Dieses Werk entstand um 1780 und zeigt Friedrich den Großen (1712 - 1786) zu Pferde. © Edward Gooch/Edward Gooch/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Clark, Herr Krzemiński, der 300. Geburtstag Friedrichs des Großen ist zwar erst am 24. Januar, aber schon jetzt gibt es hierzulande Ausstellungen und Artikelserien zum Thema, und es wachsen die Biografienberge. Welche Assoziationen wecken Preußen und Friedrich der Große denn in Ihren Ländern – in England, in Polen?

Christopher Clark: Ich habe, um mich auf dieses Gespräch vorzubereiten, online in den Protokollen der aktuellen britischen Parlamentsdebatten nach den Wörtern Prussia und Prussianism gesucht. Das gab erstaunlich viele Treffer. In politischen Reden kommt Preußen immer wieder vor, je nach Standpunkt auf unterschiedliche Weise. Für die Linken ist Prussianism ein Schimpfwort. Dann heißt es etwa: »Der Minister ist etwas preußisch vorgegangen.« Er hat also eine Sache einfach oktroyiert. Wenn sich die Tories auf Preußen beziehen, dann eher auf einzelne Episoden der preußischen Geschichte, die sie als eine europäische betrachten und der sie sich durchaus nahe fühlen. Frederick the Great ist für sie eine positive Gestalt. Auch erinnern sie sich gern an die Zeit, in der Preußen und England gemeinsam gegen Napoleon kämpften.

Adam Krzemiński: Entscheidend ist, aus welcher historisch bedingten Rolle heraus man Preußen betrachtet. Im Falle Großbritanniens blickt eine imperiale Großmacht auf eine andere. Ein Pole muss sich entscheiden: Will er sich als Opfer des preußischen Aufstiegs begreifen? Oder will er die Rolle des Siegers einnehmen? Schließlich ist Polen wieder da, Preußen hingegen Geschichte. Aus dieser preußisch-polnischen Verzahnung kann sich allerdings auch eine verlockende Erbschaft ergeben: Die Hälfte des heutigen Polens gehörte bis 1918 zu Preußen. Deswegen habe ich vor einigen Jahren mit dem Titel Preußen, das sind wir – als Erben und Nachfolger – provoziert. Die Nationalkonservativen trumpfen natürlich lieber mit der Opfer-und-Sieger-Geschichte auf und feiern zum Beispiel die große Schlacht von Grunwald 1410 , die Schlacht von Tannenberg, wie die Deutschen sie nennen. Damals hat das polnisch-litauische Heer den Deutschen Orden geschlagen. Das soll noch 600 Jahre danach das nationale Selbstwertgefühl heben...

ZEIT: Gibt es in Polen nicht auch ein positives Preußenbild?

Krzemiński: Zumindest ein ambivalentes. 1909 schrieb Adolf Nowaczyński ein recht erfolgreiches Theaterstück, Der große Friedrich. Darin liefern sich Friedrich II. und der polnische Bischof von Ermland, Ignacy Krasicki, ein geistreiches Duell – zwei Aufklärer, der eine ein atheistischer Absolutist, der andere ein Geistlicher und Dichter. Nowaczyński verabscheute Preußen und bewunderte zugleich seine Effizienz. Eine Vorbildfunktion hatte Preußen indirekt auch 1918. Wenn man so will, war Józef Piłsudski eine Art Bismarck: Er stellte den polnischen Staat »mit Blut und Eisen« wieder her. Was Friedrich betrifft, hat der Thorner Historiker Stanisław Salmonowicz eine sehr ausgewogene Biografie geschrieben.

ZEIT: Welche Rolle spielte das Jahr 1989 für den Umgang mit der preußischen Geschichte? Kam damals Preußen noch einmal auf die Tagesordnung? Fürchtete man in Ihren Ländern gar die Wiederkehr eines übermächtigen deutschen Staates?

Clark: Kurzzeitig tauchten solche Befürchtungen auf. Viel bedeutender ist mittlerweile aber der Tourismus. Seit 1989/90 sind die Orte der preußischen Geschichte wieder zu besichtigen. Preußen ist zu einer touristischen Landschaft geworden. Es ist schon enorm, was die Stiftung Preußischer Kulturbesitz geleistet hat! Ein interessantes Wort übrigens: Kulturbesitz. Schöne Gebäude, schöne Gärten, schöne Gemälde – das ist heute Preußen: eine virtuelle Landschaft.

ZEIT: Hat sich in Ihren Augen auch die deutsche Erinnerungskultur entpolitisiert? Ist Preußen nur noch eine Kulisse für Sonntagsfahrten?

Clark: Es bewegt sich zumindest in diese Richtung. Nichts hat das besser zum Ausdruck gebracht als die Berliner Ausstellung über Königin Luise 2010, die mit Zeilen wie working mum und fashion icon beworben wurde – das klang doch sehr nach harmloser Vorabendunterhaltung.

Krzemiński: Seit die Brandenburger 1996 eine Fusion mit Berlin ablehnten, ist Preußen nicht einmal mehr eine Chimäre. Selbst bei runden Jahrestagen wie jetzt wird es nicht zum politischen Wiedergänger. Aus der preußischen Flasche kommt kein friderizianischer, bismarckscher oder wilhelminischer Geist mehr.