Die Schriftstellerin Elif Shafak © AFP/Getty Images

Es mag merkwürdig klingen, den Großen Basar, Kapal Çarş, als Wohnzimmer zu bezeichnen, aber für mich ist er das, in vielerlei Hinsicht. Mit mehr als 4.000 Läden ist er einer der größten überdachten Märkte der Welt. Hier schwirrt es vor Geräuschen, Gerüchen und Bildern. Es gibt Gewürzpyramiden, Laternen, Silberringe, Ledertaschen, Seidenschals, Teppiche ... eine endlose Warenvielfalt. Aber für mich geht es an diesem Ort nicht allein ums Kaufen. Es geht um Details. Um Erzählungen. Es geht um Spuren der Vergangenheit. Geschichte, die sich in Details verbirgt.

In den stilleren Seitenstraßen wird antiker Schmuck und Silber verkauft. © Agata Skowronek für DIE ZEIT

Ich kam mit Anfang 20 nach Istanbul. Die Stadt zog mich an, obwohl ich dort weder Freunde noch Bekannte oder Familie hatte. Ich war eine Außenseiterin, auf mich gestellt. So fing ich an, die Stadt zu entdecken, Schritt für Schritt, Tag für Tag. Als ich zum ersten Mal den Großen Basar besuchte, erschien mir nichts an ihm außergewöhnlich. Offen gestanden mochte ich ihn zunächst nicht besonders. Es war zu laut, zu voll, und mir gefiel nicht, wie die Händler riefen und den Touristen ihre Sachen anpriesen.

Doch dann betrat ich diese stillere Seitenstraße, in der antike Ringe, Silber und Handschriften verkauft wurden. Hier traf ich auf eine ganz eigene Geruhsamkeit. Das gehört zu den Überraschungen des Basars: Man findet Inseln der Ruhe inmitten des Lärms, Inseln der Vergangenheit, umgeben vom Hier und Jetzt. Ich sah einem Schmied beim Bearbeiten eines Rings zu. Achtsamkeit, Sorgfalt, Seelenruhe ... all das erfordert die Arbeit an einer so kleinen Oberfläche. Ich selbst bin kein geduldiger Mensch. Später begann ich, dort Silberringe mit Schmucksteinen zu kaufen. Wenn ich an einem Roman arbeite, nehme ich meine Ringe von den Fingern und lege sie auf den Schreibtisch. Ich mag die Energie, die sie ausstrahlen. Während ich über das Buch nachdenke, berühre ich die Ringe, liebkose sie, halte sie in der Hand.

Über die Zeit freundete ich mich mit einigen Silberschmieden an. Einer von ihnen war ein junger Alkoholiker, seine Hände zitterten schrecklich. Doch während er arbeitete, blieben sie erstaunlich ruhig. Ein anderer war Armenier. Schon sein Vater und Großvater waren Silberschmiede gewesen. Die gesamte Familie war in die USA ausgewandert, er war als Einziger zurückgeblieben. Ihn umgab eine wundersame Melancholie. Ein weiterer Schmied, gläubiger Muslim, schloss sein Geschäft jeden Tag zum Gebet. Als ich ihn fragte, wie er sich fühle, wenn er Ringe mit Marienbildern und anderen christlichen Symbolen verkaufe, sagte er: "Welchen Unterschied macht das? Juden, Muslime, Christen ... alles dasselbe. Wir vergessen es, weil wir blind sind. Aber Gott sieht, dass wir alle seine Kinder sind." 

Ich habe schon viele Ringe auf dem Basar gekauft, aber zwei sind besonders. Der eine hat einen runden braunen Stein mit einem winzigen Lapislazuli, der in seiner Mitte wirbelt. Er erinnert mich daran, wie wir alle miteinander verbunden sind. Auch das Schreiben hat mit Verbindungen zu tun ... Das Lustige ist, dass ich diesen Ring schon oft verloren habe, an verschiedenen Orten, aber er ist immer wieder zu mir zurückgekommen, wie ein Vogel, der den Weg nach Hause kennt. Den zweiten Ring hat ein Silberschmied für mich gemacht. Er besteht aus reinem Silber und hat eine kleine, süße, verborgene Öffnung. Der Verkäufer sagte, man könne darin einen geheimen Wunsch verstecken und ihn dort so lange aufbewahren, bis er in Erfüllung geht. Ich habe es noch nicht versucht. Aber vielleicht mache ich es eines Tages ...

Elif Shakafs Bücher spielen hauptsächlich in Istanbul. "Der Bonbonpalast" war in der Türkei ein Bestseller.