DIE ZEIT: Herr Knecht, was sagt das Bekennervideo über die Täter?

Guntram Knecht: Das Video drückt für mich Größenwahn und Eiseskälte aus. Dahinter stehen Personen, die es genießen, ihre Opfer vorzuführen, die ein großes Bedürfnis an Bewunderung haben und zeigen wollen, dass sie die Situation vollkommen kontrollieren.

ZEIT: Wie zeigt sich der Kontrollanspruch?

Knecht: In dem Video gibt es einen ganz ungewöhnlichen Perspektivwechsel. Die Täter zeigen nicht nur Bilder, die sie selbst vom Tatort gemacht haben. Sie haben auch Beiträge aus den Medien und Fahndungsbilder aus Überwachungskameras in den Film montiert. Sie machen sich mit diesem Material über die Unwissenheit der Medien und Ermittler lustig und vermitteln damit, dass sie die Verfolger und die Medien im Griff haben. Sie beherrschen einen Raum, in dem sie selbst sich unerkannt bewegen. Diesen Perspektivwechsel kennen wir nicht von terroristischen Bekenntnissen, weder von bin Laden noch von der RAF.

ZEIT: Ein weiterer Unterschied zur RAF oder zum islamischen Terrorismus: Es fehlen Erklärungen für die Taten.

Knecht: Das Video hat ja, bis auf den kurzen Text am Anfang, der "grundlegende Änderungen in Politik, Presse und Meinungsfreiheit" anmahnt, nur die Worte von Paulchen Panther. Das ist ein Nulltext, eine Kindergeschichte, die mitläuft. Es gibt keine Botschaft. Das Video montiert Taten, die Worte fehlen. Das ist für mich als Psychiater erstaunlich: dass jemand sich zu Wort meldet und dann nichts zu sagen hat. Die RAF beging Taten, um Worte folgen zu lassen – die Erklärung stand im Vordergrund, die RAF wollte ihr Anliegen vermitteln. Hier soll die Tat für sich sprechen, aber das hat ja nicht funktioniert: Die Taten haben sich nicht selbst erklärt. Das Video ist der einzige Anlauf, die Taten sprechen zu lassen, nur über das Video gibt es eine Verbindung zwischen den Morden und Anschlägen. Dieses Schweigen mehr als zehn Jahre lang durchzustehen ist erstaunlich.

ZEIT: Warum haben die Täter das Video nicht früher in Umlauf gebracht?

Knecht: Das kann ich mir nicht erklären. Meines Erachtens ist es für die Öffentlichkeit gemacht, nicht nur für die Gruppe. Es soll auch potenziellen Opfern Angst machen.

ZEIT: Die Mörder haben ihre Opfer fotografiert, die Bilder der Toten sind im Video zu sehen. Warum machen Gewalttäter so etwas?

Knecht: Das Fotografieren von Opfern wird auf sadistische Art genossen. Die Fotos sind Trophäen, Beweise für die eigene Größe, die sich in der Tat ausdrückt, und eine mögliche Lustquelle als Beleg der Dominanz über das Opfer. Die beiden haben ja auch andere Trophäen gesammelt: Zum Beispiel die Handschellen der ermordeten Polizistin.

ZEIT: Im Titellied von Paulchen Panther, das auch im Video gesungen wird, heißt es: "Machst ja manchmal schlimme Sachen, über die wir trotzdem lachen". Was bedeutet der Gegensatz von lustiger Comicfigur und brutalen Gewalttaten?

Knecht: Die Verwendung des Comics ist eine Banalisierung und Infantilisierung des Bösen: Paulchens vermeintliche Streiche sind hier zehn Morde . Die Täter glauben, aus verschiedenen Gründen das Notwendige zu tun, das Gefühl für die Opfer fehlt völlig, genauso wie ein erwachsenes Bewusstsein, dass man auch anders handeln kann. Sie leben in einer Welt von Objekten, die man herumschiebt und kontrolliert. Andersdenkende und Menschen mit Migrationshintergrund werden von ihnen verdinglicht, sie haben keinen Namen und keine Geschichte. Das Opfer ist nur Mittel zum Zweck. Fehlende Empathiefähigkeit ist typisch für Gewalttäter.

ZEIT: Wo kann sie ihre Ursachen haben?

Knecht: Zum einen gibt es physische Ursachen, dass bestimmte Zentren im Gehirn nicht richtig funktionieren. Aber Menschen können auch in ihrer Entwicklung so beschädigt werden, dass das Gegenüber zu einem Gegenstand wird, das keinen Austausch von Mitgefühl bedingt. Das sind oft Biografien mit sehr vielen Kränkungen und Misserfolgen. Die kalte Wut des zurückgesetzten, extremistisch anfälligen Menschen setzt sich aus Gewaltneigung, Empathiedefizit und einem Gefühl der subjektiven Berechtigung zusammen: Ich weiß, wo es langgeht, ich räche mich an den Umständen und habe das Recht, jede Grenze zu überschreiten.

ZEIT: Verstärkt politischer Fanatismus diese Gefühllosigkeit?

Knecht: Fanatismus begünstigt sie. Gefühllosigkeit ist die Voraussetzung, um solch anonyme Tötungen zu vollziehen. Um festzustellen, ob Empathielosigkeit und Gewaltbereitschaft anhaltende Grundeigenschaften der Täter waren, müsste man aber mehr über das Privatleben der Täter wissen. Darüber kann nur Beate Z. Auskunft geben.