Anfang November, beim Krisengipfel der wichtigsten 20 Industrieländer der Welt, liefen die Dinge vergleichsweise gut für Barack Obama . Die Euro-Länder bekamen offensichtlich ihre Schuldenkrise nicht in den Griff, also konnte der Mann aus Amerika mit gerunzelter Stirn und erhobenem Zeigefinger den Mahner geben : Europäer, räumt da so schnell wie möglich auf! Eure Krise gefährdet die Welt!

In der kommenden Woche wird es für den amerikanischen Präsidenten nicht so gut laufen. Spätestens am Mittwoch dreht sich nämlich alles um die Schuldenkrise in der größten Volkswirtschaft der Welt – den USA . In Washington läuft an diesem Tag die Frist für das sogenannte Super Committee aus, das seit zwei Wochen in Geheimsitzungen tagt und das Einsparungen in Höhe von mindestens 1,2 Billionen Dollar vorlegen muss. Sonst, so haben es die Parteien im Sommer vereinbart, wird der amerikanische Haushalt nach der Rasenmähermethode zusammengekürzt. Das war damals die Bedingung der Republikaner, und Präsident Obama musste notgedrungen zustimmen. Die Republikaner drohten damit, ansonsten jede weitere Schuldenaufnahme zu verweigern und das Land in die Zahlungsunfähigkeit zu treiben.

Was am kommenden Mittwoch wirklich beschlossen wird? Schwer zu sagen – aber die bisherigen Diskussionen im Super Committee wecken Zweifel an einem vernünftigen Sparplan. Sollte es überhaupt gelingen, ein Paket zu schnüren, erwarten Washingtoner Beobachter einen faulen Kompromiss: Einschnitte, die so weit in die Zukunft verlegt werden, dass es fragwürdig ist, ob sie jemals in Kraft treten. Allein schon deswegen, weil alle möglichen Lobbyisten, etwa die aus der Rüstungsindustrie, seit Monaten kräftig dagegenarbeiten.

Eine andere Sache ist hingegen klar: Den USA droht eine Schuldenlawine, die weit größere Verwüstungen anzurichten droht als die gesamte Euro-Krise. Das belegen die Zahlen.

Zwischen den Einnahmen der amerikanischen Bundesregierung und ihren Ausgaben klafft im Augenblick Jahr für Jahr eine Lücke, die so groß ist wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Früher, in den vergangenen Jahrzehnten, entsprachen die Einnahmen der Administration ungefähr 18 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung, und die Ausgaben entsprachen etwa 20 Prozent. Man gab also zwei bis drei Prozentpunkte mehr aus, als man einnahm. Die Unterdeckung wurde mit Schulden gedeckt – nicht ideal, aber angesichts der Größe und des Wachstums der US-Wirtschaft auch nicht alarmierend.

Im Krisenjahr 2009 jedoch riss die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben dramatisch auf. Schuld waren die massiven staatlichen Konjunkturprogramme, soziale Hilfsleistungen angesichts der hohen Arbeitslosigkeit, die ungebremsten Ausgaben fürs Militär und auch die geringen Steuereinnahmen angesichts der Krise. Die jährliche Unterdeckung – also die zusätzliche Schuldenaufnahme pro Jahr – liegt seither bei einem knappen Zehntel der gesamten Wirtschaftsleistung.

Wenn man heute den Schuldenberg der US-Bundesregierung vermisst, dann kommt man auf eine unvorstellbar große Masse von Dollarnoten: 14,9 Billionen Stück – also 14.900.000.000.000. Mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung in den USA. Zum Vergleich: Die Verschuldung der krisengeschüttelten Euro-Zone beläuft sich auf 85 Prozent. Je nachdem, was man alles hinzuzählt, sind die amerikanischen Schulden noch mal deutlich höher.

Man kann zum Beispiel die künftigen Versorgungsansprüche von Bundesbeamten und Streitkräften hinzurechnen. Dann ist die Zahl um weitere sechs Billionen größer. Oder man kann berücksichtigen, dass die Kassen der öffentlichen Angestellten ein Loch von etwa einer Billion Dollar ausweisen, wenn sie ihre Zahlungsversprechen für die Renten- und Krankenversicherung decken wollen.