ZEIT: Der Film wird bereits jetzt mit Schtonk! verglichen, und da geht es immerhin um die größte Fälschungsgeschichte in der Geschichte des deutschen Journalismus. Befürchten Sie nicht, dass man für gewisse Aufgaben nicht mehr infrage kommt, wenn man Gegenstand einer solchen Satire geworden ist?

Guttenberg: Das kommt wahrscheinlich darauf an, wie man selbst darauf reagiert. Das Schöne ist ja, dass eine Satire eine Überspitzung ist und dass es hinter der Überspitzung auch noch einen normalen Menschen gibt. Und dieser Mensch zu sein, werde ich mir von einem Film gewiss nicht nehmen lassen.

ZEIT: Sie können jetzt schon ausschließen, dass Sie rechtlich gegen dieses Filmprojekt vorgehen werden?

Guttenberg: Aber ja! Als Politikschaffender durfte ich ja bereits Objekt der wildesten Werke von mehr oder weniger begabten Kabarettisten sein. Das muss man ertragen und, wenn es gut ist, genießen.

ZEIT: Das heißt, Ihr Lieblingsspruch »Wenn man bis zum Hals im Wasser steht, sollte man den Kopf nicht hängen lassen« trifft inzwischen auf Sie zu?

Guttenberg: Ja, sehr sogar, und ich bin offensichtlich noch nicht abgesoffen. Natürlich war ich in einer Situation, die man keinem Menschen wünscht. Ich musste für mich selbst eine Form des Umgangs mit den Erlebnissen finden. Das habe ich jetzt getan. Die Reaktionen so vieler Menschen nach dem Rücktritt waren ungemein ermutigend.

ZEIT: Gibt es nicht auch Menschen, die Sie auf der Straße kritisieren oder aggressiv angehen?

Guttenberg: Ich habe lediglich ein Mal eine aggressive Bemerkung zugerufen bekommen, das war beim Bon-Jovi-Konzert im Juni 2011 in München. Einer hat hinten laut »Betrüger« gerufen. So was trifft, das steht außer Frage. Das war aber die einzige negative Reaktion, die ich in der direkten Begegnung erfahren habe.

ZEIT: Kaum zu glauben!

Guttenberg: Ja, das hat mich auch erstaunt. Das, was ich über mich lesen und sehen durfte, hätte eigentlich andere Reaktionen hervorrufen müssen. Aus der Ferne gab es das auch: Es kamen einige sehr wüste schriftliche Reaktionen, insbesondere anonyme E-Mails, die teilweise jedes Maß überschritten haben. Ich habe Morddrohungen erhalten, und selbst meine Familie ist sehr hart angegangen worden. Man kann sich, glaube ich, vorstellen, was das bei Kindern auslöst.

ZEIT: Wie war das?

Guttenberg: An ihrer Schule in Berlin wurden sie großartig geschützt, aber natürlich nicht vor den Äußerungen anderer Kinder. Und immer dann, wenn sie die Schule verließen, wurden sie mit der Sache konfrontiert. Der Gipfel war aber eine andere Geschichte: Als meine ältere Tochter für das kommende Jahr auf eine andere Schule wechseln wollte, bekamen wir einen Brief von der Vorsitzenden eines Elterngremiums, in dem stand, dass das Kind auf der Schule nicht erwünscht sei.

ZEIT: Mit welcher Begründung?

Guttenberg: Das wurde mit dem Vorwurf der Unglaubwürdigkeit des Vaters begründet. Das sind Beweggründe und Zustände, von denen wir in Deutschland eigentlich glaubten, sie überwunden zu haben.

ZEIT: Wie geht es Ihnen jetzt?

Guttenberg: Die momentane Distanz zu den Dingen ist wohltuend. Ich hatte natürlich auch mit einer sehr schweren inneren Erschütterung umzugehen.

ZEIT: Wann ist denn die Entscheidung gereift, in die Vereinigten Staaten zu gehen?

Guttenberg: Im Laufe des Frühjahrs.

ZEIT: Also relativ schnell?

Guttenberg: Ja, allerdings unter Abwägung einiger schöner Optionen, die es gab. Berufliche Angebote, die mich in andere Teile dieser Welt geführt hätten, bis ins ferne Asien.

ZEIT: Was waren das für Angebote?

Guttenberg: Das waren interessante Angebote aus der Wirtschaft. Es gab aber auch Angebote von NGOs, sogar aus der akademischen Welt, erstaunlicherweise.

ZEIT: Auch aus Deutschland?

Guttenberg: Es gab und gibt auch aus Deutschland Angebote, ja.

ZEIT: Sie haben alle Angebote abgelehnt?

Guttenberg: Ja.

ZEIT: Was sagt denn Ihre innere Uhr, wie lange bleiben Sie in den USA?

Guttenberg: So lange, wie es meiner Familie und mir Freude macht.

ZEIT: Es gibt keinen Termin?

Guttenberg: Ich terminiere gerade gar nichts.

ZEIT: Es steht aber fest, dass Sie wieder nach Deutschland zurückkommen?

Guttenberg: Deutschland ist meine Heimat. Dort bin ich fest verwurzelt. Und ich bin viel zu verliebt in diese Heimat, als dass ich ihr einfach so den Rücken kehren könnte.

ZEIT: Wollen Sie sich nach einer Rückkehr auch wieder politisch engagieren?

Guttenberg: Ob eine Rückkehr mit einem politischen Engagement welcher Art auch immer verbunden sein wird, ist heute gänzlich offen. Dass ich ein politischer Mensch, ein Zoon politikon, bleibe, steht außer Frage.

ZEIT: Wenn Sie sich ganz neu ausrichten wollten, hätten Sie wahrscheinlich auch eins der Angebote aus der Wirtschaft angenommen.

Guttenberg: Vielleicht mache ich es auch noch.

ZEIT: Was Sie gar nicht müssen.

Guttenberg: Das stimmt, ich bin in der erfreulichen Situation, finanziell unabhängig zu sein. Aber daraus erwächst weiterhin eine gewisse Verpflichtung, zumindest den Mund aufzumachen zu Dingen, die künftige Generationen betreffen. Und es gibt einfach genug, woran es in unserem Land weiterhin dramatisch hapert und wo mitunter Mutlosigkeit, ja sogar Feigheit in der Herangehensweise bei notwendigen Veränderungen festzustellen ist. Ich werde mich sicherlich weiterhin äußern. Ob das mit einer politischen Position verbunden sein wird, muss die Zeit zeigen. Es ist jedenfalls viel zu früh, um heute zu sagen, ob, wann, wie, in welchem Umfang und in welcher Umgebung ich wieder in die Politik zurückkehre.

ZEIT: Unter welchen Umständen könnten Sie sich denn eine Rückkehr in die deutsche Politik vorstellen?

Guttenberg: Bisher ist ja fast jeder mit dem Ansinnen gescheitert, politische Geschehnisse vorherzusagen. Das gilt auch für mich. Ich bin zur Tagespolitik auf Distanz gegangen und kann mich wieder etwas mehr mit den größeren Zusammenhängen befassen.

ZEIT: Und dann eines Tages in ein Amt zurückkehren?

Guttenberg: Noch einmal: Ich schließe nichts aus, aber es gibt bislang keine konkrete Intention. Aber ich werde mit Sicherheit in mein Heimatland zurückkehren und ein politischer Kopf bleiben.

ZEIT: Ist das auch vor der Wahl im Jahr 2013 denkbar?

Guttenberg: Das ist so eine klassische Frage, wie man sie von Günther Jauch gestellt bekommen würde.

ZEIT: Und was würden Sie Herrn Jauch dann sagen?

Guttenberg: Er würde etwa folgende politische Antwort bekommen: Das Jahr 2013 wird vielen anderen die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Warum sollte ich vorauseilend über Schweißperlen sprechen?

ZEIT: Sie schließen also eine politische Rückkehr nach Deutschland vor 2013 aus?

Guttenberg: Es gibt nichts Langweiligeres für einen ehemaligen Politiker, als auf Ausschlussfragen zu antworten. Ich hatte gehofft, dass das neue Leben neue Fragen zu bieten hat.

ZEIT: Sie halten sich alles offen.

Guttenberg: Ja.

Mitarbeit: Jan Patjens