Friedrich der GroßeGenial? Schwul? Nazi?
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"Die preußische Geschichte ist Teil der polnischen"

ZEIT: Sehen Sie in Friedrichs Feldzügen schon einen Vorläufer der späteren deutschen Eroberungs- und Vernichtungspolitik?

Krzemiński: Durchaus. Es führt eine Linie von Schlesien zur Verunglimpfung und Liquidierung des polnischen Staates. Anschließend über die Germanisierungspolitik Bismarcks und Wilhelms II. bis hin zum »Zurückschießen« 1939, das Hitler in der Kroll-Oper unter Berufung auf Friedrich rechtfertigte. Und wenn man sich die jüngst erschienene Studie Bloodlands des amerikanischen Historikers Timothy Snyder ansieht, fällt auf, dass die Killing Fields des 20. Jahrhunderts, die er beschreibt, fast genau mit den Grenzen der alten Polnisch-Litauischen Union übereinstimmen. Zugespitzt formuliert: Die Degradierung eines – sicher unvollkommenen, aber selbstständigen – konföderativen Staatswesens in der Mitte Europas zu einem Kolonialgebiet Preußens, Russlands und Österreichs rächte sich mit den Gemetzeln, die Hitler und Stalin im 20. Jahrhundert entfesselten.

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Clark: Das ist interessant, aber sehr extrem. Wir dürfen nicht vergessen, dass Preußen bei der ersten Teilung Polens – also zu Friedrichs Zeiten – nur fünf Prozent vom polnischen Gesamtgebiet bekam, viel weniger als die Russen und die Österreicher. Das Missfallen des Königs traf hauptsächlich den warschautreuen Großadel, war also zum Teil politisch bedingt. Und seine Anordnungen klangen oft viel härter, als sie dann später umgesetzt wurden. Sicherlich ist es schlimm, dass Friedrich mit solcher Verachtung auf Polen blickte, und in der Tat hat er eine sehr kaltblütige Politik betrieben. Man darf aber eines nicht vergessen: Er bildete damals weder mit seiner Rhetorik noch mit seinen Taten eine Ausnahme.

Krzemiński: Das macht die Sache nicht besser!

Clark: Gewiss, aber man muss sich hüten, bestimmte Aspekte voreilig als Sondermerkmale Preußens herauszustellen, denn es ist sehr heikel, Dinge auf 1933 und 1939 hin zu deuten ohne einen europäischen Vergleich. Nicht nur, weil man sonst die preußische Geschichte zu sehr verkürzt, sondern auch, weil man Gefahr läuft, einer allzu simplen Erklärung für das Aufkommen des Nationalsozialismus aufzusitzen.

ZEIT: Wie sieht es also im europäischen Vergleich aus? Inwiefern war das Agieren des friderizianischen Preußens gegenüber Polen etwas Neues, und inwiefern entsprach es gängigen Praktiken?

Krzemiński: Annexionen gab es immer. Das Skandalon der Teilungen Polens war, dass ein Staat liquidiert wurde, der keine Bedrohung darstellte. Kein von Preußen anerkannter internationaler Rechtsanspruch konnte das verhindern. Friedrichs Urgroßvater, der Große Kurfürst, hatte in seinem Testament gute Beziehungen zu Polen-Litauen zur Existenzgrundlage Preußens gemacht. Der Bruch mit dieser Überzeugung war das Ende Ostmitteleuropas.

Clark: Das war eine machtpolitische Frage. Belgien würde es heute vielleicht auch nicht mehr geben, wenn nicht eine gewaltige Koalition zustande gekommen wäre, um Ludwig XIV. in die Schranken zu weisen. Fatal für Polen war nicht nur seine politische und militärische Schwäche, sondern die Tatsache, dass drei mächtige Nachbarn es gleichzeitig bedrängten. Daran war Preußen also nicht allein beteiligt. Außerdem war der Länderschacher im damaligen Europa gang und gäbe – die Souveränität des Staates war nicht das Heiligtum, das es heute ist. Der Habsburger-Kaiser Joseph II. spielte mit dem Gedanken, das habsburgische Belgien gegen Bayern zu tauschen. Eines aber ist unstrittig: Friedrich hat ganz maßgeblich zu einer unseligen polenfeindlichen Tradition in Deutschland beigetragen.

ZEIT: Wenn 1933 und der Zweite Weltkrieg nicht alleiniger Fluchtpunkt der preußischen Geschichte sein sollen – in welche anderen Horizonte lassen sich Preußen und Friedrich stellen?

Krzemiński: Die preußische Geschichte ist Teil der polnischen. Diese Sichtweise stößt in Deutschland allerdings auf wenig Gegenliebe. Zumindest ist das meine Erfahrung: Vor elf Jahren kam die Idee auf, Polen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beitreten zu lassen. Der damalige Stiftungsvorsitzende lehnte das ab.

ZEIT: Herr Clark, in Ihrer Geschichte Preußens schreiben Sie: »Preußen war ein europäischer Staat, lange bevor er ein deutscher wurde.« Welche Prozesse lassen sich an diesem vornationalen Preußen studieren, die uns heute noch interessieren sollten?

Clark: Wir können an Preußen zum Beispiel sehen, wie sich über verschiedene Entwicklungsphasen eine Art Rechtsstaatlichkeit entwickelt hat. Angesichts der Tatsache, dass es heute noch immer zahlreiche Staaten gibt, die keine Rechtsstaaten sind, bietet das fruchtbare Einsichten. Zudem haben wir es heute mit Ländern wie China zu tun, die sich modernisieren, aber undemokratisch regiert werden – auch hier lohnt sich der Blick zurück. Wir sollten aber von vergangenen Epochen nicht Dinge fordern, die sie uns nicht geben können: Friedrich der Große kann kein Ratgeber für Angela Merkel sein, das alte Preußen kein Modell für das neue Europa. Dafür sind die Unterschiede viel zu groß. Wer die Geschichte zu einem Werkzeugkasten degradiert, wird ihr nicht gerecht. So wie all jene, die beharrlich und meistens vollkommen unbeschwert von historischem Wissen die sogenannten preußischen Tugenden wie Pünktlichkeit und Fleiß hochhalten...

Krzemiński: ...die kein ausschließlich preußisches Erbstück sind! Manche Posener sind bis heute stolz auf ihre »preußischen« Tugenden. Viele dieser Tugenden haben sich die Polen seit dem 18. Jahrhundert auch bei den Angelsachsen abgeguckt.

Clark: Das möchte ich jetzt auch gar nicht verteidigen. Es ist nur ein gutes Beispiel dafür, wie Geschichte auf inhaltsleere Schlagworte reduziert wird, wenn man sie unmittelbar dienstbar machen will.

Leserkommentare
  1. Und wieder entdecke ich typisch Deutsches an diesen Diskussionen. Friedrichhasser befinden sich im linken Lager, Friedrichfreunde sind rechtskonservativ. Quer dazu liegen offensichtlich die Bekenntnisse. Katholiken tendieren eher als Preußenhasser zu Friedrichgegnern, während Protestanten tendenziell Friedrichfreunde sind. Und nun muss ich mich fragen, wo ich denn hingehöre. Ich bin eher links und protstantisch. Nun muss ich es also mit Goethe halten: "Zwei Seelen wohnen, ach, in meine Brust". Dennch, mein "politisches Lager" möge mir verzeihen, muss ich gestehen Sympathien für Friedrich, einem Kind seiner Zeit, zu hegen.

    3 Leserempfehlungen
    • colca
    • 28.11.2011 um 9:42 Uhr

    Ein sehr interessantes Gespräch. Vor allem die Sicht von Herrn Clark ist überaus bedenkenswert. Leider hält Herr Krzeminski dieses intellektuelle Niveau nicht durch - er pflegt doch eine sehr verzwergte, missgünstige und larmoyante Sicht auf die Geschichte.
    Ich kann für die polnische Geschichtswissenschaft nur hoffen, dass dieser Mann nicht repräsentativ ist.

    Über F2 zu streiten erscheint mir ansonsten eher müßig. Er stand jedenfalls himmelhoch über seinen Monarchenkollegen des 18.Jahrhunderts. Zu Zeiten, als in Österreich noch religiöse Minderheiten verfolgt wurden, in Frankreich die Dekadenz des Hofes das ganze Land ruinierte, in Spanien noch immer die Inquisition herrschte, in England die Knechtung der Iren und Schotten ihren Höhepunkt erreichte und in Polen die Korruption und der Egoismus der Adelskaste das Land zum gescheiterten Staat machten - zu diesen Zeiten schaffte Preußen die Folter ab, setzte religiöse Toleranz durch, entwickelte Schulwesen und neutrale Gerichtsbarkeit.
    Und ja, Preußen setzte auch seine effiziente Armee ein. Aber es war nicht expansiver als z.B. Frankreich gegenüber Südwestdeutschland oder Österreich auf dem Balkan oder Russland in allen Himmelsrichtungen oder England auf der ganzen Welt. Und nach 1763 hat Preußen für 100 Jahre überhaupt keinen Angriffskrieg mehr geführt, sieht man von den halbherzigen Koalitionskriegen gegen die im Blutrausch rasende Jakobinerdiktatur einmal ab.
    F2 bleibt in vielen Dingen ein Vorbild bis heute.

    3 Leserempfehlungen
  2. Für Anarchisten sicher. Disziplin und Organisiertheit des preußischen Kapitalismus waren schon immer Vorbild von Kommunisten.....

  3. Schroeder ist auch ev-luth. Und Kiesinger hat sich selbst als "evangelischen Katholiken" bezeichnet.

  4. In Ihrem Fall empfehle ich ein Seniorenstudium der Geschichtswissenschaften. Sie werden erstaunt sein, wie anders es doch war...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Chauvinismus"
    • Atan
    • 28.11.2011 um 10:30 Uhr

    Interview, dass ich für eine sehr geschickten Versuch halte, sich der Person Friedrichs in kontroverser Weise zu nähern. Zwei vermutlich noch sehr verbreitete Haltungen gegenüber dieser umstrittenen Person (die Faszination eines sehr einflußreichen Staats- und Militärführers vs. des Totengräbers der polnischen Freiheit und Staatlichkeit) wurde so auf intelligente und zivilisierte Weise gegenüber gestellt, ohne die Auseinandersetzung in eine unsinnig moralisierende Konfrontation abgleiten zu lassen.
    (Aber war die Überschrift in der Zeitung auch so dumm-primitiv? Habe ich wohl schon verdrängt. Tut einem so interessanten historischen Dialog wirklich Abbruch und zwei klugen Experten Unrecht!)

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  5. Friederich II und sein Expansionismus ist die Keimzelle und Basis der Deutschen Nation 1871-1945.
    - "Adenauer ein Preussen-Hasser"?
    Das gesamte Rest-Deutschland inklusive der Rheinprovinzen waren Antipreussen.
    Adenauer brauchte das alte Preussen, das von den Siegeralliierten 1947 aufgelöst und ausgelöscht worden war, nicht mehr bemühen; denn Adenauer sprach nur für Westdeutschland ohne die SBZ und spätere DDR.
    Übrigens:
    Das Ahlener Programm der CDU 1947 stellt gerade die CDU, nicht als katholische, sondern überkonfessionelle christliche Partei da, die Protestanten, Reformierte, Freikirchliche und Katholiken als Mitglieder gleichermaßen ansprach.

    Dass die kath. Zentrums-Partei des Kaiserreiches in der CDU aufging, ist dem Verlauf des WK2 und dem Untergang Preussens zu danken.
    Der Kulturkampf gegen das Zentrum des preuss.-deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck sollte sich nie mehr wiederholen können und die katholischen Bürger und Kirche als Reichsfeinde zu denunzieren.

    Was soll dann eine spalterische Protestantische Partei in Deutschland? Wo gibt es einen separaten polit. Protestantismus in Deutschland?
    500 Jahre Reformation ist dafür kein Anlass, aber schon eher 400 Jahre Prager Fenstersturz, oder?

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    Das Wesen des Protestantismus ist der Widerstand gegen die römische Kirche, mithin gegen die Fremdbestimmung aus Rom. Gegen eine organisierte Verantwortungslosigkeit.

    Bismarck hat sehr richtig den ultramontanen Katholizismus bekämpft. Er hatte Recht, denn darum wurde Preussen später liquidiert. Protestantismus als konservativ-politische Kraft wurde neutralisiert.

    Eine Figur wie Helmut Kohl war für einen konservativen Protestanten nie akzeptabel. Das ist auch die eigentliche Linie quer durch Deutschland, nicht Osten und Westen, sondern religiöse Prägung.

    Das Wesen des Protestantismus ist der Widerstand gegen die römische Kirche, mithin gegen die Fremdbestimmung aus Rom. Gegen eine organisierte Verantwortungslosigkeit.

    Bismarck hat sehr richtig den ultramontanen Katholizismus bekämpft. Er hatte Recht, denn darum wurde Preussen später liquidiert. Protestantismus als konservativ-politische Kraft wurde neutralisiert.

    Eine Figur wie Helmut Kohl war für einen konservativen Protestanten nie akzeptabel. Das ist auch die eigentliche Linie quer durch Deutschland, nicht Osten und Westen, sondern religiöse Prägung.

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