Kairo Wahlkampf statt Revolte

Die ägyptischen Muslimbrüder wollen keinen Aufstand, sondern Wahlen – denn sie haben die besten Chancen. Deswegen schauen sie den Kairoer Protesten nur zu.

Tahrir-Platz in Kairo

Tahrir-Platz in Kairo

Zwei Ansichten der Revolution. Auf dem Tahrir-Platz liegt ein blutender Demonstrant. Ein Polizeigeschoss hat ihn am Kopf getroffen. Das Feldlazarett der Aktivisten hat ihn aufgenommen. Drum herum die weißen Schwaden der Tränengasgranaten. Ein Arzt reinigt und verbindet die Wunde. Vor dem Lazarett kämpft die Kairoer Jugend gegen das Militär. Liberale, Linke, Rechte, Männer und Frauen. Manche tragen Masken gegen das Tränengas, andere waschen sich ständig Gesicht und Hände mit Pepsi-Cola, gegen das Brennen. Hinter Autowracks und Wellblech suchen sie Schutz vor den Gummikugeln der Polizei. Meist hilft nur noch rennen.

Zur selben Zeit stehen in einem eleganten Golfhotel vor den Toren der Stadt die Parlamentskandidaten auf. Über zwanzig Männer, viele von ihnen bärtig, zwei Frauen mit Kopftuch. Die islamistische Partei für Freiheit und Gerechtigkeit stellt ihre lokalen Bewerber vor. Die Redezeit eines jeden ist auf fünf Minuten begrenzt. Die Bärte sind wohlgestutzt. Es wird Erdbeer- und Orangensaft serviert. »Fragen? Aber bitte sehr.« Programme werden verteilt, auf Arabisch und Englisch. Die Veranstaltung endet mit einem Gebet.

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Aufstand und Wahlkampf: zwei Wege aus der Diktatur, am selben Tag in derselben Stadt. Ägypten wirkt im zehnten Monat der Revolution schizophren. Gegen das Militär sind mittlerweile die meisten wichtigen Parteien. Gegen die Unantastbarkeit der Uniformierten und ihrer Marionettenregierung, gegen Willkürtribunale, Wahlmanipulation und die Verfolgung von Freiheitskämpfern. Aber wie man die Generäle von der Macht verdrängt, darüber streiten die Ägypter. Jeder versucht es auf seine Weise, hier auf dem Tahrir, dort im Hotel. Doch führen die Wege nicht zusammen. Bis Dienstagnacht starben unter den Salven der Sicherheitskräfte mehr als 30 Menschen. Eine geordnete Abstimmung wird mit jedem Toten schwieriger.

Das stürzt Ägyptens stärkste politische Kraft in ein tiefes Dilemma. Die Partei der Muslimbrüder steht kurz vor dem größten politischen Erfolg ihrer langen Geschichte. Soll sie sich jetzt auf Straßenkämpfe einlassen? Der Aufstand gefährdet den möglichen friedlichen Weg zur Wachablösung: freie Wahlen, beginnend am kommenden Montag.

Auf die Wahlen ist niemand so gut vorbereitet wie die Freiheits- und Gerechtigkeitspartei (FGP), die politische Bewegung der Muslimbrüder. Kaum eine Partei ist so gut organisiert wie sie oder verfügt über ihre politische Erfahrung. Schon bei früheren Wahlen gewannen Muslimbrüder – als unabhängige Kandidaten. 2005 holten sie auf Anhieb fast alle Wahlkreise, in denen sie antraten. Bei diesen Revolutionswahlen gehen sie erstmals mit einer eigenen Partei und jungen Kandidaten ins Rennen.

Eine der beiden Frauen auf dem Podium im Golfhotel ist Samah Said, Apothekerin, 34 Jahre alt. Sie kandidiert in Giseh zum ersten Mal für das Parlament, geht in ihrem Wahlkreis von Haus zu Haus. »Man muss die Familien gut kennen, um zu gewinnen«, sagt sie. Seit elf Jahren ist Said verheiratet, mit einem Muslimbruder. Drei Kinder haben sie, das kleinste ist noch ein Baby. Familie und Karriere – alles läuft bei Samah Said gleichzeitig. Die Großeltern helfen und hüten die Kinder, wenn sie durchs Land zieht.

Said ist eine von insgesamt 76 Kandidatinnen der FGP, gut ein Fünftel der FGP-Bewerber sind Muslimschwestern. Nur im Vorstand der Partei sitzen ausschließlich Männer. »Es gibt keine Regel, die Frauen den Eintritt in den Vorstand verbietet«, sagt Said und entschuldigt sich fast: »Ich bin auch noch neu.« Für später wolle sie nichts ausschließen. »Nicht einmal die Präsidenschaftskandidatur«, scherzt sie. Doch finden die Muslimbrüder, die Zeit sei für eine weibliche Präsidentenkandidatin noch nicht reif. Ist der Islam ein Hindernis für den Aufstieg von Frauen? »Wir sind keine islamische Partei«, erwidert sie bestimmt. Gläubig ist die Frau in jeansblauem Kleid und mit lehmbraunem Kopftuch schon. Ihre Partei wolle den Islam aber an die ägyptischen Realitäten anpassen. »Nicht die Theorie, sondern die politische Praxis entscheidet.«

Die große Praxisshow der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei findet nicht im Golfhotel statt. Auch nicht am Tahrir-Platz. Sondern in einem Armenviertel nahe der Saida-Aischa-Moschee. Es ist eine dieser Albtraumgegenden am Stadtrand von Kairo. Szenen wie aus einem Science-Fiction-Film über urbanen Verfall: illegal gebaute Hochhäuser ohne Fenster und Türen, Sand- und Schlaglochpisten, Riesenpfützen vom letzten Regen, rauchende Kinder in Kellereingängen, kokelnde Feuer in Rohbauten, ein offenes Feld, übersät mit Müll, darauf wildernde Esel und Hunde. Ein Mann haust in einem selbst gegrabenen Loch am Straßenrand, er schützt sich mit einem Blech gegen Regen und Müll. Durch die engen Straßen um die Moschee herum zwängen sich Menschen in weiten Umhängen, neben ihnen rollen Motorrikschas, klappernde Autowracks, Handwagen mit allerlei Klimbim. Wer hier lebt, dem geht es schlecht, und trotzdem ist er sehr weit weg vom Aufstand der Twitterjugend am Tahrir.

Leser-Kommentare
  1. Das ägyptische Volk hat Mubarrak verjagt und weist jetzt auch den Militärrat in die Schranken.

    Die Annahme ist nicht abwegig, dass die Muslimbrüder nun ihre politische Doktrin überdenken müssen.

    Ein an die Realitäten des Landes angepasster Islam steht jetzt zur Debatte. Was wollte die FGP dann aber bisher....?

    Eines scheint klar zu werden: Einen Gottesstaat mit strenger Anwendung der Scharia lassen sich die Aegypter wohl kaum mehr aufdrücken.

    Da würde die Tahrir-Bewegung wohl sehr konsequent auch dem nun funkelnden Kronleuchter der Muslimbrüder die Lichter ausblasen...

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    • ek.
    • 24.11.2011 um 15:16 Uhr

    Es ging nicht um "einen Gottesstaat mit strenger Anwendung der Scharia". Wenn Sie sich interessieren, welche Leute mit welchen Programmen angetreten sind, gehen Sie auf die Seite der Konrad-Adenauer-Stiftung, klicken Sie auf dessen ägyptisches Büro und dort wiederum auf den Parteienmonitor, dann haben Sie alle Partei-Programme, auch das der Muslimbrüder.

    • ek.
    • 24.11.2011 um 15:16 Uhr

    Es ging nicht um "einen Gottesstaat mit strenger Anwendung der Scharia". Wenn Sie sich interessieren, welche Leute mit welchen Programmen angetreten sind, gehen Sie auf die Seite der Konrad-Adenauer-Stiftung, klicken Sie auf dessen ägyptisches Büro und dort wiederum auf den Parteienmonitor, dann haben Sie alle Partei-Programme, auch das der Muslimbrüder.

  2. Auch im Iran wurden Frauen bei der Revolution eingespannt. Das böse Erwachen kam dann später! Ich, für meinen Teil, bin da sehr pessimistisch!

  3. Die Moslembrüder haben den Islam und den Koran als Programm.
    Ägypten ist zu 90% islamisch und konservativ.
    Die Moslembrüder werden wohl an die 50% der Stimmen im Chaos des Tahrir-Platzes von den Ägyptern erhalten.
    Ägypten ist aber nicht der Tahrir-Platz, sondern der NIL.
    Die Rebellen-Jugend des Tahrir-Platzes hat nicht mal eine eigene Revolutionspartei gegründet.
    Wer soll die wählen?

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    • ek.
    • 24.11.2011 um 15:16 Uhr

    Es ging nicht um "einen Gottesstaat mit strenger Anwendung der Scharia". Wenn Sie sich interessieren, welche Leute mit welchen Programmen angetreten sind, gehen Sie auf die Seite der Konrad-Adenauer-Stiftung, klicken Sie auf dessen ägyptisches Büro und dort wiederum auf den Parteienmonitor, dann haben Sie alle Partei-Programme, auch das der Muslimbrüder.

  4. "
    Die ägyptischen Muslimbrüder wollen keinen Aufstand, sondern Wahlen – denn sie haben die besten Chancen. Deswegen schauen sie den Kairoer Protesten nur zu.
    "

    Die Bürger aber wollen eindeutig Demokratie.

    Falls " die Moslembrüder" diese nicht gewähren sollten, werden die Demos/Revolten weitergehen - dann eben gegen diese.

  5. Ältere Semester erinnern sich an die religiösen Unruhen in den 80-er Jahren in Ägypten, die von den Moslembrüdern gesteuert wurden. Man muss schon ein sehr kurzes Gedächtnis haben, wenn man ihnen traut. Erinnern wir uns doch einfach an die Hammas, wie friedlich sie ihr Reich aufgebaut hat und welcher Friede heute herrscht!
    Mir fällt in Gesprächen mit Menschen in Kairo und Oberägypten auf, dass alle Angst haben, sowohl vor den Muslimbrüdern wie auch vor der Armee, besonders aber die Christen, die ihren Untergang kommen sehen. Die Muslimbrüder werden die meisten Stimmen erhalten,denn die Armen und Ungebildeten werden mit Wohltaten gekauft und schlimmstenfalls werden die kommenden Wahlen die ersten und letzten in einem freien Ägypten sein.

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    • ek.
    • 24.11.2011 um 16:10 Uhr

    "Mir fällt in Gesprächen mit Menschen in Kairo und Oberägypten auf, dass alle Angst haben, sowohl vor den Muslimbrüdern wie auch vor der Armee, besonders aber die Christen, die ihren Untergang kommen sehen."

    Ich weiß nicht, mit wem genau Sie sprechen, jedenfalls verweise ich auf Äußerungen des Kairoer Seelsorgers Schrödel, der die gegenwärtige Lage erst vorgestern kommentiert hat:
    http://www.kathweb.at/sit...
    Für den Fall, dass Sie demokratisch denken, wird Sie das Meinungsbild in Ägypten interessieren. Es kann kaum sein, dass "alle Angst" haben, sonst würden sie denen, die sie angeblich fürchten, nicht ihre Stimmen geben.

    Speziell zur Lage der Christen hat er sich ebenfalls geäußert - und zum wiederholten Male als Stimmungsmache zurückgewiesen, von einer Christenverfolgung zu reden.
    http://kathpress.vivolum....
    Früher gab es - gerade von der katholischen Kirche mehrfach - ausgesprochen scharfe Verweise gegen diese Art von "Bericht"erstattung, man sprach von Manipulation und von Missbrauch der Medien.

    • ek.
    • 24.11.2011 um 16:10 Uhr

    "Mir fällt in Gesprächen mit Menschen in Kairo und Oberägypten auf, dass alle Angst haben, sowohl vor den Muslimbrüdern wie auch vor der Armee, besonders aber die Christen, die ihren Untergang kommen sehen."

    Ich weiß nicht, mit wem genau Sie sprechen, jedenfalls verweise ich auf Äußerungen des Kairoer Seelsorgers Schrödel, der die gegenwärtige Lage erst vorgestern kommentiert hat:
    http://www.kathweb.at/sit...
    Für den Fall, dass Sie demokratisch denken, wird Sie das Meinungsbild in Ägypten interessieren. Es kann kaum sein, dass "alle Angst" haben, sonst würden sie denen, die sie angeblich fürchten, nicht ihre Stimmen geben.

    Speziell zur Lage der Christen hat er sich ebenfalls geäußert - und zum wiederholten Male als Stimmungsmache zurückgewiesen, von einer Christenverfolgung zu reden.
    http://kathpress.vivolum....
    Früher gab es - gerade von der katholischen Kirche mehrfach - ausgesprochen scharfe Verweise gegen diese Art von "Bericht"erstattung, man sprach von Manipulation und von Missbrauch der Medien.

  6. hier mal auf das meines Erachtens gute Blog eines Freundes zu verlinken. Er befindet sich seit etwa einer Woche auf dem Tahrir-Platz.
    http://pamirblog.de/

    • ek.
    • 24.11.2011 um 16:10 Uhr

    "Mir fällt in Gesprächen mit Menschen in Kairo und Oberägypten auf, dass alle Angst haben, sowohl vor den Muslimbrüdern wie auch vor der Armee, besonders aber die Christen, die ihren Untergang kommen sehen."

    Ich weiß nicht, mit wem genau Sie sprechen, jedenfalls verweise ich auf Äußerungen des Kairoer Seelsorgers Schrödel, der die gegenwärtige Lage erst vorgestern kommentiert hat:
    http://www.kathweb.at/sit...
    Für den Fall, dass Sie demokratisch denken, wird Sie das Meinungsbild in Ägypten interessieren. Es kann kaum sein, dass "alle Angst" haben, sonst würden sie denen, die sie angeblich fürchten, nicht ihre Stimmen geben.

    Speziell zur Lage der Christen hat er sich ebenfalls geäußert - und zum wiederholten Male als Stimmungsmache zurückgewiesen, von einer Christenverfolgung zu reden.
    http://kathpress.vivolum....
    Früher gab es - gerade von der katholischen Kirche mehrfach - ausgesprochen scharfe Verweise gegen diese Art von "Bericht"erstattung, man sprach von Manipulation und von Missbrauch der Medien.

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