ZEIT: ...aber nie von einem Plagiat.

Guttenberg: Nein, weil es auch nicht ein Plagiat ist. Ich habe nicht einfach das ganze Buch eines anderen abgeschrieben und zu meinem Buch erklärt.

ZEIT: Was ist Ihre eigene Lebenserfahrung: Unter welchen Umständen kann man eine Entschuldigung annehmen?

Guttenberg: Wenn man das Gefühl hat, dass der andere es ernst meint. Und dann ist es kein Können, dann ist es in meinen Augen ein Müssen.

ZEIT: Haben Sie schon mal eine Entschuldigung nicht angenommen?

Guttenberg: Ja, das ist mir zweimal passiert, im Privaten. Ich hatte in beiden Fällen zunächst nicht das Gefühl, dass die Entschuldigungen von Herzen kamen. Aber nach einem klärenden Gespräch habe ich sie doch angenommen.

ZEIT: Sind Sie in den acht Monaten seit Ihrem Rücktritt zu keinen anderen Erkenntnissen über Ihre Arbeit gekommen?

Guttenberg: Natürlich hatte ich mittlerweile Zeit, mich mit dieser Arbeit auseinanderzusetzen. Da muss ich zu dem Schluss kommen: Ich habe mit dem Abfassen dieser Doktorarbeit die, noch mal, denkbar größte Dummheit meines Lebens begangen. Das bedauere und bereue ich von Herzen.

ZEIT: »Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang« – kennen Sie diesen Vers aus Schillers Glocke?

Guttenberg: Ja. Da ist viel Wahres und Richtiges dran. Reue kann man nicht eben mal so abschütteln, das geht nicht. Und das sollte man auch nicht tun. Aber man kann damit beginnen, die Dinge innerlich abzuarbeiten. Dass ich die härtesten persönlichen Konsequenzen gezogen habe, war ein erster Schritt in diese Richtung.

ZEIT: Sie meinen Ihren Rücktritt von allen Ämtern?

Guttenberg: Ja, aber auch den Entschluss, mit meiner Familie zunächst einmal woanders einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Das ist ja nichts, was wir nur jubelnden Herzens machen, gerade wenn man so fest in seiner Heimat verwurzelt ist wie wir.

ZEIT: Warum können Sie, acht Monate danach, nicht einfach sagen: Ich habe abgeschrieben?

Guttenberg: Ich sage es doch. Es ist nur eine Frage, wie man das sagt. Weil es ein Unterschied ist, ob man das absichtlich macht oder ob das Abschreiben das fatale Ergebnis einer chaotischen und ungeordneten Arbeitsweise ist. Das ist für mich ganz wichtig, weil es auch etwas mit der eigenen Ehre zu tun hat.

ZEIT: Wenn Sie sich eingestehen müssten, dass Vorsatz bestanden hat...

Guttenberg: ...dann würde ich es sagen!

ZEIT: Wäre das für Sie nicht das Ende jeder öffentlichen Ambition?

Guttenberg: Ein solcher Fall kann immer das Ende öffentlicher Ambitionen sein, Vorsatz hin oder her. Aber wenn ich wüsste, dass ich das absichtlich gemacht hätte, würde ich dazu stehen. So bin ich auch erzogen worden.

ZEIT: Fehler immer zuzugeben?

Guttenberg: Ja. Ich habe auch immer versucht, das in meiner politischen Laufbahn zu tun.

ZEIT: Haben Sie sich in diesen Monaten irgendwann mal unter der Bettdecke die Frage gestellt, ob Sie nicht auch einer Selbsttäuschung unterliegen könnten?

Guttenberg: Selbstverständlich ist das eine Frage, die man sich stellt, wenn man flächendeckend als Lügner und Betrüger bezeichnet wird. Und umso genauer muss man sich überprüfen. Ich komme aber zu dem Ergebnis, das ich Ihnen gerade erläutert habe. Auch das ist wahrlich kein Ruhmesblatt. Ganz nüchtern betrachtet, glaube ich auch, dass ich es mir leichter machen würde, wenn ich mich hinstellte und sagte: Ich habe das absichtlich gemacht. Dann würde nämlich, nach allen Regeln dieses Geschäfts, irgendwann der Vorhang fallen und die Sache als abgeschlossen gelten. Mit der Erklärung, die ich abgegeben habe und die für viele holprig klingen mag, mache ich es mir sicherlich schwerer.

ZEIT: Ist es Ihnen wichtig, in Zukunft als ein aufrichtiger Mensch zu gelten?

Guttenberg: Ja, natürlich, ich glaube, das ist jedem Menschen wichtig. Das ist auch der Grund dafür, dass ich Absicht auch zugegeben hätte, wenn ich sie denn gehabt hätte.

ZEIT: Kann jemand, der Aufrichtigkeit und Geradlinigkeit zu seinen Markenzeichen gemacht hat, überhaupt zugeben, dass er nicht aufrichtig und geradlinig gehandelt hat?

Guttenberg: Gerade dann muss er es zugeben.

ZEIT: Ist das kein Dilemma?

Guttenberg: Nein, das ist der Anspruch an mich selbst, einen Fehler, den ich gemacht habe, auch offen zu benennen.

Der Skandal

ZEIT: Wie beurteilen Sie heute Ihre Äußerungen in jenen Tagen im Februar 2011?

Guttenberg: Das Krisenmanagement dieser Tage war verheerend.

ZEIT: Wie kam es dazu? Sie haben es doch immer so gut verstanden, mit den Medien und der Öffentlichkeit umzugehen!

Guttenberg: Es war eine Zeit, in der ohnehin relativ hoher politischer Druck herrschte, und die Wucht dieser Welle hat mich voll getroffen. Plötzlich bekam ich die volle Breitseite ab, auch von denjenigen, die mich schon immer attackieren wollten und es jetzt konnten. Überraschung und Ohnmacht haben sicherlich dazu geführt, dass ich teilweise völlig falsch reagiert habe. Eigentlich habe ich in diesen Tagen immer die falsche Option gewählt.

ZEIT: Wie haben Sie die Chronologie der Affäre in Erinnerung?

Guttenberg: Ich war auf Dienstreise in Polen und bekam mittags eine Meldung von meinem Sprecher. Es hieß, es seien Unregelmäßigkeiten in meiner Doktorarbeit aufgetaucht, die Süddeutsche Zeitung räume mir bis 15 Uhr Zeit für eine Stellungnahme ein. Das war ein Ultimatum, das zumindest grenzwertig war: Auf einer Dienstreise in so kurzer Zeit auf so etwas zu reagieren ist schlicht unmöglich.

ZEIT: Waren Sie beunruhigt?

Guttenberg: Nein, ich habe mir keine weiteren Gedanken gemacht. Ich dachte, im Zweifel ist das jetzt so eine Revolvergeschichte. Wie gefährlich die Sache war, habe ich erst am nächsten Tag verstanden, als die Geschichte lang und breit auf der Seite zwei der Süddeutschen Zeitung aufgemacht war. Das war am Mittwoch, dem 16. Februar. Da befand ich mich gerade kurz vor der Abreise nach Afghanistan.

ZEIT: Diese Reise war schon länger geplant gewesen?

Guttenberg: Ja, diese Reise war schon länger geplant. In Afghanistan wurde mir dann immer wieder berichtet, wie sich die Geschichte der SZ zum Selbstläufer entwickelte. Als ich hörte, dass auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung aufgesprungen war und online über die Sätze von Frau Zehnpfennig im ersten Absatz meiner Einleitung berichtete, war ich wie vom Donner gerührt. Da habe ich gedacht: Das kann doch nicht wahr sein! Das hat mich dazu gebracht, mich unmittelbar nach meiner Rückkehr mit der Bundeskanzlerin in Verbindung zu setzen.

ZEIT: Es war Ihr Wunsch, sich mit ihr zu treffen?

Guttenberg: Ja. Ich habe ihr in diesem Gespräch meinen Rücktritt angeboten. Das war am Donnerstagabend, einen Tag nachdem diese Vorwürfe öffentlich wurden.

ZEIT: Warum wollten Sie zurücktreten, wenn Sie sich doch keiner Schuld bewusst waren?

Guttenberg: Weil ich das Gefühl hatte, dass die Sache eine Dynamik bekommt, der ich nach all den Angriffen der vorangegangenen Wochen nicht mehr gewachsen sein würde, und ich auch meine Familie aus der Schusslinie nehmen wollte. Ich war mir nur zu bewusst, dass dieser Fall, wie man im Medienjargon so schön sagt, ein unglaublicher Aufreger ist und dass er wahrscheinlich eine lange Spur ziehen wird. Ich hatte das Gefühl, da kulminiert jetzt alles, was in den Monaten zuvor vorgefallen ist, Kundus, Gorch Fock, der Druck wegen der Bundeswehrreform, da folgt jetzt ein Vorwurf auf den anderen. Mein Rücktrittsangebot wurde aber abgelehnt.