher, der dem Titel nach ihr zweitwichtigster Würdenträger ist. Auch der Mönch verweigerte seine Aufwartung. Er nennt ihn den »falschen Panchen« oder den »kommunistischen Panchen«. »Wäre der Richtige gekommen, wir wären alle hingestürmt.« Doch keiner weiß, wo der, den sie den Richtigen nennen, steckt. Gedhun Choekyi Nyima, ein sechsjähriger Junge, war nach dem Tod des 10. Panchen Lama als dessen Reinkarnation benannt worden. Vom Dalai Lama persönlich und gegen den Willen der Regierung in Peking. Der Junge verschwand – und wurde von Pekings Gnaden durch ebenjenen inzwischen erwachsenen Mann ersetzt, den nun in Xiahe kaum einer sehen wollte.

Der Panchen Lama ist der größte Trumpf im Machtkampf zwischen den Tibetern und Peking. Ihm kommt eine Schlüsselrolle bei der Suche nach der Reinkarnation des 14. Dalai Lama zu, des wichtigsten religiösen und bis vor Kurzem auch politischen Oberhaupts Tibets. Die Tibeter sagen: »Er ist Vater und Mutter zugleich. Was auch immer er sagt, wir hören auf ihn.«

Zöge die KP-Führung einen eigenen Dalai Lama heran, könnte sie den Widerstand womöglich entscheidend schwächen. Dann könnte sie ins Herz tibetischer Identität vordringen: zur Religion. Der Mönch runzelt die Stirn. »Äußerst gefährlich wäre das. Wir in den Klöstern sind die Bewahrer tibetischer Kultur, wir verwalten die Bücher und Schriften, das Wissen.« Draußen auf dem Grasland verwendeten sie jetzt für viele Begriffe die chinesischen Wörter. Fernseher, Telefon. Im Kloster sei das verboten. »Hier kommt keiner rein, der nicht Tibetisch kann, unter den Tausenden von Mönchen hier gibt es ein paar Mongolen, aber keinen einzigen Han.« Was aber, wenn die KP es schaffte, in diese letzte Bastion einzudringen? Ein Dalai Lama von Pekings Gnaden könnte die Historie seines Volkes umschreiben. Er könnte eine tibetische Geschichte formen, die sich geschmeidig in die Herrschaft der KP fügt. Der Widerstand wäre darin nur eine Episode, nichts, dessen man sich erinnern und schon gar nichts, was man fortführen müsste. Der 14. Dalai Lama, er wäre nur mehr ein paar Zeilen in einem Geschichtsbuch.

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Kommentare

75 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Es wäre schön wenn...

...Artikel über Tibet vs. China generell Informationen über die politischen Hintergründe und die Geschichte des Konflikts enthielten anstatt emotionale Apelle an "Freiheit" und so weiter. Ja ja, wir fürchten China, schon klar.

Dennoch: Die Tibeter wollen unabhängig sein. Warum? Seit wann? Welches zur chinesischen Gesellschaft alternative Modell streben sie an? Mit welcher Legitimation beanschprucht China das Gebiet? Welche völkerrechtliche Grundlage besteht für Tibets Unabhängigkeit? Welche für den Herrschaftsanspruch Chinas?

Eine lange Geschichte

Bis zur Invasion unter Mao ist Tibet über viele Jahrhunderte hinweg ein freies, unabhängiges Land gewesen. Ab dem 8. Jahrhundert liegt die Geschichte Tibets für uns bekannt vor und historisch gesehen ist es niemals Teil Chinas gewesen. Im Gegenteil, China war für kurze Zeit sogar ein Teil Tibets nachdem tibetische Truppen unter dem Großkönig Srongtsen Gampo in Xi´an eingezogen sind.

China betrachtet Tibet als Teil des eigenen Landes und führt dafür verschiedene historische Begründungen an. So wird zum Beispiel das spätere Knien verschiedener Würdenträger Tibets vor den chinesischen Kaisern bei Empfängen als Unterwerfungsgeste gesehen, wobei es nichts anderes war, als tibetische Höflichkeit.

Ich selbst g

und die Menschenrechte...?

selbst wenn es historisch keine ganz klare Faktenlage gibt die besagt wer jetzt wirklich den "echten und wahren" Anspruch auf Tibet erheben darf oder ob die Tibeter einen Anspruch auf Unabhängigkeit haben oder nicht, so müssen trotz allem die Menschen- und Völkerrechte gewahrt werden. Und diese werden - und da gibt es wahrlich keine Ausreden - von den Chinesen immer wieder aufs Schärfste verletzt. Daher müssen die Chinesen endlich wieder den Dialog mit der tibetischen Exilregierung aufnehmen. Ansonsten droht der Konflikt weiter zu eskalieren. Das gehört mit zur Verantwortung einer, nach uneingeschränkter Anerkennung strebenden Nation, in der Weltgemeinschaft.

nichts wenn man zuhört, ...

deshalb sagt der "ozeangleiche Lehrer" auch, dass er in der freien Welt wiedergeboren wird - damit schließt Er China nicht aus???

und es sind seine Worte, welche die Geschichtsbücher überdauern werden, welche Leben in Zeilen festhalten wollen: allerdings bedurfte es auch des näheren Dalai Lama, um unzeitgemäße(?und der Diskussion nahe, meine ich) Strafen (auch aus dem 13.Jhd eines Dschingis Khans ...) seinen Nachfolgenden in sich ändernden Situationen zu berichtigen. Das Bild eines Mandalas in Bewegung durch die Mönche könnte man als Geschenk der Tibeter begreifen, wenn man wollte.

Ohne mit Ihm in Streit geraten zu wollen, hätte vielleicht auch Konfuzius Lian Xiangmin auf die Worte in der Eingangshalle des tibetischen Forschungszentrums in Peking hinweisen können - hinweisend auf die Lebenserfahrung von Menschen reich an Lebensjahren und Weltsichten - so long

Das Plagiat ist eine Ehrung des Urhebers - als ob das nicht für uns alle gelten würde

Mit freundlichem Dank, auch den Beduinen

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Tibet ist schon eine komplizierte Sache.In China heißt es offiziell ja immer, dass Tibet schon seit jeher, genau gesagt seit der Yuan-Dynastie (13.Jh), ein Teil Chinas sei.Das Problem ist nur, dass die Yuan-Dynastie keine chinesische Dynastie war, sonder eine mongolische.Das Reich der Yuan hieß offiziell auf Mongolisch ja:Dai Ön Yeke Mongghul Ulus, was soviel bedeutet wie "Das Großmongolische Reich der Großen Yuan".Dieses Großmongolische Reich der Großen Yuan betrachtete sich als Rechtsnachfolger des Mongolischen Weltreiches.Tibet und China waren also Teil eines Mongolenreiches.

In diesem Mongolenreich wurden alle Bewohner in vier Rassenkasten unterteilt.Zu der ersten Kaste gehörten freilich die Mongolen selber.Zu der zweithöchsten zählten die sogenannten Semu.Die Semu waren unter anderem Araber, Europäer und auch Tibeter. Zu der dritten Kaste zählten die Nordchinesen, also die Bewohner des Jin Reiches.Und in der letzten Kaste waren die Han-Chinesen des zuletzt unterworfenen Song Reiches.Tibeter gehörten also im Yuan Reich einer höheren Kaste an als die Han-Chinesen..Und die Yuan Kaiser waren sowieso gläubige Buddhisten tibetischer Konfession.Die tibetischen Lamas haben den Mongolen bei der Eroberung des han-chinesischen Song Reiches sogar aktiv mitgeholfen.

Tibet 2

Ein Lama hat nach der Eroberung des Song Reiches an die hundert Gräber der han-chinesischen Kaiser und Fürsten ausgegraben und aus dem Schädel des Song Kaisers Lizong ein Trinkgefäß für den tibetischen Vizekönig Chögyel Phagpa gemacht.Die Tibeter erschienen den damaligen Han-Chinesen eher als mit Mongolen verbündete Eroberer.
Die chinesische Regierung versucht aber, das Mongolische Reich der Yuan als ein chinesisches Reich hinzustellen, um die Zugehörigkeit Tibets zu China historisch zu begründen.
Das Mongolische Reich Yuan und später das Mandschu Reich der Qing, die ebenfalls die Oberhoheit über Tibet verfügte, werden als chinesische Kaiserreiche dargestellt.Eroberungskriege der Mongolen oder der Mandschu werden als Bürgerkrieg innerhalb der chinesischen Nation interpretiert.Viele Chinesen tendenzieren daher, die historischen Ereignisse mit heutiger chinesischer Begrifflichkeit und Weltanschauung zu betrachten.Das absurde an dieser Sichtweise ist ja, dass vor 700 Jahren die Han-Chinesen die Eroberungsfeldzüge der Mongolen ganz sicher nicht als "Bürgerkrieg unter ihresgleichen" gesehen haben.Die Mongolen haben da die Chinesen auch ganz bestimmt nicht als ihre Landsleute empfunden.Sonst hätten sie ja nicht dieses rassistische Kastensystem eingeführt.Heute sind chinesische Mongolen und Han-Chinesen natürlich de jure Teil des chinesischen Staatsvolkes und der chinesischen Nation.Aber damals gab es diese Begriffe der chinesischen Nation nicht mal.

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18. Jh. geriet Tibet noch mal unter die Schutzherrschaft des Mandschurischen Reiches Qing.Neben der mongolischen Yuan-Dynastie wird auch die Qing Dynastie gerne zitiert, um die heutige "chinesische" Hoheit über Tibet historisch "nachzuweisen".
Die Hintergrundgeschichte war folgendes:
im 18. Jh fielen die Dzungar-Mongolen in Tibet ein, woraufhin der damalige Dalai-Lama den Kaiserhof des Mandschurischesn Qing Reiches um Hilfe bat.Den Kaiserlichen Qing Trupen gelang es dann, die Dzungar aus Tibet vertreieben.Seidem stand Tibet unter der Schutzherrschaft der Mandschun.Tibet wurde aber nicht von dem Reich der Qing annektiert und stand auch nicht unter direkter Verwaltung der Qing, die Mandschu übten ihren Einfluss auf Tibet durch die Präsenz eines Gesandten aus, eines Ambanen.Die allermeisten Ambanen waren keine Han-Chinesen, sondern Mandschu oder Mongolen(Von den 80 Ambanen waren nur vier Han-Chinesen).

Das Problem war indes, dass die Qing-Dynastie auch eine Fremdherrschaft in China war.Die Mandschu aus der Mandschurei eroberten im 17. Jh. China.Unter ihrer Herrschaft wurden die han-Chinesischen Männer gezwungen, nach mandschurischer Sitte den Kopf fast kahl zu rasieren und einen langen Zopf zu tragen.Auf das Nichttragen des Zopfes stand die Todesstrafe.In der Qing-Dynastie war es den Han-Chinesen bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. hinein nicht gestattet, die Mandschurei, Tibet, Xinjiang oder Mongolei zu besiedeln.

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"Teile und Herrsche", so haben die Mandschu versucht, über die Völker ihres Riesenreiches zu herrschen.Außerdem galt die Mandschurei als Rückzuggebiet für die Mandschuren.Die Mandschu haben deswegen eine 2700-km lange Palisade vor den Toren der Mandschurei gebaut, um eine chinesische Einwanderung zu verhindern.Erst das Eindringen der Russen in die dünn besiedelte Mandschurei zwang die Qing-Dynastie dazu, die Einwanderungsspeere gegenüber Han-Chinesen aufzuheben.

Tatsächlich fühlten sich die Mandschu den Mongolen näher als den Han-Chinesen.Deshalb stellten auch die Mongolinnen üblich die Kaiserinnen der Qing.Mongolische Fürsten wurden mit Königstiteln (王) belohnt.Ehen zwischen Han-Chinesen und Mandschu waren hingegen streng verboten.

Innerhalb der wichtigsten han-chinesischen Großstädte wurden Mandschu-Städte eingerichtet, wo Mandschu-Soldaten samt ihrer Angehörige untergebracht waren, um die Han-Chinesen zu überwachen.1911 fielen zahlreiche Mandschu der Revolution zum Opfer.In Wuchang, Xian, Taiyuan, Fuzhou, Nanjing und zahlreichen anderen Städten hat es Pogrome der Han-Chinesen gegen die Mandschu gegeben.Zahlreiche Bewohner der Mandschu-Städte wurden massakriert.Auch Frauen und Kinder.Nach der Revolution waren Mandschu der Diskriminierung der Han-Chinesen ausgesetzt und änderten daher mehrheitlich ihre Nachnamen in han-chinesische Nachnamen, um nicht als Mandschu erkannt zu werden.

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Tibet war also vor 1949 noch nie Teil eines han-chinesischen Staates gewesen(Die han-chinesisch dominierte chinesische Republik beanspruchte zwar Tibet, aber hat Tibet nie kontrolliert).Der territoriale Anspruch der VR China auf Tibet führt auf die Republik China zurück.
Die Revolution von 1911, die die mandschurische Qing-Dynastie beendete und Republik China ausrief, war aber in erster Line eine gegen die Fremdherrschaft der Mandschu gerichtete nationalistische Revolution, die zum Ziel hatte, die "tatarischen Barbaren vertreiben" (驱除鞑虏)und "China wiederherstellen"(恢复中华) und einen han-chinesischen Nationalstaat schaffen.

In erster Linie wollten die Han-Nationalisten nur die 18 han-chinesischen Provinzen, also das eigentliche China, von der Mandschu-Herrschaft befreien.

Die Han-Chinesischen Revolutionäre und Nationalisten änderten nach der Abdankung des letzten Mandschu Kaisers schnell ihre Meinungen und behaupteten nun, dass der neue han-chinesisch dominierte Staat der Rechtsnachfolger des Mandschu Reiches sei und alle Territorien des Mandschu Imperiums übernehmen müsse.Also führten die neuen han-Chinesischen Herren Chinas einen neuen Nationalbegriff ein, um die han-chinesische Übernahme der Nicht-Han-Gebiete des Mandschu Reiches zu legitimieren.Zhonghuaminzu soll das neue Volk heißen, das aus Han, Mandschu, Uiguren, Tibetern und Mongolen bestehen soll.

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Den Begriff "Zhonghuaminzu" gab es aber erst seit 1902.Erstmal wurde er erwähnt von Liang Qichao und mit diesem Begriff meinte Liang nur die Han.Liang Qichao (1905):"das Zhonghuaminzu ist das, was umgangsprachlich als Han bezeichnet wird". (今之中華民族,即普遍俗稱所謂漢族者).

Nach 1912 wurde Zhonghuaminzu aber auf vier weitere Völker erweitert(Uiguren, Mongolen, Tibet, Mandschu), da der neue han-chinesisch dominierte Staat die imperialen Erben (dh. Territorien) des untergehenden mandschurischen Staates übernehmen wollte.

Unabhängigkeitsbestrebungen der Nicht-Han Völker des ehemaligen Mandschu-Reiches wurden von den han-chinesischen Regierungen dementsprechend als "Separatismus" bekämpft.
Das war die Geburtsstunde des Großchinesischen Nationalismus des Zhonghuaminzu.Was man unter Zhonghuaminzu tatsächlich verstehen muss, hatte Sun Yat-Sen, der Vater und Konstrukteur des Zhonghuaminzu, 1924 konkretisiert:
"Das Volk in China hat 400 Millionen Menschen.Unter diesen sind nur paar Millionen Mongolen, eine Millionen Mandschu, paar Millionen Tibeter, eine Million und und einige hunderttausend muslimische Türken.Die Auswärtigen betragen nur 10 Millionen.Deswegen, wenn man die Mehrheit betrachtet, 400 Millionen Chinesen, sind alles Han.Gleiches Blut, gleiche Sprache und Schrift, gleiche Religion, gleiche Bräuche, vollkommen ein Volk."
Diese "auswärtigen" Populationen sollten von dem Han Volk assimiliert werden(Sun, 1921).

Geschichtliche Wahrnehmung und Problematik

Die geschichtliche Wahrnehmung spielt eine große Rolle, wenn es um die Zugehörigkeit Tibets oder anderer Minderheitenregionen zu China geht.Für den Großteil der Han-Chinesen ist es selbstverständlich, dass Tibet, Xinjiang oder andere Regionen zu China gehören, da sie sich mit dem großchinesischen "Zhonghua minzu" identifizieren können und der Meinung sind, dass Tibet oder Xinjiang schon seit jeher Teil dieses "Zhonghuaminzu" und Chinas seien, und dank der offiziellen geschichtlichen Deutung nach 1912 die mongolische Yuan Dynastie und mandschurische Qing Dynastie auch als "normale" chinesische kaiserreiche ansehen.

Der heutige staatlich geförderte Nationalismus in China ist genau dieser großchinesische Nationalismus, der nach außen gegen Japan, Indien, Vietnam, Amerika und andere Länder gerichtet ist und nach innen hauptsächlich gegen den "Separatismus" der Minderheiten gerichtet ist.Dabei basiert der großchinesische Nationalismus auf genau jenem künstlichen Konstrukt "Zhonghuaminzu" und auf einer Ahnenverehrung "gelber Kaiser" und "Yan-Kaiser", die Stammesväter dieses "Zhonghuaminzu" gewesen sein sollen.Einerseits behauptet man in China, dass China ein Vielvölkerstaat sei und dass 56 Völker in China (nach 1949 wurden 5 Völker des Zhonghuaminzu auf 56 erweitert)diesem großchinesischen Volke "Zhonghuaminzu" angehören, was aus diesem Begriff ein Staatsvolk gemacht hätte ähnlich wie "das amerikanische Volk", wo die Staatsangehörigkeit vor der Volkszugehörigkeit steht.

Geschichtliche Wahrnehmung und Problematik (2)

Andererseits betont man in China auf den gemeinsamen Stammesursprung des Zhonghua-Volkes, auf die mystischen Urkaiser Yan und Huang, was aus dem Begriff wiederum einen "völkischen Nationalbegriff" macht.Dieser ganze völkische Ahnenkult und die ganzen Sprüche wie "Blut ist dichter als Wasser" (血比水浓) mag auf chinesischnationale Han-Chinesen wirken, aber bei einigen Völkern auf Festlandchina, die eine eigene ethnische Identität, eine eigene Schrift, eine eigene Kultur und geschichtliche Identität besitzen, stößt dieser großchinesische Nationalbegriff ala Zhonghuaminzu auf breite Ablehnung.

"Zhonghua minzu" wurde von den Han-Chinesen, die nach der Revolution 1911 die neu gegründete Republik dominierten, eingeführt, um den Anschluss der Nicht-Han-Gebiete des Mandschu Reiches an den neuen chinesischen Staat zu legitimieren.Man fragte die Mongolen oder Tibeter nicht danach, ob sie dem han-chinesisch dominerten chinesischen Staat beitreten wollten, sondern man erklärte sie zum Teil eines fiktiven Volkes (zhonghua minzu).Der Stammesvater dieses Volkes (zhonghua minzu) soll der gelbe Kaiser sein(der aber nur von den Han-Chinesen als Stammesvater angesehen wurde).Das wäre ungefähr so, als würde man die Tschechen oder die Polen zum Teil des Germanischen Volkes in einem deutsch dominierten Staat erklären.

Geschichtliche Wahrnehmung und Problematik (3)

Dann war noch die komplizierte Beziehung der Tibeter und der Mongolen zum Kaiserhof der Qing.Die Mongolen zum Beispiel genossen gewisse Privilegien im Reich der Mandschu.Die mongolischen Fürsten hatten auch ein hohes Maß an Autonomie, was die Han-Chinesen nicht hatten.Die Mandschu fühlten sich kulturell und geschichtlich an den Mongolen gebunden.Die Kaiser der Mandschu haben schon immer versucht, durch gegenseitige Heiraten die monglischen Fürsten an sich zu binden.Mongolen waren in gewisser Weise eher Verbündete als Unterworfene der Mandschu und hatten dementsprechend eine höhere Stellung als die Han-Chinesen.
Da nun das Mandschu Reich zusammengebrochen war, war es für die Mongolen sowie Tibeter nicht selbstverständlich, dem han-chinesisch dominierten Staat beizutreten.In der Tat erklärten sie (die äußere Mongolei und Tibet) sich nach dem Zusammenbruch der Qing für unabhängig.

Ich finde es problematisch, dass viele Leute in China heutezutage die Kriege zwischen den han-chinesischen Reichen und den mongolischen/Mandschu Reichen rückwirkend für Bürgerkriege innerhalb des Zhonghuaminzu, also des Chinesischen Volkes oder der chinesischen Nation, erklärt, weil Zhonghuaminzu ein einseitig von den Han-Chinesen verordneter fiktiver Begriff ist, ein Produkt, entstanden erst durch geopolitische Interessen des han-Chinesisch dominierten Staates nach 1911.

Ohne es gesehen

zu haben, wußte ich, dieser Artikel kommt von Frau Köckritz. Wieder ein Thema zum unpassenden Zeitpunkt. Die Probleme, die wir mit und in Bezug auf China haben sollten, spielen sich auf einem anderen Gebiet ab. Gut, könnte man sagen, auch dieses Thema bleibt *heiß*, und wenn nicht die geballte westliche Medienmacht ihren Finger immer wieder in die offenen Wunden legt, wer dann? Aber es ist auffällig wie einseitig dieses aus Prinzip schon geschieht. War da nicht etwas mit einer Modernisierung in Xizang-Tibet? War da nicht auch etwas mit einer breiten Zufriedenheit von vielen einfachen Tibetern mit der Entwicklung insgesamt. Man liest in solchem Zusammenhang eigentlich immer nur von tibetischen religiösen Würdenträgern und Mönchen. Aber ist das die Meinung des einfachen Volkes? Es sollte doch mittlerweile bekannt sein, daß die innerreligiösen Kämpfe der verschiedenen Sekten immer zu Mord, Totschlag und Entführungen geführt hatten in der Vergangenheit. Asu diesen Kämpfen ist die Gelbmützen-Sekte, welcher der derzeitige Dalai Lama angehört, als Sieger hervor gegangen. Nun ist ein weiterer interssierter Player dazu gekommen, die chinesische Regierung. Aber warum soll ich, sollen wir, da eine Position beziehen, wem soll letztlich geholfen werden?

Wie erfrischend anders und *unkonformistisch* (und so gesehen objektiver) war doch die Berichterstattung von Georg Blume.

tja, so ist es

Frau Koeckritz hat ja auch schon in anderen Artikeln bewiesen, dass sie es nicht so genau nimmt.
Die leidige Geschichte mit den armen, armen Nachbarn zum Beispiel, die extra arm gerechnet wurden.

Insofern fand ich folgenden Satz hier auch sehr unangebracht:"Vielen ist das im Lauf der Jahrtausende so ergangen, einst bestand das chinesische Reich aus unzähligen Völkern, übrig blieben die Han und 55 Minderheiten."

Klingt glatt nach Völkermord.

"unzähligen Völker", also anscheinend nichts konkretes recherchierbar......

55 Ueberlebende sind nicht wenig, Europa hat auch nicht viel mehr und flaechenmaessig sind China und Europa etwa gleich auf. Welche Voelker gibt es denn nicht mehr in China und wo leben die jetzt. Gibt es wenigestens ein paar Beispiele ? Meint Frau Koeckritz etwa die Thai ??

Sinisierung

"Vielen ist das im Lauf der Jahrtausende so ergangen, einst bestand das chinesische Reich aus unzähligen Völkern, übrig blieben die Han und 55 Minderheiten."
Der Satz ist im Prinzip historisch richtig. In China leben zu 91,5 Prozent Han-Chinesen. Wurde in den vergangen 2000 Jahren, die das Kaiserreich währte, ein Gebiet erobert, wurde es durch gezielte Ansiedlung von chinesischen Bauern "sinisiert". Das passiert wohl in der Tat nun auch in Tibet.

@ #2 xiezeren

„Betrachtet man den Mönch von einem materialistischen Standpunkt aus, zum Beispiel vom Standpunkt der chinesischen Regierung, könnte man sagen:….“

Um es unmissverständlich vorwegzunehmen: die chinesische Regierung ist keinesfalls etwas Wünschenswertes.
Aber, es ist schade, dass sie versäumen auf die Anfangsfrage eine ehrliche Antwort zu geben… Diese würde nämlich lauten, dass sich auch diese offizielle tibetische Kirche seit Jahrhunderten von der Arbeit anderer, durch sie konditionierter Menschen ernährt, so wie die Priester aller anderen Religionen das auch seit Jahrhunderten tun.

Der Dalai Lama ist sich ausserdem völlig darüber im Klaren, dass er durch sein Flucht nach Dharmsala den Untergang des Landes Tibet, der tibetischen Kultur und des tibetischen Volkes unaufhaltsam gemacht hat. Ich habe ihn vor über zehn Jahren in Indien mal danach gefragt.

Aber hier geht es wiedermal ja keineswegs um wirkliche Ìnformationen sondern um politisch korrekte Ansichten, was man wohl im Zusammenhang mit der Pazifik Militarisierung durch die Amerikaner sehen muss?

„Es geht laut Lian also vor allem um Geld. Was aber, wenn die Tibeter etwas ganz anderes wollten?“
Sie meinen damit: im nächsten Leben mit einer „besseren“ Inkarnation belohnt zu werden? So wie Christen oder Muslime die in ihren jeweiligen Paradiesen für „gottesfürchtige“ Taten belohnt werden wollen, bei allen ist also die Habgier die Grundlage der Religiosität?

Eine lange Geschichte 2

Ich selbst kann mir vorstellen, dass der vorgebrachte Anspruch Chinas auf Tibet psychologisch erklärt werden könnte, gesehen aus der Geschichte heraus.

Die Han aus dem Kerngebiet des heutigen China mussten im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte sehr oft die Herrschaft anderer Völker über sich erdulden. Da war der lange Konflikt mit den Tibetern, bei dem es auch um Handelsinteressen ging und die tibetische Herrschaft. Dann der Konflikt mit den Völkern des Nordostens, den Uiguren. dann die herrschaft der Mongolen über China unter Kubilai Khan. Später die Herrschaft der Mandschu, welche alle wichtigen Positionen mit eigenen Leuten besetzten.

Träumen darf man

Sehr interessanter Artikel! Es wäre sicher viel besser, wenn man seine Meinungen und Emotionen nicht eingebaut hätte. Aber es ist leider menschlich. D.h. man ist gegen oder für etwas.

Tibeter wollen einen unabhängigen Staat, ja warum denn nicht? Ich selbst träume auch mein eigenes Königreich, auch heute noch.