Hauptgebäude der Hochschule Fresenius in Idstein im Taunus

Mit 17 Jahren kam Nina Christ an den Punkt in ihrem Leben, an dem sie die Weichen für ihre Zukunft selbst stellen konnte. Sie hatte den Realschulabschluss in der Tasche und hätte ans Gymnasium wechseln können, mit etwas Aufwand hätte sie ihr Abitur machen können, danach wären einige Türen mehr zur Berufswelt offen gestanden, die Möglichkeit zu studieren zum Beispiel. Aber Nina Christ tat es nicht. »Ich war jung, ich wollte jetzt leben, schnell mein eigenes Geld verdienen«, sagt Christ heute. Beim Berufspraktikum in der achten Klasse war sie in einer Klinik, bei der Pflege. Warum nicht einfach Krankenschwester werden? Es hatte ihr gefallen. Sie bräuchte sich keine Gedanken mehr zu machen. Sie bewarb sich, wurde genommen, machte die Ausbildung im Stadtkrankenhaus Korbach und fing an zu arbeiten, da war sie noch nicht einmal zwanzig Jahre alt.

Schon nach der Ausbildung aber wollte sie mehr, wollte sie sich weiterentwickeln. Sie wechselte an die Uni-Klinik Frankfurt, arbeitete dort zweieinhalb Jahre in der Herz-Thorax-Chirurgie. Anschließend stieg sie auf einer anderen Station zur Schichtleiterin auf. Zu dieser Zeit hatte die Pflegedienstleitung schon begonnen, die talentierte Krankenschwester zu fördern. Bald wurde sie zur Gruppenleiterin ernannt. Das war im Oktober 2009. Die damals 25-jährige Nina Christ war jetzt Vorgesetzte des gesamten Pflegepersonals von zwei Stationen und einer Ambulanz.

Wäre Studieren nur mit Abitur möglich, dann wäre die Karrieregeschichte von Nina Christ hier zu Ende erzählt. »Ohne ein Studium im Gesundheitsmanagement oder ähnlichen Fächern ist es besonders an einer Uni-Klinik nahezu unmöglich, weiter aufzusteigen in der Hierarchie«, sagt Christ. Und ein Abitur an der Abendschule war im Schichtdienst nicht drin. Doch seit einigen Jahren öffnen sich Politik und Hochschulen auch für Studenten, die kein Abitur haben.

Theoretisch war es zwar schon lange möglich, ohne Abitur zu studieren, aber hohe Qualifikationen wurden verlangt, die Regelungen waren undurchsichtig. Praktisch fand kaum ein Nichtabiturient den Weg an die Hochschule. Gerade einmal 0,4 Prozent der Studierenden im Jahr 2000 hatten kein Abitur. Die Bologna-Reform leitete die Wende ein. 2003 nahm man sich eine stärkere Öffnung der Hochschulen gegenüber qualifizierten Berufstätigen offiziell vor, europaweit. Geschehen ist danach allerdings erst einmal wenig. Man war offenbar zu sehr damit beschäftigt, zunächst die Reform an den Universitäten umzusetzen. Erst ein Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK) 2009 machte es für Inhaber sogenannter beruflicher Aufstiegsfortbildungen – darunter Meister, Techniker und Fachwirte – ab sofort möglich, sich an einer Hochschule einzuschreiben . Ohne zusätzliche Prüfung.

Schon im nächsten Jahr zeigte das Wirkung: 8410 Studierende ohne Abitur waren 2010 an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Damit war ihr Anteil an allen Studierenden auf 1,9 Prozent gestiegen. Gegenüber 2009 waren mehr als 3.000 hinzugekommen. »Eine erfreuliche Entwicklung. Und wir erwarten, dass die Zahlen auch in den kommenden Jahren deutlich steigen werden«, sagt Sylvia Schill von der Kultusministerkonferenz. Besonders beliebt unter den Nichtabiturienten sind praktisch orientierte FH-Studiengänge, darunter Gesundheitsberufe und technische Fächer.