Film "Der Gott des Gemetzels"Von schlimmen Eltern

Roman Polanski verfilmt Yasmina Rezas Komödie "Der Gott des Gemetzels". von 

Es gibt ein menschliches Wesen, welches im Drama schlimmer zu leiden hat als alle anderen: das Kind. Wenn ein Kind auf der Bühne erscheint, wird es vor allem dazu gebraucht, den Zustand der Erwachsenen zu zeigen; es ist unschuldig, deshalb werden die Alten es belügen, misshandeln, auslöschen. Vor 2500 Jahren, bei den alten Griechen: Medea ermordet ihre eigenen Kinder; vor 400 Jahren, bei Shakespeare: Macbeth vernichtet die Kinder Macduffs; kürzlich, 1965, im modernen Europa: Ein paar Jugendliche in Edward Bonds Schauspiel Gerettet steinigen ein Baby, das friedlich in seinem Wagen schläft.

Das Kind bleibt auf der Strecke; es ist das unverstrickte, reine Wesen, mit dem die Tragödie nichts anzufangen weiß – nichts anderes, als darüber hinwegzurollen.

Anzeige

Anders liegt der Fall in der Komödie. Hier wird den Kindern kein Haar gekrümmt, ja mehr noch: Die Komödie kann auf Kinder eigentlich verzichten, weil in ihr die Erwachsenen selbst die Unmündigen sind. Nehmen wir Yasmina Rezas berühmte Komödie Der Gott des Gemetzels . Hier ist ein Akt kindlicher Aggression zwar der Auslöser für alles Weitere. Aber dann sind die Kinder aus dem Spiel.


Ein Schuljunge hat seinem Kameraden im Brooklyn Bridge Park zwei Zähne ausgeschlagen. Die Eltern beider Kinder treffen sich zu Friedensverhandlungen, das Ehepaar Cowan (er Jurist, sie Anlageberaterin) besucht das Ehepaar Longstreet (er Eisenwarenhändler, sie angehende Schriftstellerin). Das Treffen findet in der Wohnung des "Opfers" statt, und die Eltern des Täters bringen Blumen. Dass die Eltern des Täters reicher sind und auf besseren Schulen gewesen sind als die Eltern des Opfers, macht die Sache heikel. Dass der Vater des Täterkindes sich als ein mit allen Wassern gewaschener Anwalt im Dienste finsterer Pharmakonzerne offenbart (sein Rat an die Mandanten: "Leugnen, leugnen, leugnen!"), während die Mutter des Opfers mit ihren Mitteln (aufrecht kochen, korrekt leben, nachhaltig handeln!) an der Rettung der Welt arbeitet, gibt dem Zusammentreffen eine giftige Note.

Die Kinowoche auf ZEIT ONLINE

Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts dieser Woche

The look of love (Großbritannien; Regie: Michael Winterbottom)
Chroniken der Unterwelt – City of Bones (USA; Regie: Harald Zwart)

Weitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten

Vergangene Filmwoche

Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts vergangenen beiden Wochen:

Feuchtgebiete (Deutschland; Regie: David Wnendt)
Kid-Thing (USA; Regie: David Zellner
Apple Stories (Deutschland; Regie: Rasmus Gerlach)

Weitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten

Ihre Rezension

Haben Sie diesen Film bereits gesehen? Wie hat er Ihnen gefallen? Oder hat Sie in letzter Zeit ein anderer Film besonders beeindruckt oder enttäuscht? ZEIT ONLINE freut sich auf Ihre Filmrezension. Auf dieser Seite können Sie Ihren Text verfassen. In unseren Leserartikel-FAQ erfahren Sie, wie Sie dabei vorgehen sollten.

Zu Beginn bestimmt eine fast demütige Zurückhaltung das Geschehen, man betritt den Kampfplatz, als wäre er ein heiliger Ort, an dem schon Größere sich bewährt haben: Man hat beste Absichten, die Dinge werden sich regeln lassen. Jedoch, der Firnis der Zivilisation ist dünn, man hört ihn in diesem Stück immerzu knistern und reißen, und jene Momente der Entzauberung müssen es gewesen sein, die den Regisseur Roman Polanski an Yasmina Rezas Stück fasziniert haben. Diese Rissgeräusche sind es, die Polanskis ganzes Werk durchziehen.

Geheimnisse kommen ans Licht: Der Anwalt, der auch jetzt, während seines Friedensbesuches, immerzu mit seinen Mandanten telefoniert, vertritt ausgerechnet jenes Pharmaunternehmen, dessen zweifelhaftes Produkt auch die Mutter des Eisenwarenhändlers einnimmt.

Vom stammesgeschichtlichen Standpunkt aus gesehen, bedeutet das: Die Familie Cowan attackiert nicht nur die kommende, sondern auch die abtretende Generation der Familie Longstreet. Aber auch das Wesen des arglosen Eisenwarenhändlers Michael Longstreet hat finstere Anteile: Gerade eben erst hat Michael den geliebten Hamster seines Jungen im Park ausgesetzt und damit dem sicheren Tod ausgeliefert, denn der Mann hasst kleine, possierliche Tiere.

Leserkommentare
    • keibe
    • 24. November 2011 21:07 Uhr

    "Es gibt ein menschliches Wesen, welches im Drama schlimmer zu leiden hat als alle anderen: das Kind. Wenn ein Kind auf der Bühne erscheint, wird es vor allem dazu gebraucht, den Zustand der Erwachsenen zu zeigen; es ist unschuldig, deshalb werden die Alten es belügen, misshandeln, auslöschen."

    diese Artikeleinleitung, sehr geehrter Herr Kümmel, hat Gschmäckle, wie der Schwabe zu sagen pflegt:

    "Die Filmwelt wird von der Realität eingeholt

    Mit der Verhaftung Roman Polanskis wird die Filmwelt von einem lange verdrängten Thema eingeholt. Bislang hat sich niemand mit der Schuld des Regisseurs beschäftigen wollen. Man trennte zwischen Mensch und Werk. Wie lange geht das noch gut? ... Denn in den vergangenen 32 Jahren haben sich in der Filmbranche nur wenige daran gestört, dass Roman Polanski ein von den USA gesuchter Straftäter ist, dem Kindesmissbrauch zur Last gelegt wird."

    http://www.stern.de/kultu...

    2 Leserempfehlungen
  1. Zu selten werden Filme über das wirkliche Leid von Kindern produziert.
    Meistens geht es nur um die Probleme der Erwachsenen.

    Eine Leserempfehlung
    • Obnivus
    • 25. November 2011 0:34 Uhr

    ...aber meine Meinung nach haben die Opfer des Täters nicht die Tulpen mitgebracht. Diese wurden in Brooklyn von den "Gastgebern" für 20$ gekauft...

    2 Leserempfehlungen
  2. ...ganz abgesehen von der schon vorgebrachten Kritik....

    Liebe Redaktion,

    ich versuche es möglichst direkt zu formulieren, die meisten Filmkritiken die man hier veröffentlicht neigen stark zur Schwafelei.
    Entweder sollte man sich überlegen diesen Umstand abzuschaffen in dem man keine Filmkritiken mehr schreiben läßt, oder den Artikeln etwas mehr Platz für Dinge einräumen die mit dem Film zu tun haben. Auch wenn der hier vorliegende Artikel nicht der "Schlimmste" seiner Art ist, so finde ich sehr viele Informationen die zu einer Filmkritik gehöhren einfach nicht.

    Beispiel: Gefühlte 1/5 des Artikels handelt von Christoph Waltz. Andere Schauspieler die eine Hauptrolle spielen sollten ebensoviel Raum im Artikel geboten werden. Wie spielt Kate? Macht Jodie ihr Sache gut?

    Nächstes Beispiel: Wie steht es um die Kamera Arbeit? Wer stand hinter der Kammera? Wer war für die Musik verantwortlich, oder gab es vieleicht keine? Wie sind die Schnitte und ist die Vertonung gelungen? Sitzen alle Pointen? Gibt es längen und schwächen?

    Letztes Beispiel: Der Artikel hat einen eigenen, relativ geschickten und langen Prolog (Drama/Kind + Komödie/Kind), der Prolog des Films war auch sehr geschickt und lieferte eine kleine Besonderheit. Taucht diese im Artikel auf? Nein!

    Eine Filmkritik muß kein Kunstwerk sein, sie beschreibt (bestenfalls) eines.

    Fazit: Etwas mehr butter bei die Fische würde nicht schaden. Das würde nicht zwangsläufig bedeuten das es sich nur um einen Krapfen handelt;).

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie haben Probleme .... warum lesen Sie Ihre Filmkritiken nicht woanders, wenn's Ihnen hier zu frei zugeht?

    Sie verlangen die Beschreibung von Schnitt oder Musik ... scheint beides gelungen, im Artikel werden ausreichend andere interessante Beobachtungen beschrieben. Den Rest können Sie doch auch in den Credits finden.

    "Eine Filmkritik muß kein Kunstwerk sein, sie beschreibt (bestenfalls) eines."

    Sie muss nicht, aber bestenfalls ist sie natürlich auch eins.

    (Denken Sie sich meine versehentliche Empfehlung bitte weg)

    Man muss keine Filmkritiken lesen, um Informationen über Schnitt, Kamera, Musik etc. zu bekommen, die man ja auch bei einem einfachen Klick auf die Homepage des Films oder der Multiplex-Kinos erhält. Gute Filmkritik ist mehr als eine bloße chronologische Nacherzählung oder die Benotung der Protagonisten à la Kicker-Bewertung der Bundeligaspieler. Kleiner Tipp: es gibt auch keine objektive Bewertung, ob 'Jodie ihre Sache gut macht'. Deshalb gehen Meinungen über Filme auch unter Kritikern weit auseinander, wobei die Formulierung , dass hier vier 'Großschauspieler' mit- bzw. gegeinander antreten, ja durchaus einen dezenten Hinweis auf die Leistungen gibt. Diese Besprechung macht Lust, sich den Film selbst anzusehen. Ihre Fragen können Sie sich dann alleine beantworten. Oder schauen Sie für die bloßen Infos doch einfach auf die Cinemaxx-Seiten.

    "eine bloße chronologische Nacherzählung oder die Benotung der Protagonisten à la Kicker-Bewertung der Bundeligaspieler"
    Hat niemand gefordert!!!

    Aber von einer guten Kritik hat man zu erwarten, das sie auch über die technische Umsetzung eines Films etwas schreibt und auf Eigenheiten des Films eingeht.
    Auch ist wohl so das die musikalische Untermalung eines Films extrem wichtig für die Wahrnehmung der Zuschauer im Kino ist.

    Und wenn eine objektive Bewertung nicht möglich sein soll, warum greifen sie dann nicht auch gleich den Autor des Artikels an, das er überhaupt eine Kritik zu einem Film geschrieben hat und (zurecht) Herrn Waltz so gelobt hat?

    Eine objektive Filmkritik zu schreiben ist natürlich so ziemlich unmöglich. Zuviele persönliche Eindrücke stehen dem im Wege. Aber gerade dieser Artikel ist ein Paradebeispiel für subjektive Schwafelei.

    Dass hier vier 'Großschauspieler' gegeneinander Antreten ist kein Hinweis darauf wie sie im Film gespielt haben.
    Es beschreibt mehr die Summe aller Leistungen aus ihren Vergangenen Filmen.

    Eine Jodi Foster überhaupt nicht direkt zu erwähnen ist da ein riesen Makel, ist es doch gerade sie die am Anfang vom Film Herrn Waltz gekonnt Parolie bietet.

    Das Kammeramann und Schnitttechnik nicht wichtig sind für einen Film, diese Meinung haben sie exclusiv. Schließlich wurde auch das Set lobend erwähnt. Alles dinge, die man bei einem Film relativ leicht objektiv berwerten kann.

    MfG

    • 2sheba
    • 25. November 2011 8:25 Uhr
    5. Oh je

    der Film ist super.
    Dass das ein Mensch dazu missbraucht, um durch gewolltes Schreiben glänzen zu wollen, ist sehr schade.

    Bitte lasst doch einfach einen Filmkritiker über den Film schreiben, der sich auf den Film konzentriert und nicht auf das eigene Ausschütten von Buchstaben, wie ein Salzstreuer.

    "die Eltern des Täters bringen Blumen"

    Nein. Die gelben Tulpen hat die Gastgeberin - Mutter des Opfers - vor dem Besuch noch gekauft. Das ist auch immer wieder Thema des Films. Wenn Ihnen dieses Detail nicht aufgefallen ist, gebe ich leider nicht viel auf die restliche Kritik.

  3. Sie haben Probleme .... warum lesen Sie Ihre Filmkritiken nicht woanders, wenn's Ihnen hier zu frei zugeht?

    Sie verlangen die Beschreibung von Schnitt oder Musik ... scheint beides gelungen, im Artikel werden ausreichend andere interessante Beobachtungen beschrieben. Den Rest können Sie doch auch in den Credits finden.

    "Eine Filmkritik muß kein Kunstwerk sein, sie beschreibt (bestenfalls) eines."

    Sie muss nicht, aber bestenfalls ist sie natürlich auch eins.

    (Denken Sie sich meine versehentliche Empfehlung bitte weg)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...Schnitt und Musik...beides gelungen. Woher entnehmen sie diese Information? Sicher nicht der Kritik!
    Das im Artikel auch andere (gute) Beobachtungen beschrieben werden bestreitet niemand, nur das außreichend sehe ich etwas anders.

    Warum ich es wage einen Artikel zu kritisieren?
    Nunja erstmal bin ich natürlich in Erfurcht erstarrt als ich den Artikel laß und wollte etwas Selbstgeißelung betreiben als ich merkte, das ich eine Kritik über eine Kritik schreiben wollte, habe es mir dann aber anders überlegt und die 9 schwänzige zur Seite gelegt.

    Ich denke ich wollte auf einen Mangel aufmerksam machen, der sich meiner Meinung nach durch sehr viele Zeitonline Filmkritiken zieht.

    Vieleicht interesiert es ja die Redakteure? Vieleicht liege ich auch daneben? Ist die Kommentar fuktion nicht auch für konstruktive Kritik gedacht? War ich überhaupt konstruktiv in meiner Kritik?

    Keine Ahnung! Aber warum erdreisten sie sich eigenlich meine Kritiker Kritik zu kritisieren? ;)

    (Denken Sie sich meine versehentliche letzte Frage bitte weg)

    MfG

  4. Man muss keine Filmkritiken lesen, um Informationen über Schnitt, Kamera, Musik etc. zu bekommen, die man ja auch bei einem einfachen Klick auf die Homepage des Films oder der Multiplex-Kinos erhält. Gute Filmkritik ist mehr als eine bloße chronologische Nacherzählung oder die Benotung der Protagonisten à la Kicker-Bewertung der Bundeligaspieler. Kleiner Tipp: es gibt auch keine objektive Bewertung, ob 'Jodie ihre Sache gut macht'. Deshalb gehen Meinungen über Filme auch unter Kritikern weit auseinander, wobei die Formulierung , dass hier vier 'Großschauspieler' mit- bzw. gegeinander antreten, ja durchaus einen dezenten Hinweis auf die Leistungen gibt. Diese Besprechung macht Lust, sich den Film selbst anzusehen. Ihre Fragen können Sie sich dann alleine beantworten. Oder schauen Sie für die bloßen Infos doch einfach auf die Cinemaxx-Seiten.

    • ludna
    • 25. November 2011 10:38 Uhr

    "Es ist der Europäer Christoph Waltz..."

    So weit ich weiss ist Kate Winslet Britin/ Engländerin. Gehört GB nicht mer zu Europa ? Oder bedeudet Europa in Neusprech nur EU. Dann gehört die schweiz also auch nicht zu Europa.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service