Sie ist kein Wunderwerk der Ingenieurskunst und architektonisch eine fragwürdige Angelegenheit in schmerzhaftem Hellblau. Sie hat keine Arabesken, keine Tore, keine sich schwingenden Stahlseile.

Istanbul , diese grandiose Stadt, hat schönere, gewagtere, längere Brücken, ja, aber nur vor dieser einen möchte man in die Knie gehen. Die Galata ist so hässlich wie großartig und trotz ihrer Funktionalität so ergreifend unbanal.

Auf der Galata stehend, eröffnet sich einem die ganze Pracht jener Stadt, die einmal Konstantinopel war, die Byzanz war, die Ostrom war. Wenn in der Abenddämmerung die Rufe der Muezzins von allen Hügeln herunterhallen und auf Bosporus und Goldenem Horn rechts und links der Brücke tausend Dampfer und Jollen und Frachter kreuzen, hat man hier den Logenplatz in der großen Istanbul-Oper.

Die Galata ist die Verdichtung dieser Metropole, die seit je eine Brücke schlägt zwischen den Epochen und Kulturen. Die Galata ist die Stadtbrücke der Brückenstadt. Sie löst das Entfernte auf und verbindet Unvereinbares: das Viertel Eminönü im sittenstrengen Stadtteil Fatih, in dem viele Scharia-Gläubige leben, und das Stadtviertel Karaköy im sinnenfrohen Beyoğlu , wo es nachts ausgelassener zugehen kann als in New York oder London. 

Die Galata ist aber selbst ein Stadtteil, eine Welt, eine Stimmung – auf zwei Stockwerken und 500 Meter Länge. Oben stehen oder sitzen die Hobbyangler, spießen die Köder auf und schleudern wie antike Speerwerfer unter Einsatz ihres ganzen Körpers die davoneilende Nylonschnur aufs Wasser, in der Hoffnung auf eine Meeräsche für die Liebste oder eine Bastardmakrele fürs Abendessen. Überall riecht es nach gebrannten Kastanien und gegrilltem Fisch, fliegende Händler knien auf ihren Teppichen, andere schieben ihre dreirädrigen Holzwagen mit Granatäpfeln durch die Menschenmasse, und wenn auf acht Spuren die Trucks hinüberbrettern, wird die Galata erschüttert und zittert und wackelt.


Im Untergeschoss, wo in den Restaurants, Teehäusern, Bars und Cafés die einheimische Jugend sitzt und mit dem Duft von roten Äpfeln versetzten Wasserpfeifentabak raucht, gibt es eine wie ein Schiffsbug sich ausbuchtende asphaltierte Fläche, an deren Geländer gelehnt jeden Abend Liebespaare Romantik vollziehen. So war es auch im November vor Jahren, als sie, das Kopftuch in den Böen flatternd, über seine Schulter aufs Wasser des Goldenen Horns blickte, und er, sie umarmend, ostwärts Richtung Bosporus stierte und – ja, ich habe es mit eigenen Augen gesehen – aufs Herzhafteste gähnte. Die Galata ist das Leben. Die Galata ist Istanbul.