Grasland. Weite, in hundert Grüntönen. Berge wie Drachenrücken, darüber fließen die Wiesen – von dort kommt er. In den warmen Monaten hüteten sie Yaks und Ziegen, schliefen in einem Zelt. Sommernomaden. Wenn es kalt wurde, zogen sie zurück ins Steinhaus. Winterbauern.

Als er 15 war, ging er ins Kloster, um Mönch zu werden. Jetzt ist er 31. Er liebt Fußball, Schweinsteiger und Ballack, manchmal spielt er heimlich im Wald, er isst gern Fleisch, so gern, dass der Plastikanhänger an seinem Handy eine Speckschwarte darstellt. Er streicht sich über die karmesinrote Mönchskutte und sagt: »Ich bin dicker geworden.«

Betrachtet man den Mönch von einem materialistischen Standpunkt aus, zum Beispiel vom Standpunkt der chinesischen Regierung, könnte man sagen: Er hätte Grund, zufrieden zu sein. Er hat sein Auskommen. Studiert im Kloster tibetische Medizin. Geht seinem Glauben nach. Darf Fleisch essen, wie es, Buddhismus hin oder her, in vielen tibetischen Klöstern der Brauch ist – für vegetarische Ernährung, sagen sie, sei es viel zu kalt. Der Mönch aber ist nicht zufrieden. Er hat Angst. Angst, dass im jahrzehntelangen Kampf der Tibeter um ihre Eigenständigkeit jetzt die entscheidende Runde gegen die chinesische Führung begonnen hat. Und dass sie diese Runde verlieren könnten. Es geht um nicht weniger als die Frage, was nach dem Tod des Dalai Lama aus dessen Volk wird, aus dessen Gebot des gewaltfreien Protestes, aus dem Widerstand der Tibeter überhaupt. Ihr geistiges Oberhaupt, seit Jahrzehnten im Exil, ist jetzt 76 Jahre alt, die Regelung seiner Nachfolge treibt den Konflikt mit Peking zunehmend auf die Spitze. All das vor dem Hintergrund wachsender Spannungen in den tibetischen Gebieten selbst. Aus Protest gegen Festnahmen, Durchsuchungen und andere Repressalien der chinesischen Sicherheitskräfte haben sich in diesem Jahr bereits elf Mönche und Nonnen angezündet, sechs sind dabei gestorben.

Kloster Labrang, Xiahe, Provinz Gansu, Nordwesten Chinas. Der Mönch eilt durch die Gassen des Klosters Labrang, das sich gleich einer Burg an einen Bergrücken schmiegt, scheinbar uneinnehmbar. Er weiß, dass der Schein trügt. Wenn er hinaus auf das Grasland fährt, sieht er die neu gebauten Häuser, die die Regierung dort zum Vorzugspreis anbietet. Sie will die Nomaden ansiedeln, »sie sagen, das Nomadenleben sei schlecht für die Umwelt. Dabei leben wir seit Ewigkeiten hier.« Kehrt er zurück in die Stadt, passiert er die neu gebaute Kaserne, vier Soldaten, erzählt man sich, kämen auf einen tibetischen Einwohner. In der Stadt selbst dehnen sich die Viertel der Han-Chinesen, in denen kaufmännische Betriebsamkeit herrscht, immer weiter aus. In der Stadtmitte hat sich die muslimische Minderheit der Hui niedergelassen. Auf der anderen Seite wohnen die Tibeter. Das Leben hier ist langsamer. Pilger ziehen um das Kloster, Nomaden tuckern auf Motorrädern vorbei, die Haare lang, die Gesichter wettergegerbt, Cowboys des Ostens. Es sind getrennte Welten. Der Mönch ist in beiden daheim. Er hat eine Schule besucht, in der auf Mandarin unterrichtet wurde, er spricht die Sprache sehr gut, was hier nicht die Regel ist. Er hat Han-chinesische Freunde, und doch die Han-Siedler sollen, da ist er sich sicher, sein Volk zur Minderheit machen, auf dass es sich irgendwann auflöse wie ein paar Tropfen Tinte im Meer. Vielen ist das im Lauf der Jahrtausende so ergangen, einst bestand das chinesische Reich aus unzähligen Völkern, übrig blieben die Han und 55 Minderheiten.

Am meisten aber fürchtet der Mönch den jungen Mann, der vor Kurzem sein Kloster besuchte. Die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) nennt ihn den Panchen Lama. Sie hatte für ihn einen prächtigen Empfang geplant, doch nicht einmal hundert Menschen tauchten auf. Die meisten Tibeter ignorierten den Besucher, der dem Titel nach ihr zweitwichtigster Würdenträger ist. Auch der Mönch verweigerte seine Aufwartung. Er nennt ihn den »falschen Panchen« oder den »kommunistischen Panchen«. »Wäre der Richtige gekommen, wir wären alle hingestürmt.« Doch keiner weiß, wo der, den sie den Richtigen nennen, steckt. Gedhun Choekyi Nyima, ein sechsjähriger Junge, war nach dem Tod des 10. Panchen Lama als dessen Reinkarnation benannt worden. Vom Dalai Lama persönlich und gegen den Willen der Regierung in Peking. Der Junge verschwand – und wurde von Pekings Gnaden durch ebenjenen inzwischen erwachsenen Mann ersetzt, den nun in Xiahe kaum einer sehen wollte.

Der Panchen Lama ist der größte Trumpf im Machtkampf zwischen den Tibetern und Peking. Ihm kommt eine Schlüsselrolle bei der Suche nach der Reinkarnation des 14. Dalai Lama zu, des wichtigsten religiösen und bis vor Kurzem auch politischen Oberhaupts Tibets. Die Tibeter sagen: »Er ist Vater und Mutter zugleich. Was auch immer er sagt, wir hören auf ihn.«

Zöge die KP-Führung einen eigenen Dalai Lama heran, könnte sie den Widerstand womöglich entscheidend schwächen. Dann könnte sie ins Herz tibetischer Identität vordringen: zur Religion. Der Mönch runzelt die Stirn. »Äußerst gefährlich wäre das. Wir in den Klöstern sind die Bewahrer tibetischer Kultur, wir verwalten die Bücher und Schriften, das Wissen.« Draußen auf dem Grasland verwendeten sie jetzt für viele Begriffe die chinesischen Wörter. Fernseher, Telefon. Im Kloster sei das verboten. »Hier kommt keiner rein, der nicht Tibetisch kann, unter den Tausenden von Mönchen hier gibt es ein paar Mongolen, aber keinen einzigen Han.« Was aber, wenn die KP es schaffte, in diese letzte Bastion einzudringen? Ein Dalai Lama von Pekings Gnaden könnte die Historie seines Volkes umschreiben. Er könnte eine tibetische Geschichte formen, die sich geschmeidig in die Herrschaft der KP fügt. Der Widerstand wäre darin nur eine Episode, nichts, dessen man sich erinnern und schon gar nichts, was man fortführen müsste. Der 14. Dalai Lama, er wäre nur mehr ein paar Zeilen in einem Geschichtsbuch.