Architektur Schluss mit klotzig!
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Hamburger nehmen architektonische Dummheit nicht länger hin

Er hält auch nicht viel von einem Gestaltungsbeirat, wie es ihn lange gab. Es würden schon genug Gremien mitreden, sagt Walter. Und das »Kommunikationsproblem mit den Laien«, das könne man damit ohnehin nicht lösen. Immerhin hat er vor einem Jahr ein sogenanntes Innenstadtkonzept ausarbeiten lassen, das jetzt in mehreren Veranstaltungen diskutiert wird. Von Architektur ist in der dicken Broschüre allerdings kaum die Rede, es geht um »das Potenzial des Standorts«, den man »vollständig ausreizen« müsse. Es geht um »Verbindungspunkte und Bezugsräume«, es geht um »den Lauf«, der gestärkt werden müsse. Das Konzept ist abgefasst in der Sprache von Technokraten. Mit denselben trostlosen Begriffen könnten sie ein Konzept für ein marodes Einkaufszentrum schreiben.

Ein bisschen mehr Wohnen, ein bisschen mehr Einzelhandel, einige zusätzliche Designer-Möbel – mehr scheint die Innenstadt nicht zu brauchen. Das Wort Schönheit scheinen die Planer nicht zu kennen, es kommt in ihrem Konzept nicht vor. Dafür steht dort: »Die Gestalt einer Stadt gibt seit jeher Auskunft über ihre äußere, aber auch über ihre innere Verfasstheit.« Wenn das stimmt, dann steht es um Hamburg noch schlechter, als ich dachte. Dann lässt sich die Schuld an all den Scheußlichkeiten der letzten Jahre nicht einfach den Architekten und Stadtplanern und pfennigfuchsenden Bauherren zuschieben. Denn mit der »inneren Verfasstheit« sind ja wir alle gemeint. Wenn die Gestalt einer Stadt zerfällt, wenn ihr jeder Zusammenhalt abhandenkommt, dann liegt das eben auch daran, dass sich die Menschen hier nicht mehr verbunden fühlen, dass ihnen ihre Stadt gleichgültig wird, dass sie allenfalls noch shoppen wollen, aber nicht in wunderbaren Geschäften wie Handschuh Schaffner oder Uhren Schmoller (die denn auch verschwunden sind), sondern bei H&M, bei Benetton und bei all den anderen Ketten, die es überall gibt und die genauso auswechselbar sind wie die Architektur, in der sie sich einmieten.

Und doch mag ich so recht noch nicht daran glauben, dass Hamburg hoffnungslos verloren ist, architektonisch zerrüttet wie Köln oder Stuttgart oder Hannover. Denn wenn mich nicht alles täuscht, steht es um die innere Verfasstheit zumindest ein wenig besser als um die äußere Erscheinung. In letzter Zeit wollen viele Hamburger nicht länger die Augen zukneifen, sie schauen hin und beginnen sich zu wehren. Das war so, als die gotische Katharinen-Kirche hinter geschichtsvergessenen Büro- und Wohntürmen verschwinden sollte und sich viele Bürger fanden, die dagegen aufbegehrten. Es war auch so, als es um die Rettung des Gängeviertels ging. Über Jahre hatte die stadteigene Saga GWG das kleine Restquartier aus dem 17. bis 19. Jahrhundert vernachlässigt, viele Bauten waren kaum mehr zu retten. Später wäre dort fast eine Luxusresidenz entstanden, hätten nicht einige Künstler gegen den städtebaulichen Zynismus aufbegehrt und die Ruinen besetzt. Rasch fanden sie in Hamburg großen Rückhalt. Und seither gibt es das Netzwerk »Recht auf Stadt«, und es diskutieren nicht mehr nur die üblichen Architekten und Stadtplaner über Hamburgs Zukunft. Jetzt ergreifen auch Menschen das Wort, die lange in der Stadt leben, sie aber bislang nicht als die ihre begriffen. Etliche Initiativen haben sich gegründet, geeint in dem Wunsch, Hamburg vor noch mehr Tristesse zu bewahren.

Vielen Menschen genügt es nicht mehr, das ist mein Eindruck, sich einfach nur in ihr Glück zurückzuziehen. Sie fremdeln mit ihrer Stadt und wollen, dass sich das ändert. Die architektonische Dummheit, die einen von allen Seiten anstiert, nehmen sie nicht länger hin. Sie wollen ein anderes Hamburg. Vielleicht rede ich mir das auch nur ein. Doch vielleicht geht die Zeit der falschen Zufriedenheit ja tatsächlich zu Ende.

 
Leser-Kommentare
  1. Viele der Stars sind gar keine Architekten. Sie sind Bildhauer. Hauptsache originell, wie der Maßstab aussieht, was es mit dem Platz drumrum macht - egal.
    Nicht, daß es auf dem Land besser aussehen würde. Von Handwerksmeistern gezeichnete Scheußlichkeiten aus den üblichen Baumarkt-Versatzstücken. Bei genug Geld, gerne auch mit Glasbausteinen, Alutüren und Schmiedeeisen - möglichst in Kombination.
    Soviele zusammengebombte Städte wurden in den Sechzigern so wiederaufgebaut, daß man sich die Royal Air Force fast zurückwünscht. Schachteln, soweit das Auge reicht, manchmal mit postmodernen Kinkerlitzchen aufgemotzt - manchmal nicht, aber immer, immer zu groß.

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    Teilweise sind sicher die Architekten schuld. Nur leider entscheidet heutzutage SEHR oft der Investor. Und der will Gewinnmaximierung. Da wird dann sofort an der Fassade gespart, die kostet nämlich RICHTIG Geld wenn sie hübsch sein soll. Und die Zeit diese sauber durchzuplanen bekommt auch niemand mehr eingeräumt (außer vllt Stararchitekten die sich das gegenüber Ihrem Bauherren problemlos rausnehmen können)

    Teilweise sind sicher die Architekten schuld. Nur leider entscheidet heutzutage SEHR oft der Investor. Und der will Gewinnmaximierung. Da wird dann sofort an der Fassade gespart, die kostet nämlich RICHTIG Geld wenn sie hübsch sein soll. Und die Zeit diese sauber durchzuplanen bekommt auch niemand mehr eingeräumt (außer vllt Stararchitekten die sich das gegenüber Ihrem Bauherren problemlos rausnehmen können)

  2. Danke, sie sprechen mir aus der Seele. Wohne zwar erst seit ein paar Wochen hier, aber neben den mir bereits vorher bekannten charakterlosen, glasverspiegelten Hamsterräder (die Hafencity und die entzückende "City Nord" beispielsweise), fällt mir bei meinen Streifzügen auf, dass man kaum ein harmonisches Strassenbild zu sehen bekommt.

  3. ...beginnen meine Augen immer mehr zu leuchten, beim Lesen Rauterberg´s Artikels: Endlich mal einer, der die Glasklotzarchitektur anprangert, hier am Beispiel Hamburgs, wir haben die Stadt soeben besucht, er hätte aber auch Stuttgart nehmen können, Karlsruhe oder Frankfurt - überall Einheitsklötze, die Flächen ausgemostet, die Traufhöhen auch, schlimm, unwirtlich, man werfe einen Blick auf die Modelle von Stuttgart21, Areal A1,A2,A3, oder laufe durch die LBBW-Wüste hinter dem halbzerfledderten historischen Bahnhof, schon bei der Vorstellung fröstelt es mir, wie kann man dort nur menschenwürdig Investmentspekulationen bearbeiten, oder Pleiteanleihen?

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    • cinor
    • 30.11.2011 um 12:25 Uhr

    In Karlsruhe versucht man aber wenigstens, die schlimmen Schellingbauten am Marktplatz wegzubekommen. Muss ich der Stadt zugute halten.

    • cinor
    • 30.11.2011 um 12:25 Uhr

    In Karlsruhe versucht man aber wenigstens, die schlimmen Schellingbauten am Marktplatz wegzubekommen. Muss ich der Stadt zugute halten.

  4. denn entweder trifft man auf Städte, die aussehen, als würden sie als Kulisse für einen Historienfilm dienen oder sie werden mit Billigklamottenläden oder Banken oder Hotels oder Einkaufszentren zugepackt. Bei uns werden gerade mehrere von diesen Klötzen errichtet und es ist nur schrecklich.

    Etwas Innovatives oder öffentlichen Raum als Lebensraum nutzendes habe ich in Deutschland lange nicht gesehen.

    Lieber Klotzen oder Disneylandidylle pflegen als Städte für Menschen bauen.

    Schade eigentlich.

  5. ...danke Herr Rauterberg. Und jetzt: Bürger auf die Landungsbrücken!

  6. Daß kein ernstzunehmender Architekt oder Planer das Wort "Schönheit" als Ziel in den Mund zu nehmen wagt, liegt einfach daran, daß seit der Moderne Schönheit kein Qualitätsmerkmal mehr ist, sondern eine Schande.

    Schönheit ist demnach oberflächlich, unehrlich, belanglos, kitschig. Wahre Tiefe liegt in ungeschminkter, ehrlicher Häßlichkeit.

    Der Schöpfer eines Werkes, das allgemein als "häßlich" bezeichnet wird, kann immer die Haltung des unverstandenen, von dümmlichem Gefühlsdusel freien Genies einnehmen, dessen überlegene Vernunft den oberflächlichen Nörglern aufgrund ihrer Blödheit ein Geheimnis bleiben muß.

    Falls ein Schöpfer aber jeder ästhetischen Kritik entgehen will, verzichte er einfach völlig auf Gestaltung. Denn wer gar nichts gestaltet, kann auch nicht wegen gestalterischer Mängel zur Rechenschaft gezogen werden.
    Das nennt man dann Funktionalismus.
    Wer regt sich zum Beispiel noch über die übliche Discounter-Nichtarchitektur auf.

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    • Medley
    • 29.11.2011 um 18:18 Uhr

    Schönheit ist ein Gefühl. Genau diese menschlichen Regungen wollten aber die Schöpfer des "Bauhauses" aus der Architektur rausbekommen. Das Pathos und die Schwülstigkeit der kaiserlichen Gründerzeitgebäude sollte einer "neuen" Sachlichkeit weichen, die dem vergeistigten Verstand und der rationalen Funktion als Solche(s) diente. Gebäude sollten reinweg nur noch ihrem (reduzierten)Zweck, für den sie gebaut wurden, dienen, nicht aber mehr den emotionalen Bedürfnissen des Menschen dienen. Also zB. seinem Drang nach Prestige, nach Representation, dem Wille der Aussendarstellung der eigenen sozialen Stellung/des eigenen sozialen Ranges, oder auch dem Wunsch nach emotionalen Wohlbefinden in einer ästhetischen Atmosphäre, sprich, in einer gebauten Umgebung die "schön" ist, bzw. schön sein sollte, zu verweilen bzw. zu leben, wie sie es zu Recht beklagend anmahnen. Und nach 1945 hatte man es erst Recht nicht mehr gewagt, die Emotionen der Leute mit seinen Gebäuden anzusprechen, nach den fürchterlichen 13 Jahren des Missbrauchs von Architektur(-projekten) für die politischen, weltanschaulichen und persönlich-größenwahnsinnigen Ziele der Nazieliten, die ihre Großmachtsphantasien angeberisch-eitel mit Ziegeln verbauten und in Beton gossen.

    • Medley
    • 29.11.2011 um 18:18 Uhr

    Schönheit ist ein Gefühl. Genau diese menschlichen Regungen wollten aber die Schöpfer des "Bauhauses" aus der Architektur rausbekommen. Das Pathos und die Schwülstigkeit der kaiserlichen Gründerzeitgebäude sollte einer "neuen" Sachlichkeit weichen, die dem vergeistigten Verstand und der rationalen Funktion als Solche(s) diente. Gebäude sollten reinweg nur noch ihrem (reduzierten)Zweck, für den sie gebaut wurden, dienen, nicht aber mehr den emotionalen Bedürfnissen des Menschen dienen. Also zB. seinem Drang nach Prestige, nach Representation, dem Wille der Aussendarstellung der eigenen sozialen Stellung/des eigenen sozialen Ranges, oder auch dem Wunsch nach emotionalen Wohlbefinden in einer ästhetischen Atmosphäre, sprich, in einer gebauten Umgebung die "schön" ist, bzw. schön sein sollte, zu verweilen bzw. zu leben, wie sie es zu Recht beklagend anmahnen. Und nach 1945 hatte man es erst Recht nicht mehr gewagt, die Emotionen der Leute mit seinen Gebäuden anzusprechen, nach den fürchterlichen 13 Jahren des Missbrauchs von Architektur(-projekten) für die politischen, weltanschaulichen und persönlich-größenwahnsinnigen Ziele der Nazieliten, die ihre Großmachtsphantasien angeberisch-eitel mit Ziegeln verbauten und in Beton gossen.

  7. Also ich finde die Gebäude auf dem dritten Bild eigentlich ganz schön.

    • Ron777
    • 29.11.2011 um 17:40 Uhr

    Der Stadtplaner ist dem Projektentwickler gewichen. Widerspruch dagegen anzumelden wird aber mit Sichheit durch den Vorwurf zukunftsfeindlich, romantisierend und wuterbürgerlich ausgetrieben. Wenn selbst Neubauten wie das Spiegelgebäude nur noch zum Lachen sind, weil hier scheinbar ein Achitekturstudent Geometrieübungen gemacht hat, dann ist etwas faul im Staate der Pfeffersäcke.

    Eine Leser-Empfehlung
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    ...um schöne Architektur zu genießen, den alten Elbtunnel samt seinen "Kopfgebäuden" - in Stuttgart reißt man dagegen den historischen Kopfbahnhof ab und baut den neuen unter die Erde - da sieht man seine Häßlichkeit wenigstens nicht.

    Ich kann es auch nicht glauben wie hässlich dieser Kasten ist.

    ...um schöne Architektur zu genießen, den alten Elbtunnel samt seinen "Kopfgebäuden" - in Stuttgart reißt man dagegen den historischen Kopfbahnhof ab und baut den neuen unter die Erde - da sieht man seine Häßlichkeit wenigstens nicht.

    Ich kann es auch nicht glauben wie hässlich dieser Kasten ist.

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