Ich tippe nach wie vor auf einen Messfehler. Wie kann das sonst sein, 7,38 Punkte auf der Zufriedenheitsskala? Mehr als die Bayern, mehr als die Berliner, mehr als alle anderen. Nirgendwo in Deutschland, sagt eine Studie aus dem Sommer, leben die Menschen so glücklich wie in Hamburg . Dabei werden sie erstickt von Schulden, finden keine bezahlbaren Wohnungen mehr, sind geschlagen mit der Elbphilharmonie , die immer noch mehr Millionen verschluckt und wohl zu meinen Lebzeiten nicht mehr eröffnet wird oder nur als Open-Air-Konzertsaal, weil die Wände das schwere Dach nicht tragen. Doch kann all das den Hamburger bekümmern? Er ist glücklich, er bleibt glücklich. Und dass er in Wahrheit nur fest die Augen zukneift, muss ja keiner wissen.

Es ist aber so: Viele Menschen in dieser Stadt machen sich etwas vor. Sie behaupten sogar, Hamburg sei schön. Und merken nicht, wie ihre Stadt in Hässlichkeit versinkt.

Ich arbeite in Hamburg, ich wohne hier, ich verstehe, warum viele Menschen für diese Stadt schwärmen. Jeden Tag fahre ich an der Alster entlang, die den Blick so wunderbar weitet, ich mag die vielen grünen Quartiere, die Fleete, erst recht die Erhabenheit der Elbe. Umso mehr quält mich, wie Hamburg sich systematisch selbst verschandelt.

Vor allem die Innenstadt ist in manchen Teilen kaum wiederzuerkennen. Überall wird abgerissen und saniert, überall drängen Bürohäuser empor, überall trifft man auf unsägliche Scheußlichkeiten. Selbst Hamburgs berühmte Silhouette mit den fünf Hauptkirchen ist vor der neuen Bauwut nicht mehr sicher. Von der Alster aus gesehen, schiebt sich nun vor die Türme von St. Petri und St. Jacobi ein bulliges Gebäude mit grellgrünem Kupferdach, die Europa-Passage, für die ein altes Kontorhaus weichen musste. Obendrauf lauter topfige Aufbauten, die aussehen, als hätte jemand seine grauen Baucontainer abgeladen und nach dem Richtfest dort vergessen. Viel dreister geht es kaum, als ausgerechnet an der Binnenalster, im Herzen der Stadt, solche Haustechnikkisten in die Dachlandschaft zu stellen.

Gut, ich versuche mich damit abzufinden, es ist ja auch keine Katastrophe, nur ein kleiner Baustein der Hässlichkeit. So etwas gibt es in jeder Stadt, man kann sich damit arrangieren, jedenfalls solange die hässlichen Bausteine nicht überhandnehmen. In Hamburg aber haben sie überhandgenommen.

Vor allem die vielen neuen Glas- und Stahlfassaden desinfizieren die Stadt, sie rauben ihr die Patina, alles soll möglichst glatt und sauber und schlank erscheinen, auch wenn die meisten dieser Bauten nichts ausstrahlen als kalte Beliebigkeit. Auf der ganzen Welt findet man solche Fassaden, sie haben mit dieser Stadt nichts zu schaffen, sie machen aus Hamburg eine Stadt ohne Charakter.

Und selbst dort, wo diese Glasbauten irgendwie originell sein wollen, so wie der neue Riesenwürfel gleich am Nikolaifleet, wo vor über 800 Jahren Hamburgs Aufstieg zur Hafenstadt begann, selbst dort packt mich die Wut. Lauter waagerechte Streifen überziehen die Fassade, vermutlich damit der Kubus nicht ganz so öde und einfallslos aussieht. Doch ist die »weiße Perle« (Maklerwerbung) nichts als eine städtebauliche Gemeinheit: Frech drängt sich der Bau ins Blickfeld, will auffallen um jeden Preis, und bleibt doch abweisend und unnahbar.