Auf die Sekunde genau lässt sich an der Mailänder Börse beobachten, wie es gerade um das Wertpapier mit der Kennnummer IT0003535157 steht. Immer wenn es den Besitzer wechselt, blinkt eine Zahl auf. Ist die Zahl grün, ist es bei den Anlegern begehrt, und der Kurs steigt. Ist die Zahl rot, lässt das Interesse nach und fällt der Kurs. Seit einigen Wochen blinkt die Zahl fast immer rot. Anfang dieser Woche kostete das Wertpapier ein Viertel weniger als Anfang dieses Jahres.

Für das Schicksal von IT0003535157 interessieren sich derzeit viele Menschen – in Brüssel, Berlin, Frankfurt, Washington und Peking. IT0003535157 ist eine italienische Staatsanleihe, eine von vielen. Mit mehr als 1.800 Milliarden Euro ist Italien am Kapitalmarkt verschuldet. Wenn niemand mehr IT0003535157 oder andere Staatsanleihen kaufen will, heißt das: Die italienische Republik bekommt kein Geld mehr, dann wäre sie pleite, und so eine Pleite könnte die Währungsunion sprengen.

Am Beispiel von IT0003535157 lässt sich also erzählen, wie Investoren, Banker, Politiker und Notenbanker derzeit um Italien ringen. Wie das Taktieren der Politik und die Panik an den Märkten ein zunächst beherrschbares Problem eskalieren lassen.

Januar 2004: An einem Montag gehen mittags auf einem Konto der italienischen Notenbank vier Milliarden Euro ein. Aus Deutschland kommen 600 Millionen Euro, aus Großbritannien 840 Millionen, aus Italien selbst 920 Millionen Euro. Das Geld kommt von Pensionskassen, Banken, Versicherungen und Investmentfonds, von mehr als 100 Investoren. Sie alle haben Staatsanleihen erworben.

Wer eine Staatsanleihe kauft, leiht dem Staat Geld – mal für drei, mal für zehn, mal für dreißig Jahre – und bekommt dafür sozusagen als Leihgebühr jedes Jahr Zinsen. Sie fallen in der Regel umso höher aus, je länger die Laufzeit ist, und am Ende gibt es das Geld zurück. Damit bloß keine Verwechslung auftritt, hat jede Anleihe eine Kennzahl, IT0003535157 ist so eine, und diese Anleihe läuft bis zum 1. August 2034. Jährlich wirft sie fünf Prozent Zinsen ab.

Damals ist das nicht viel. Anfang des Jahrzehnts will jeder den Italienern Geld leihen. Die Schulden übersteigen zwar schon die jährliche Wirtschaftsleistung, aber die Welt vertraut auf die Wirtschaftskraft des Landes, auf Ferrari und Armani. Und Italien hat statt der Lira inzwischen den Euro. Vorbei sind also die Zeiten, in denen das Land seine Schulden mit der Notenpresse entwerten konnte – ein Risiko, für das die Geldgeber früher kräftige Zinsaufschläge gefordert hatten. Kurz: Wer sein Geld sicher anlegen will, scheint in Italien richtig.

September 2005: An der Mailänder Börse erklimmt IT0003535157 ein Allzeithoch. Das Wertpapier wird jetzt am sogenannten Sekundärmarkt gekauft und verkauft, dort, wo Anleger mit bereits ausgegebenen Staatsanleihen handeln. Am 22. September liegt die Anleihe knapp 22 Prozent über ihrem Ausgabepreis. Der Staat erhält bei diesem Geschäft kein frisches Geld mehr. Trotzdem ist der Regierung das Schicksal bereits ausgegebener Anleihen nicht egal. Die Kurse am Sekundärmarkt sind eine Art Barometer für die Stimmung der Geldgeber. Je mehr Investoren darauf vertrauen, dass ihr Geld in Italien gut aufgehoben ist, desto größer ist die Nachfrage nach den Anleihen, desto höher ist ihr Kurs. Je mehr Anleger an der Zahlungskraft des Landes zweifeln, desto niedriger sinkt er.

An dieser Stelle muss man eine Besonderheit des Anleihemarkts erklären: Eine Staatsanleihe ist ein Anrecht auf die Auszahlung eines festen Betrags. Im Fall von IT000353157 ist es das an den Staat verliehene Geld. Hinzu kommen über die Laufzeit die Zinsen. Diese Summe erhält der Käufer der Anleihe immer, egal, zu welchem Preis er sie erwirbt.