Bekennervideo : 15 Minuten Größenwahn

Was sagt ihr Film über die Zwickauer Zelle aus? Der Psychiater Guntram Knecht über die Bekenner-DVD des NSU

DIE ZEIT: Herr Knecht, was sagt das Bekennervideo über die Täter?

Guntram Knecht: Das Video drückt für mich Größenwahn und Eiseskälte aus. Dahinter stehen Personen, die es genießen, ihre Opfer vorzuführen, die ein großes Bedürfnis an Bewunderung haben und zeigen wollen, dass sie die Situation vollkommen kontrollieren.

ZEIT: Wie zeigt sich der Kontrollanspruch?

Guntram Knecht

ist der Leiter der Forensik am Klinikum Hamburg-Nord.

Knecht: In dem Video gibt es einen ganz ungewöhnlichen Perspektivwechsel. Die Täter zeigen nicht nur Bilder, die sie selbst vom Tatort gemacht haben. Sie haben auch Beiträge aus den Medien und Fahndungsbilder aus Überwachungskameras in den Film montiert. Sie machen sich mit diesem Material über die Unwissenheit der Medien und Ermittler lustig und vermitteln damit, dass sie die Verfolger und die Medien im Griff haben. Sie beherrschen einen Raum, in dem sie selbst sich unerkannt bewegen. Diesen Perspektivwechsel kennen wir nicht von terroristischen Bekenntnissen, weder von bin Laden noch von der RAF.

ZEIT: Ein weiterer Unterschied zur RAF oder zum islamischen Terrorismus: Es fehlen Erklärungen für die Taten.

Knecht: Das Video hat ja, bis auf den kurzen Text am Anfang, der "grundlegende Änderungen in Politik, Presse und Meinungsfreiheit" anmahnt, nur die Worte von Paulchen Panther. Das ist ein Nulltext, eine Kindergeschichte, die mitläuft. Es gibt keine Botschaft. Das Video montiert Taten, die Worte fehlen. Das ist für mich als Psychiater erstaunlich: dass jemand sich zu Wort meldet und dann nichts zu sagen hat. Die RAF beging Taten, um Worte folgen zu lassen – die Erklärung stand im Vordergrund, die RAF wollte ihr Anliegen vermitteln. Hier soll die Tat für sich sprechen, aber das hat ja nicht funktioniert: Die Taten haben sich nicht selbst erklärt. Das Video ist der einzige Anlauf, die Taten sprechen zu lassen, nur über das Video gibt es eine Verbindung zwischen den Morden und Anschlägen. Dieses Schweigen mehr als zehn Jahre lang durchzustehen ist erstaunlich.

ZEIT: Warum haben die Täter das Video nicht früher in Umlauf gebracht?

Knecht: Das kann ich mir nicht erklären. Meines Erachtens ist es für die Öffentlichkeit gemacht, nicht nur für die Gruppe. Es soll auch potenziellen Opfern Angst machen.

ZEIT: Die Mörder haben ihre Opfer fotografiert, die Bilder der Toten sind im Video zu sehen. Warum machen Gewalttäter so etwas?

Knecht: Das Fotografieren von Opfern wird auf sadistische Art genossen. Die Fotos sind Trophäen, Beweise für die eigene Größe, die sich in der Tat ausdrückt, und eine mögliche Lustquelle als Beleg der Dominanz über das Opfer. Die beiden haben ja auch andere Trophäen gesammelt: Zum Beispiel die Handschellen der ermordeten Polizistin.

ZEIT: Im Titellied von Paulchen Panther, das auch im Video gesungen wird, heißt es: "Machst ja manchmal schlimme Sachen, über die wir trotzdem lachen". Was bedeutet der Gegensatz von lustiger Comicfigur und brutalen Gewalttaten?

Knecht: Die Verwendung des Comics ist eine Banalisierung und Infantilisierung des Bösen: Paulchens vermeintliche Streiche sind hier zehn Morde . Die Täter glauben, aus verschiedenen Gründen das Notwendige zu tun, das Gefühl für die Opfer fehlt völlig, genauso wie ein erwachsenes Bewusstsein, dass man auch anders handeln kann. Sie leben in einer Welt von Objekten, die man herumschiebt und kontrolliert. Andersdenkende und Menschen mit Migrationshintergrund werden von ihnen verdinglicht, sie haben keinen Namen und keine Geschichte. Das Opfer ist nur Mittel zum Zweck. Fehlende Empathiefähigkeit ist typisch für Gewalttäter.

ZEIT: Wo kann sie ihre Ursachen haben?

Knecht: Zum einen gibt es physische Ursachen, dass bestimmte Zentren im Gehirn nicht richtig funktionieren. Aber Menschen können auch in ihrer Entwicklung so beschädigt werden, dass das Gegenüber zu einem Gegenstand wird, das keinen Austausch von Mitgefühl bedingt. Das sind oft Biografien mit sehr vielen Kränkungen und Misserfolgen. Die kalte Wut des zurückgesetzten, extremistisch anfälligen Menschen setzt sich aus Gewaltneigung, Empathiedefizit und einem Gefühl der subjektiven Berechtigung zusammen: Ich weiß, wo es langgeht, ich räche mich an den Umständen und habe das Recht, jede Grenze zu überschreiten.

ZEIT: Verstärkt politischer Fanatismus diese Gefühllosigkeit?

Knecht: Fanatismus begünstigt sie. Gefühllosigkeit ist die Voraussetzung, um solch anonyme Tötungen zu vollziehen. Um festzustellen, ob Empathielosigkeit und Gewaltbereitschaft anhaltende Grundeigenschaften der Täter waren, müsste man aber mehr über das Privatleben der Täter wissen. Darüber kann nur Beate Z. Auskunft geben.

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

zu oberflächlich

"ZEIT: Wo kann sie ihre Ursachen haben?
Knecht: Zum einen gibt es physische Ursachen, dass bestimmte Zentren im Gehirn nicht richtig funktionieren. Aber Menschen können auch in ihrer Entwicklung so beschädigt werden, dass das Gegenüber zu einem Gegenstand wird, das keinen Austausch von Mitgefühl bedingt. Das sind oft Biografien mit sehr vielen Kränkungen und Misserfolgen."

Das ist wirklich zu oberflächlich,sich auf hirnorganische
Veränderungen u/o negative Biographien zu berufen!
Sie sollten Analytiker hinzuziehen,denn ohne gesellschaftskritsche und andere soziale Aspekte wird man zu keinen
vernünftigen Ergebnissen kommen,warum soviele junge Menschen nach rechts und zu Gewalt tendieren.

Hä???

Es geht hier aber nicht um Gesellschaftspolitisches, sondern nur um die Frage was sich von der Machart des Videos auf die Psyche der Täter schließen lässt. Die Ideologie lässt es vielleicht zu, Morde gut zu heißen, aber einen Mord zu begehen ist noch mal eine andere Dimension.

@4: Wenn überhaupt, wird die "Infantilisierung des Bösen" dann betrieben, wenn die rassistische Gesinnung der Täter als alleiniger Ausgangspunkt betrachtet wird. Natürlich ist die Psyche ein entscheidender Faktor, der zu der Brutalität beiträgt als auch zur rechten Gesinnung.

Antwort auf Hä??? Hä???

6. "Hä??? Hä???
Es geht hier aber nicht um Gesellschaftspolitisches, sondern nur um die Frage was sich von der Machart des Videos auf die Psyche der Täter schließen lässt."

Nach bishheringen (vorbehaltlichen Ermittlungen)Infos haben nicht die Täter sondern andere die Videos produziert und hergestellt,es sieht also im Moment so aus als seien Videoproduzenten und Täter nicht identisch,was ja zb auch ein Grund dafür sein könnte,dass die Videos nicht public gemacht wurden.

Re: Fast vergessen

"Das ganze Argumentationsgerüst bricht doch zusammen, wenn wir erfahren, dass die Täter nicht direkt am Videodreh beteiligt waren."

Das zeigt halt nur, dass gewisse psychologische Mechanismen auch soziologisch auf Gruppenebene funktionieren und sich dort dann weiter verändern.

Diesem Bereich verschließt sich die Psychologie erfolgreich, vermutlich aus mangelnder Interdisziplinarität oder fehlender Empathie xD

Das eine

ist diese4s unsägliche Video. Es müsste aber doch relevantere Erkenntnisse geben: Milieu, Sozialisierung etc. Wovon haben sie und WIE all die Jahre gelebt? Ich weiß nicht, ob man den Wahnsinn verstehen kann (über die RAF wissen wir ja recht gut Bescheid - wirklich helfen tuts auch nicht), aber angesichts einer ganzen AKTUELL EXISTIERENDEN Szene, die das Ganze umgibt, sollte man zumindest versuchen, ob nicht eine Art Phanomumriss Gefährdeter - und der Ursachen der Gefährdung - sichtbar wird.

Die Kindergeschichte ist die Botschaft!

„Das ist ein Nulltext, eine Kindergeschichte, die mitläuft. Es gibt keine Botschaft.“

Da, denke ich, irrt der Psychiater. Die Botschaft IST die Kindergeschichte. Besser gesagt, sie gibt Hinweise auf die emotionalen Ursachen solcher Taten. Das BKA und Psychologen sollte Schulfreunde, Verwandte, Lehrer usw. der Täter befragen (ggf. noch die Eltern, wobei diese wohl eher eine schlechte Quelle darstellen). Suchen müssen Sie nach Misshandlungsgeschichten in der Kindheit, ob nun körperlicher oder psychischer Art. Diese „Geschichten“ sind meist hauptverantwortlich für das Absterben und Abspalten von Empathie. Manchmal werden sie wieder aufgeführt. Die Kindergeschichte Paulchen Panther ist hier die Botschaft dafür.