ZEIT: Ich meinte eigentlich: Hat jemand für Sie die Arbeit geschrieben, zumindest in Teilen?

Guttenberg: Nein, wer sollte auch? Es gab in meiner unmittelbaren Umgebung keinen Juristen und niemanden, der sich mit der Materie befasst hätte. Das war ja ein Thema, mit dem ich immer wieder konfrontiert wurde – die europäische Verfassungsentwicklung, die Fragen des Gottesbezugs, haben mich in diesen Jahren politisch begleitet. Deshalb hatte ich immer wieder Ansatzpunkte, um zu sagen: Ich mach das Ding doch weiter! Ein wesentlicher Fehler war, dass ich mir nicht eingestanden habe, damit überfordert zu sein. Das hatte sicherlich auch mit Hochmut zu tun und mit einem gerüttelt Maß an Eitelkeit. All das ergibt eine ziemlich verheerende Kombination.

ZEIT: Ist Ihnen bewusst, dass selbst in Kreisen, die Ihnen wohlgesinnt sind, kaum jemand glauben kann, dass Sie Ihre Arbeit allein zusammengestöpselt haben?

Guttenberg: Ich habe davon gelesen, und natürlich ist mir in der damaligen Zeit das Schmunzeln vergangen. Aber man hätte wahrscheinlich darüber schmunzeln müssen: Ich habe den Blödsinn wirklich selber verfasst, und ich stehe auch dazu.

ZEIT: Sie würden auch unter Eid und vor Gott sagen, dass das niemand für Sie geschrieben hat?

Guttenberg: Ja, selbstverständlich. Das wiederum können meine Familie und mein unmittelbares Umfeld am allerbesten bezeugen.

ZEIT: Haben Sie vorsätzlich getäuscht?

Guttenberg: Das ist der Vorwurf, der mich am meisten trifft, ein Vorwurf, dem ich begegnen will und begegnen muss: Wenn ich die Absicht gehabt hätte, zu täuschen, dann hätte ich mich niemals so plump und dumm angestellt, wie es an einigen Stellen dieser Arbeit der Fall ist.

ZEIT: Oliver Lepsius, der Nachfolger auf dem Lehrstuhl Ihres Doktorvaters, hat Sie schlicht einen Betrüger genannt.

Guttenberg: Was bemerkenswert ist für einen Juristen. Es zeugt nicht von großer juristischer Kunstfertigkeit, einen Betrugsvorwurf zu zimmern, wenn jeder Jurist sofort weiß, es kann rechtlich kein Betrug sein, ganz egal, wie man zu Guttenberg steht. Ich war über diesen Herrn schon erstaunt.

ZEIT: Geht es hier wirklich um juristische Feinheiten?

Guttenberg: Entschuldigung, ein Verfassungsrechtler kann doch nicht nach landläufiger Form verurteilen, er sollte schon juristisch sauber bleiben. Ich habe ja eine juristische Arbeit geschrieben. Und niemand lässt sich gern Betrüger nennen, wenn es kein Betrug ist, was auch die Staatsanwaltschaft klar feststellt. Die ist allerdings auch unabhängig und nicht politisch getrieben.

ZEIT: Können Sie diesen fatalen Eindruck, den man von Ihnen gewonnen hat, wirklich nicht nachvollziehen? Sie sagen, Sie hätten chaotisch gearbeitet. Aber Ihre Arbeit ist flüssig geschrieben, systematisch gegliedert und enthält eine schlüssige Argumentation. Von Ihrem Doktorvater haben Sie dafür sogar die Bestnote bekommen. Wie passt das zusammen?

Guttenberg: Ich habe eben diese fatale Schwerpunktverlagerung vorgenommen, weg vom Detail, hin zum großen Ganzen, sodass die Arbeit in ihrer Gesamtheit einfach schlüssig dasteht. So bin ich auch mit all den Teilen der Arbeit umgegangen, die originär aus meiner Feder stammen. Auch an denen habe ich korrigiert. Wenn jemand ein Buch schreibt, korrigiert er am Ende noch mal an seinen Fragmenten herum. Aber in diesem unglaublichen Wust von selbst geschriebenen und fremden Fragmenten hätten die fremden Fragmente eben mit Quellenangaben sauber gekennzeichnet werden müssen.

ZEIT: »1218 Plagiatsfragmente aus 135 Quellen auf 371 von 393 Seiten« – das ist der letzte Stand der Internetplattform GuttenPlag Wiki.

Guttenberg: Ich möchte jetzt nicht meine wissenschaftlichen Fehler kleinreden, es sind viel zu viele. Aber es ist auch ein gewisses Maß an Kritikfähigkeit im Umgang mit solchen Plattformen vonnöten. Es ist schon ein Unterschied, ob man eine Stelle aus einem fremden Werk komplett übernimmt und den Autor dann nirgends auftauchen lässt oder ob man den Autor tatsächlich ins Literaturverzeichnis aufnimmt und ihn, wenn auch fehlerhaft, in den Fußnoten benennt. In diesem Fall haben Sie keine Täuschungsabsicht, sonst würden Sie den Autor doch gar nicht aufführen.

ZEIT: Die beiden Zwischenberichte, die bei GuttenPlag im Februar und im März 2011 veröffentlicht wurden, sind sehr differenziert; da werden zum Beispiel unterschiedliche Plagiatskategorien definiert und unverifizierte Fundstellen ausgewiesen. Vor allem sind Beispiele aus Ihrer Doktorarbeit für alle sichtbar dokumentiert. Wenn man sich eine Weile umgeschaut hat, dann fragt man sich, wie aus so vielen Puzzleteilen »aus Versehen« eine wissenschaftliche Arbeit entstehen konnte.

Guttenberg: Noch einmal: Wenn ich geschickt hätte täuschen wollen, hätte ich es vermieden, Textstellen so plump und so töricht in diese Arbeit zu übernehmen, dass sie sich für jeden betroffenen Autor sofort erschließen, der dann zum Beispiel einen Vergleich mit seinem Werk vornimmt, das im Literaturverzeichnis sogar benannt ist. Wer die ersten Zeilen seiner Einleitung komplett aus einem Zeitungsartikel abschreibt, dann aber gleichzeitig so doof ist, die Autorin dieses Textes im Literaturverzeichnis zu benennen, der handelt nicht absichtlich, sondern aus Überforderung und weil er den Überblick verloren hat!

ZEIT: Sie sprechen jetzt von der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig. Sie hat 1997 einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht, in dem es um die Frage ging, ob der amerikanische Weg zur Union ein Vorbild für Europa sein könne. Sie lassen Ihre Dissertation mit dem leicht veränderten ersten Satz dieses Artikels beginnen, auch auf der zweiten Seite Ihrer Einleitung und später im Text tauchen Sätze von Frau Zehnpfennig auf.

Guttenberg: Wenn ich hätte täuschen wollen, dann hätte ich den Teufel getan und diese Autorin im Literaturverzeichnis benannt, oder ich hätte wenigstens den Text signifikant umgeschrieben. Das haben ja auch viele meiner Kritiker gesagt: Wenn der Mann einen Rest an Intelligenz hat, dann hätte er anders getäuscht.

ZEIT: Ist die Wahrscheinlichkeit denn so groß, dass so etwas auffliegt? In Ihrem Fall musste erst der Rechtswissenschaftler Andreas Fischer-Lescano kommen und sich Ihre Arbeit vornehmen.

Guttenberg: Ja, die Wahrscheinlichkeit ist relativ groß, dass die Dissertation eines Abgeordneten, die in einem renommierten Verlag erschienen ist, irgendwann zum Beispiel einer Frau Zehnpfennig in die Hände fällt – allein schon, weil sie ja mit dem Thema befasst ist! Und sie wäre doch die Erste gewesen, die über die Einleitung stolpert. Dann würde sie hinten im Literaturverzeichnis nachschauen und sich selbst dort finden.

ZEIT: 1999, als Sie mit Ihrer Doktorarbeit begannen, waren das Internet und seine Suchmaschinen noch nicht so verbreitet wie heute. Da war einem vielleicht noch nicht klar, dass in nur wenigen Jahren jeder Nutzer mit relativ einfachen Mitteln zum Plagiatsjäger werden kann.

Guttenberg: Na ja, in den Jahren 2005 und 2006, als die Arbeit abgeschlossen wurde, war das sehr wohl bekannt.

ZEIT: Wenn Sie nicht die Absicht hatten, Ihre Quellen zu verschleiern, warum haben Sie in den Zitaten dann immer wieder einzelne Wörter verändert?

Guttenberg: Das ist schlicht der Schlussredaktion geschuldet. Wenn man am Ende sagt, man möchte eine Arbeit als großes Ganzes abliefern, und man hat über die Jahre unterschiedlichste Fragmente zusammengestellt, dann geht man da zum Schluss eben noch mal sprachlich drüber, wie über einen Aufsatz.

ZEIT: Ging es Ihnen nicht eher darum, die Quelle leicht zu verfremden?

Guttenberg: Unsinn! Wenn ich etwas verschleiern wollte, würde ich es so verfremden, dass es niemand merkt. Das dürfen Sie mir durchaus zutrauen.

ZEIT: Sie bleiben bei der Verteidigungslinie, die Sie schon im Februar und März dieses Jahres verfolgt haben: Sie reden von einem Fehler,...

Guttenberg: ...von einem ungeheuerlichen Fehler. Das ist doch keine Verteidigungslinie, sondern ein Eingeständnis!