Lohnstillstand Ein verlorenes Jahrzehnt?

Die Löhne sind kaum gestiegen, klagt der DGB. Trotzdem haben die Arbeitnehmer in Deutschland profitiert.

Glaubt man dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), so waren die vergangenen zehn Jahre eine Katastrophe. In keinem anderen Industrieland entwickelten sich die Löhne so schlecht wie in Deutschland. Kaum irgendwo sonst breitete sich der Niedriglohnsektor so rasant aus. Das ist die Kernbotschaft eines »Verteilungsberichts«, den der DGB Mitte dieser Woche veröffentlichte.

Er passt zu anderen Meldungen. Da beklagten Berliner Ökonomen ein Jahrzehnt ohne Reallohn-Zuwachs, da begehrten sogar CDUler auf und forderten einen allgemeinen Mindestlohn. Offenbar ist es höchste Zeit, eine verhängnisvolle Entwicklung zu stoppen.

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So scheint es. Tatsächlich basiert dieses düstere Bild zumindest zum Teil auf einer verzerrten Sichtweise.

Erstens: Der DGB und andere schauen häufig nur auf den Durchschnittslohn. Der stieg in der Tat jahrelang kaum an. Doch dahinter steckt auch eine positive Entwicklung: Zu den normal bezahlten Jobs sind viele geringer entlohnte Stellen neu hinzugekommen. Dadurch fanden mehr Menschen eine Arbeit, und dabei wurde zuletzt auch die Summe aller Löhne wieder größer (selbst wenn der Durchschnittslohn stagnierte).

Zweitens: Die vergangenen zehn Jahre zerfallen bei genauerem Hinschauen in zwei Hälften. Wirklich katastrophal waren die Jahre bis 2005/06. In dieser Zeit stieg der durchschnittliche Tariflohn zwar an, gleichzeitig breiteten sich aber Arbeitslosigkeit und Niedriglöhne extrem aus. Die Sozialversicherungen drohten auszubluten, weil Millionen sozialversicherte Stellen verloren gingen. Die Summe aller Löhne stagnierte fünf Jahre lang. Ausgerechnet nach Inkrafttreten der Hartz-IV-Arbeitsmarktreform änderte sich das Bild: Seitdem entstehen wieder mehr Jobs, auch gering bezahlte, der Anteil der Niedriglohnstellen nimmt aber nicht mehr zu. Die Lohnsumme wächst im Trend wieder (in diesem Jahr voraussichtlich um stattliche 4,6 Prozent), und die Sozialkassen haben zwei Millionen Einzahler zurückgewonnen. Weil sich die Kassen wieder füllen, können sogar die Rentenbeiträge gesenkt werden. Auch der Fiskus profitiert von kräftig steigenden Steuereinnahmen. Kurzum: Deutschland hat eine harte Zeit hinter sich, ist aber jetzt auf dem richtigen Weg.

Eine Umkehr wäre daher widersinnig, Kurskorrekturen sind dennoch richtig: ein vorsichtig eingeführter Mindestlohn, der Auswüchse im Niedriglohnsektor begrenzt. Schranken gegen den Missbrauch der Zeitarbeit. Die Politik allein trägt aber nicht die Verantwortung für die Lohnentwicklung. Entscheidend sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer, dazu gehören auch die Gewerkschaften und der DGB. Wo immer möglich, sollten Arbeitnehmer selbstbewusst ihren Anteil fordern. In einigen Branchen ist das sehr schwer, keine Frage. Aber so mancher Angestellte neigt heute dazu, über ungerechte Löhne zu klagen, ohne selbst – etwa als Mitglied einer Gewerkschaft – für eine bessere Entlohnung zu kämpfen. Das ist aber nötig, um langfristig deutlicher steigende Löhne zu erreichen.

 
Leser-Kommentare
  1. Nur haben die meisten Wertschöpfer trotzdem nichts vom steigenden Wohlstand im Lande.

    Sondern das landet bei den Abschöpfern und Absahnern.

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    Allen voran Energie und Miete.

    Allen voran Energie und Miete.

  2. 2. Genau!

    Allen voran Energie und Miete.

    Antwort auf "Wie schön"
    • kinnas
    • 25.11.2011 um 11:53 Uhr

    "Der DGB und andere schauen häufig nur auf den Durchschnittslohn."
    Auch die Hochverdienenden Manager mit drin?
    Weil wenn alleine 1 Manager 1 Mio mehr verdient pro Jahr, können gleichzeitig 100000Menschen 10€ weniger verdienen und der Gesamtverdienst bleibt gleich. Wenn mann dann schaut, daß die Gehälter in den hohen Bereichen vom 10-fachen vom Arbeiter zum 1000 fachen und mehr vom Arbeiter gestiegen ist, dann ist der Artikel quatsch. Daher meine obige Frage, welche ich wirklich sehr gerne beantwortet hätte.

    Ohne diese Hintergrundinformation finde ich auch, daß solche Artikel wirklich NULL Aussagekraft haben, weil niemand weiß, was eigentlich die Aussage ist und wie hoch der tatsächliche Wahrheitsgehalt ist.

    14 Leser-Empfehlungen
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    Sehr geehrter "kinnas",
    in der Lohnsumme sind auch Chefgehälter (genauso wie im Durchschnittslohn, auf den der DGB guckt). Die Manager-Löhne, zu denen ich keine Statistiken kenne, haben also einen Einfluss. Dass sie die von mir beschriebene Entwicklung erklären, glaube ich allerdings nicht. Nur ein paar Indizien: Die Raffgier mancher Manager gibt es als Phänomen ja schon seit über 10 Jahren; darüber habe ich schon zu Zeiten der „New Economy“ geschrieben. Aber wie soll sie erklären, dass die Lohnsumme fünf Jahre (!), zwischen 2000 und 2005, nahezu unverändert blieb (nach Abzug der Inflation sank) und danach wieder stieg (mit einer kurzen Unterbrechung in 2009)? Hatte die Selbstbedienungsmentalität einen Aussetzer? Da liegt es näher zu vermuten, dass die Trendwende etwas damit zu tun hat, dass vor 2005 massenhaft Arbeitsplätze verlorengingen und danach allein 2 Mio sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse entstanden sind. Davon nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes übrigens mehr als 1 Mio Vollzeitstellen mit unbefristetem Arbeitsvertrag (und ohne Leiharbeit). Die Zahl dieser „Normaljobs“, die jahrelang zurückging, wächst seit fünf Jahren also wieder.

    Sehr geehrter "kinnas",
    in der Lohnsumme sind auch Chefgehälter (genauso wie im Durchschnittslohn, auf den der DGB guckt). Die Manager-Löhne, zu denen ich keine Statistiken kenne, haben also einen Einfluss. Dass sie die von mir beschriebene Entwicklung erklären, glaube ich allerdings nicht. Nur ein paar Indizien: Die Raffgier mancher Manager gibt es als Phänomen ja schon seit über 10 Jahren; darüber habe ich schon zu Zeiten der „New Economy“ geschrieben. Aber wie soll sie erklären, dass die Lohnsumme fünf Jahre (!), zwischen 2000 und 2005, nahezu unverändert blieb (nach Abzug der Inflation sank) und danach wieder stieg (mit einer kurzen Unterbrechung in 2009)? Hatte die Selbstbedienungsmentalität einen Aussetzer? Da liegt es näher zu vermuten, dass die Trendwende etwas damit zu tun hat, dass vor 2005 massenhaft Arbeitsplätze verlorengingen und danach allein 2 Mio sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse entstanden sind. Davon nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes übrigens mehr als 1 Mio Vollzeitstellen mit unbefristetem Arbeitsvertrag (und ohne Leiharbeit). Die Zahl dieser „Normaljobs“, die jahrelang zurückging, wächst seit fünf Jahren also wieder.

  3. ...vorallem für die, die einen Job gefunden haben, was wieder Gut für alle ist, denn aus einem Arbeitslosen wurde ein Steuerzahler.
    Aber das bringt den Durchschnittsdeutschen garnichts weil, selbst wenn Vollbeschäftigung herrschen würde, die Steuern trotzdem nach oben gingen weil die Staatsschulden zu hoch sind.
    Die (tatsächliche) Inflationsrate von 5% frisst seit Jahren den (wenn überhaupt) bescheidenen Lohnanstieg.

    In zehn Jahren, wenn man nicht weiß wie die Renten bezahlt werden sollen, die Staatsschulden um die 100% liegen, der Kaufwert des EURO um 30% weniger ist, sollte es ihn überhaupt noch geben, wird man in der Tat vom verlorenen Jahrzehnt sprechen.
    Dann haben fast alle einen Job verdienen aber nichts...

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    Die Zunahme der von der Kojunktur abhängigen Lonsumme hat überhapt keine Aussagekraft über die Lohnhöhe. Die mittleren Einkommen sind gemäss einer kürzlich publizierten Studie um 7% rückläufig (Zeitraum: 10 Jahre).

    Die Zunahme der von der Kojunktur abhängigen Lonsumme hat überhapt keine Aussagekraft über die Lohnhöhe. Die mittleren Einkommen sind gemäss einer kürzlich publizierten Studie um 7% rückläufig (Zeitraum: 10 Jahre).

  4. Sie machen sie sich nicht für Wohlstand den Buckel krumm, sondern für den Wirtschaftstandort Deutschland. Wie wäre es statt Geld dann mit einem Orden wie in der DDR?

  5. "Die Löhne sind kaum gestiegen, klagt der DGB."
    Wo e recht hat, hat er recht.

    "Glaubt man dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), so waren die vergangenen zehn Jahre eine Katastrophe"
    Man muss das dem DGB nicht glauben, das ist durch Studien belegt und bewiesen.

    "In keinem anderen Industrieland entwickelten sich die Löhne so schlecht wie in Deutschland. Kaum irgendwo sonst breitete sich der Niedriglohnsektor so rasant aus."
    Ein ehrliche Aussage.

    "Da beklagten Berliner Ökonomen ein Jahrzehnt ohne Reallohn-Zuwachs, (..) Offenbar ist es höchste Zeit, eine verhängnisvolle Entwicklung zu stoppen."
    Stimmt alles.

    "Tatsächlich basiert dieses düstere Bild zumindest zum Teil auf einer verzerrten Sichtweise."
    Tut es nicht. Es ist durch internationale Studien belegt und bewiesen.

    "sind viele geringer entlohnte Stellen neu hinzugekommen. Dadurch fanden mehr Menschen eine Arbeit, "
    Das Gleiche konnte man auch bei den Sklaven des 18. Jahrhunderts sagen: Besser Sklavenarbeit, als gar keine Arbeit.
    Vielleicht aber waren die Sklaven, dort wo man sie geraubt hatte, sehr viel glücklicher - auch ohne "amerikanische" Erwerbsarbeit. Immerhin waren sie so richtig auch nicht glücklich, das beweist der Sezessionskrieg.

    "und dabei wurde zuletzt auch die Summe aller Löhne wieder größer "
    Eine interessante Betrachtungsweise.
    Wenn man ca. 60 Mio. für 2 Euro arbeiten liesse, ergibt das mehr Lohnsumme als wenn man nur 20 Mio. für 5 Euro arbeiten läßt.

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  6. niedriglohnstelle ist der neusprech für moderne sklaverei. man zwingt menschen für einen hungerlohn (der ohne staatliche beihilfen nicht zum leben reichen würde), 40 std die woche mit arbeit zu verbringen. sorry, aber was hilft es, wenn mehr leute eine arbeit haben, aber der staat auch immer mehr beischiessen muss, damit man über die runden kommt. die reallohnentwicklung in deutschland über die letzten 10 bis 20 jahre ist ein witz, immer mehr leute werden in den niedrig- bis niedrigstlohnsektor gedrängt. und das soll ein fortschritt sein?

    • Lutz2
    • 25.11.2011 um 12:11 Uhr
    8. Satire

    Dieser Artikel ist ein paradebeispiel dafür wie man mit Statistik alles beweisen kann oder eben nicht.
    Noch ein paar Verdrehungen,Wortspiele zur Verblödung und alles ist prima,super und,und ....
    Wie "die Summe aller Löhne ist gestiegen" was für ein Sakasmus.
    Wenn ich in einer Firma die Löhne der Manager um das zehnfache erhöhe dann ist in dem Unternehmen auch die Summe aller Löhne gestiegen.
    Dieser Artikel ist ein typischer 1% Artikel der uns 99% vollkommen verblödsedieren soll.

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